Magdeburg l Sachsen-Anhalt ehrt Marion Poschmann mit dem Klopstock-Preis für neue Literatur. Vor der Preisverleihung am 3. September sprach die 48-jährige Dichterin und Essayistin im Volksstimme-Interview über die Protagonisten im Buch, Identitäten und Träume.

Volksstimme: Träumen Sie viel?

Marion Poschmann: Jeder Mensch träumt viel, aber manche haben beim Aufwachen alles vergessen. Ich kann mich an meine Träume oft relativ gut erinnern.

„Er hatte geträumt, dass seine Frau ihn betrog“ ist der erste Satz in Ihrem Buch. Ihr Protagonist Gilbert Silvester setzt sich zwei Seiten später in ein Flugzeug nach Japan, weil er das nicht mit sich machen lässt. Wie kommt man auf solch kuriosen Anfang?

Ich habe mich lange mit dem Thema Handlung auseinandergesetzt, eine Romanhandlung ist immer konstruiert, und je konstruierter, desto glaubwürdiger, weil wir uns in der Literatur an bestimmte Abläufe und Schemata gewöhnt haben. Hier sind Träume sehr oft Motivation für den weiteren Fortgang, plakativ zum Beispiel bei Novalis und der blauen Blume. Ich wollte so einen Impuls benutzen und auf die Spitze treiben, ohne fantastisch zu werden.

In meinem Roman geht es um die Frage nach Traum, Einbildung, Wirklichkeit: Wovon lassen wir unser Leben bestimmen, und können wir diese Faktoren tatsächlich so gut unterscheiden, wie wir glauben?

Gilbert ist überhaupt kein Japan-Fan. Zudem ist er Bartforscher und Japaner sind als bartlos bekannt. Und er hatte als Kaffeetrinker Länder mit überdurchschnittlichem Teekonsum eigentlich abgelehnt. Warum also Japan?

Japan ist ein Land extremer Kontraste, zwischen Stadt und Land, Tradition und Moderne usw., ein Land großer Schönheit und großer gesellschaftlicher Spannungen. Sehr fremd, und gleichzeitig Deutschland in vielen Punkten auch sehr ähnlich, das heißt, Gilbert kann noch so weit reisen, seine Konflikte nimmt er mit.

Waren Sie auf den Kieferninseln?

Ja, zwei Mal.

Was hat Sie so fasziniert, dass Sie Ihre Leser unbedingt zu den Kieferninseln mitnehmen wollen?

Mich hat fasziniert, dass es sich um einen klassischen Ort der japanischen Literatur handelt: Immer wieder, über Jahrhunderte, sind die Dichter dorthin gepilgert und haben Gedichte verfasst. Und je mehr man von solchen Gedichten liest, desto schöner erscheinen einem diese Inseln.

Sie lassen mit Gilbert und seinem japanischen Wegbegleiter, der sich eigentlich umbringen will, zwei sehr skurrile Typen auf Reise gehen. Mögen Sie das Skurrile?

Ich mag das Ernsthafte sehr viel lieber als das Skurrile, aber in manchen Fällen benötigt man das eine, um das andere auszudrücken.

Japan ist von der Entfernung und Kultur eine radikale Veränderung. Sind Sie ein Mensch, der sich gern radikal verändert?

Ich weiß nicht, ob man sich überhaupt radikal verändern kann. Man müsste ja erst einmal wissen, wer man ist, eine festgelegte Identität haben, und wer kann das schon von sich behaupten? Ich glaube, man nimmt nur das wahr, was mit der eigenen Persönlichkeit irgendwie korrespondiert, und gerade in Japan ist es mir so gegangen, dass mir die Kultur, obwohl sie sich in der Tat von der abendländischen deutlich unterscheidet, seltsam vertraut vorkam. Es gibt dort eine Bevorzugung des Vagen, Indirekten, Subtilen, etwas, womit ich mich in meinen Büchern auch beschäftige.

Die Natur spielt nicht nur in diesem Buch eine große Rolle. Sie haben 2017 den Preis für Nature Writing erhalten. Die Auszeichnung ist verbunden mit einem Arbeitsstipendium auf der Ostsee-Insel Vilm. Waren Sie schon dort?

Ich war im letzten Sommer für sechs Wochen dort, habe in Honeckers Bett übernachtet und darin, wie man mir vor Ort prophezeite, sehr schlecht geträumt. Tagsüber konnte ich in dem wunderbaren Urwald spazierengehen, und bezaubernd ist natürlich der Blick auf das Meer.

In Ihrem nächsten Buch spielen Naturbilder also wieder eine besondere Rolle?

Ja, ganz sicher.