Magdeburg l Es ist schon etwas seltsam. Vor allem für die, die heute so um die 40 sind. Da steht die Bühne für eine Band, die in der Teenie-Zeit den ersten Kreisch-Alarm ausgelöst hat – und das, obwohl auf dieser Seite der damaligen Grenze nie jemand darauf hoffen konnte, sie jemals live sehen zu können. An die „Bravo“-Starschnitte gab es kaum ein Herankommen, und die Songs wurden im Kinderzimmer auf Kassette mitgeschnitten.

Und nun kommt a-ha hierher zu uns nach Magdeburg. An diesem Abend bringen Mütter ihre Töchter mit, die nicht ganz so textsicher sind wie die, die damals „Morten“ gekreischt und sich diese coolen Lederbänder besorgt haben, die der charismatische Frontmann trug. Dazu gesellen sich das Partyvolk, das ein solches Ereignis nicht verpassen kann, und alle, die eben dabei sein möchten, wenn solche Stars im Schatten des Domes zu erleben sind. Um es vorwegzunehmen: Alle hatten ihren Spaß. Sänger Morten Harket, Gitarrist und Songwriter Pål Waaktaar-Savoy und Keyboarder Magne Furuholmen haben so richtig abgeliefert.

Pop, der am Herzen rüttelt

Selbst, wer ein wenig ärgerlich ist, dass er über eine Stunde lang in der Schlange stehen musste, um den Eingang zum Domplatz zu passieren, kann sich dem a-ha-Effekt, der gleich beim Auftakt-Song „Cry Wolf“ entsteht, kaum entziehen – der ja nun auch schon mehr als 30 Jahre auf dem musikalischen Buckel hat. Der sprichwörtliche Funke zündet sofort, und das Trio schiebt „The Blood That Moves The Body“ sofort hinterher. Während die Teenie-Fans von einst sich nicht entscheiden können, ob sie mitsingen, ausflippen oder sich den Hals verrenken sollen, um zu sehen, wie die Norweger heute aussehen, entfaltet sich Song für Song das Konzert.

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Und das beweist, dass a-ha weit mehr ist als eine Gruppe, die in den 80ern zur Teenieband abgestempelt worden ist. Diese drei gelten noch heute als Pioniere in der Musik- und Videotechnologie. Mit der Langlebigkeit von mehr als 30 Jahren und ihrem Vermächtnis können es nur wenige Bands aufnehmen. Während dieser Jahre war es immer mal sehr leise um die Nordmannen geworden, aber nie wirklich still. Sie haben ihre Musik weiterentwickelt, nachdenkliche Texte formuliert und den Hauch einer Alternativ-Rock-Combo um sich gelegt. Zum Glück ist jedoch das, was sie dem Live-Publikum bieten, unverwechselbar geblieben – perfekter Pop, der in die Ohren geht und am Herzen rüttelt, gesanglich umgesetzt von Morten Harket.

Seine unverwechselbare Stimme prägt das Konzert, auch, wenn sie manche sehr hohe Tonlage inzwischen umgeht. Dem charismatischen Frontmann, der ohne Pause singt, geht kaum die Puste aus. Und dabei sieht er auch mit Ende 50 noch richtig gut aus – wie die anderen beiden Bandmitglieder auch. Die Zeit ist vielleicht nicht stehen geblieben, aber viele der Besucher tauchen an diesem Abend ein Stück nach hinten in sie hinein.

A-ha schöpft  aus der vollen Hitkiste und holt Songs wie „The Sun Always Shines On TV“ und „Manhatten Skylines“ heraus, die sich ein bisschen gitarrenlastiger als früher anhören und bei denen der alte Schmelz ein wenig fehlt. Dazwischen mixen die Norweger ein paar unbekanntere Songs. Mit Elektro-Set, Band, Streichersektion, dieser Konzertabfolge, den Gitarren-Einlagen von Pål Waaktaar-Savoy – der gern mal seine Instrumente wechselt – und dieser unfassbaren Stimme von Morten Harket beweisen die a-ha-Mannen in Magdeburg, dass sie noch immer in der oberen musikalischen Liga mitmischen können. Da verzeiht man dem Sänger auch, dass er wenig nahbar wirkt, nur zwei Sätze sagt, in denen er „Magdeburg“ einstreut. An Bewegung ist bei Morten Harket kaum zu denken, er wirkt sympathisch introvertiert.

Musiker in Miniatur-Ansicht

Die Interaktion mit dem Publikum übernimmt Magne Furuholmen, der vom Keyboard an den Bühnenrand kommt und dafür sorgt, dass bei „Hunting High and Low“ ein Massenchor unter freiem Himmel singt, der zum Glück die Regenwolken gnädig weiterziehen lässt.

Der Keyboarder versucht sich sogar auf Deutsch und stellt die Gastmusiker vor, die mit für einen satten Sound auf dem Domplatz sorgen. Ein bisschen schade ist, dass man seine Neugier auf das Aussehen der drei und die Lust, auch kleine Gesten mitzuverfolgen, nicht mit Blick auf große Leinwände ausleben kann. In den hinteren Reihen bleiben die drei berühmten Menschen dort auf der Bühne eine Miniatur-Ansicht vor schön illuminiertem Hintergrund. Umso besser, dass der Hör-Genuss richtig groß ist. Schon lange bevor der James-Bond-Song „The Living Daylights“ und das unvermeidliche und erwartete „Take On Me“ am Ende viele in Ekstase versetzen, ist die Stimmung, wie sie sein muss, wenn man bei einem Konzert steht.

Für die, die damals sehnsüchtig auf jene schauten, die problemlos an Starschnitte, Alben und Lederbänder herankamen, die versuchten, das Englisch aus dem Kassettenrekorder nachzuahmen, die a-ha aus der Pubertät mitgenommen haben in ihre Lebensjahre – für die dürfte dieses Konzert eine besondere Reise gewesen sein: Zurück in die Vergangenheit und wieder zurück in die Zukunft. Für ihre Kinder könnte sich an diesem Abend erklärt haben, warum die Eltern so was damals gut gefunden haben. Und für alle anderen könnte es einfach ein richtig schöner Abend vor traumhafter Kulisse gewesen sein.