Berlin l Auf einem Foto mitten im Buch ist Tina Powileit mit den Frauen von Mona Lise zu sehen, der erste professionellen Frauenband des Ostens. Sie lachen herzhaft mit Udo Lindenberg, der verschmitzt an einer Zigarette zieht.

Im Interview, das Hentschel mit der Berliner Musikerin führte, erzählt Powileit, dass Lindenberg eine Tour durch die DDR geplant hatte und gemeinsam mit dem legendären Konzertveranstalter Fritz Rau die Idee hatte, die Frauen-Truppe als Support Act zu verpflichten. Powileit verrät, dass sie dafür die Zusage von Lindenberg bekommen hatten, die Tour dann aber nicht genehmigt wurde. Was blieb, ist das Foto aus dem Proberaum von Mona Lise.

In der „Seilschaft“ mit Gundermann

Tina Powileit, auch bekannt als Hauptdarstellerin in Hermann Zschoches Kino-Film „Die Alleinseglerin“ (1987), setzte sich in der Männerdomäne Schlagzeug durch. Sie erzählt, wie sie zum Instrument kam, dass ihr Drummer-Lehrer Klaus Selmke war, der im Mai 2020 plötzlich verstorbene Schlagzeuger von City, wie sie „Gundi“ Gundermann kennengelernt hat und mit ihm in der neu gegründeten Seilschaft spielte und was es mit dem Namen auf sich hat (jedenfalls alles andere als alte Seilschaften). Es geht um Alben, Auftritte, den geplatzen Platten-Auftrag, als die IM-Tätigkeit des singenden Baggerfahrers bekannt wurde. Dann der plötzliche Tod von Gerhard Gundermann, die folgende jahrelange Bühnen-Abstinenz der „Seilschaft“.

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Heute arbeitet die Band an neuen Songs und an einem Album. Wann es erscheinen wird, ist fraglich. Um es zu promoten, müssen Konzerte gespielt werden. Corona macht der Band da einen Strich durch die Rechnung.

Gesprächspartner geduzt

Auf 20 Seiten lässt der Autor Tina Powileit erzählen. Sie gehört zu 15 ostdeutschen Musikern, mit denen Christian Hentschel für sein Ostrockbuch (mit dem Vermerk: das vermutlich allerletzte) erneut und ausführlich gesprochen hat. Der Autor kennt sie alle, ihre Lieder, ihre Lebensläufe. Er duzt seine Gesprächspartner: Claudius Dreilich und Norbert Leisegang, Manuel Schmidt und Mike Kilian, Dieter „Maschine“ Birr und Uwe Hassbecker.

Zeit nach der Wende

Der gebürtige Ost-Berliner, der seit mehr als drei Jahrzehnten als Musikjournalist für verschiedene Zeitschriften arbeitet und 2004 die nach der Wende eingestellte traditionsreiche Musikzeitschrift „Melodie & Rhythmus“ wiederbelebte, schreibt in seinem Vorwort, dass ihn die Anekdoten der Musiker über Amiga, West- und Trasse-Tourneen, Einstufungen und Spielverbote nach wie vor interessieren. Er lässt die Musiker von ihren Ursprüngen und ihrem Aufstieg erzählen, von Rückschlägen, Verlusten, Formationswechseln, Zerwürfnissen, Freundschaften, Inspirationen. Es geht ihm aber nicht nur um den Blick in die DDR zurück, sondern um die Zeit nach der Wende, um das sich Neu- und Wiederfinden und um Pläne für die Zukunft. Das Wort Ostrock als Buchtitel ist nicht treffend, weil die Interviewten auch 30 Jahre nach Wende und Einheit auf den Bühnen stehen und ihre Fans an ihrer Seite wissen.

Urgesteine kommen zu Wort

Es sind Urgesteine wie Karat, Silly, Keimzeit, Puhdys, Rockhaus, Stern Meißen, Renft, Pension Volkmann oder IC Falkenberg, die zu Wort kommen. Dass auch Sebastian Krumbiegel von den Prinzen seinen Platz erhält, verwundert, kann man die Leipziger doch so gar nicht mit Ostrock in Verbindung bringen. Hentschel aber ordnet die DDR-Thomaner-Zeit als das erste Kapitel der Prinzen ein. Und als „Herzbuben“, ein Foto von 1987 ist veröffentlicht, waren sie in kleinen Clubs im Osten unterwegs. Eigentlich, so schreibt Hentschel in der kurzen Einführung zum Krumbiegel-Interview, wollte er mit ihm über die Zeit bei den Thomanern reden, aber dazu war des dann doch nicht gekommen. Es geht viel um politisches Engagement und Courage. Krumbiegel ist bekannt dafür. Er wurde mit dem Bundesverdienstorden geehrt. Er sagt, in Unterhaltung stecke das Wort Haltung.

So einiges hat man natürlich schon gehört und gelesen. Biografien und Erinnerungsbücher gibt es ja zahlreich. Auch Hentschel hat bereits über City, Keimzeit und die Puhdys geschrieben. Interessant wird es bei jenen, die nicht so im Rampenlicht stehen – wie Sonny Thet. Denn wer kennt heute noch „Bayon“, die erste deutsche Weltmusikband, die Einflüsse aus vielen Ländern verband?

Wer kennt noch Sonny Thet?

Wohl nur wenige wissen um den Mitbegründer Sonny Thet und dessen Lebensweg. Thet stammt aus Kambodscha, ist Ziehsohn des damaligen Staatsoberhauptes Prinz Sihanouk. Der schickte im Jahr 1969 den 16-jährigen Sonny zum klassischen Musikstudium nach Weimar. In der Ferne wurde er vom politischen Umsturz in der asiatischen Heimat überrascht, der eine Rückkehr nicht mehr möglich machte. Thet gründete in der DDR eine Band, um, wie er erzählt, das Taschengeld aufzubessern. Die Musik blieb sein Leben. Konzerte, Alben, bis heute arbeitet er an Theatern. Das Interview liest sich vor allem als spannende Lebensgeschichte.

Einige Bands fehlen. City natürlich, die sich vor wenigen Monaten mit einem bewegenden Song vom verstorbenen „General“ Klaus Selmke verabschiedet haben und zugleich ein Weitermachen ankündigten. Auch Pankow mit Frontmann André Herzberg.

Er habe die ausführlichen Interviews nicht kürzen wollen und weitere geführt, hat Hentschel vor kurzem in einem Radio-Gespräch bei Antenne Brandenburg verraten. Er kündigte den zweiten Teil für das kommende Jahr an. Das sei dann wirklich das allerletzte Ostrockbuch.

Christian Hentschel: Das vermutlich allerletzte Ostrockbuch, Verlag Neues Leben, 320 Seiten, 70 Fotos, 20 Euro.