Wernigerode l Das gemeinschaftliche Singen hat es heute nicht leicht. Die Sängergemeinschaften werden kleiner. Nachwuchs fehlt. Das liegt nicht nur am demografischen Wandel und der Konzentration des Chorlebens auf die Städte. „Die Konkurrenz ist groß geworden“, sagt Reiner Schomburg. Der Präsident des Chorverbandes Sachsen-Anhalt nennt da vor allem die „Fremdbeschallung“. „Man trägt heute lieber einen Stöpsel im Ohr“, sagt er.

Schomburg, der selbst seit Kindheit in einem Chor singt, weiß allzu gut, dass kaum noch in den Familien gesungen wird und auch der Musikunterricht an den Schulen nicht selten zu kurz kommt. In dem von ihm geleiteten Chorverband macht sich die Entwicklung bemerkbar: 380 Chöre gehören ihm an mit ungefähr 11 000 Sängerinnen und Sängern. Vor fast 20 Jahren waren es noch 4000 mehr.

Singen aber sei Kulturgut, das in die Mitte der Gesellschaft gehöre, so Schomburg. „Wir werden an den drei Tagen zeigen, wie schön, wie befreiend es ist“, sagt er. Das gemeinsame Singen mit dem Publikum steht denn auch im Mittelpunkt des 5. Chorfestes. „Wernigerode ist ganz Chor“ ist es überschrieben. Und damit wirklich möglichst viele Menschen aktiv mitgenommen werden, gibt es nicht nur Konzerte in den Kirchen der Stadt und hoch oben im Schloss, sondern jede Menge Gesang in den Straßen und auf der Bühne auf dem Marktplatz. Schomburg spricht von Festivalcharakter. „Wir wollen die Menschen begeistern“, sagt der Präsident.

Dazu gehört nicht nur das Zuhören, sondern auch das Mitmachen. Am Nachmittag des 26. Mai gilt das besonders, wenn der Ich-kann-nicht-singen-Chor auf dem Markt auftreten wird. Michael Betzner-Brandt von der Universität der Künste Berlin hat das Projekt vor Jahren ins Leben gerufen und schart jede Menge Menschen um sich, die sonst nur alleine singen oder die meinen, sie könnten nicht singen, sowie jene, die sich bisher nicht zu singen trauten. Der Chorleiter und Singanimator wird Beatles-Hits einüben, die eine Stunde später vom vielleicht größten Beatles-Chor Sachsen-Anhalts erklingen. Alles ohne Noten, aber in Begleitung einer Coverband aus Bremen.

Volkslieder, Schlager, Rock und Pop

Volkslieder, Schlager, Rock und Pop. 18 Konzerte wird es geben, 41 Chöre aus Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Sachsen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern reisen an. 1200 Sängerinnen und Sänger treten auf. Das Landeschorfest, das alle vier Jahre stattfindet, ehrenamtlich geführt und jetzt zum fünften Mal ausgetragen wird, war laut Schomburg noch nie so groß. Er zeigt sich sehr zuversichtlich, dass in den drei Tagen viele Menschen für das Singen begeistert werden können. Schließlich weiß der Hasseröder den Harzort hinter sich, der sich zu recht als Stadt der Chöre bezeichnet.

Eine Stadt ganz im Zeichen des Chores

Seit 1999 lädt man in Wernigerode zum Internationalen Johannes-Brahms-Chorfestival. Im Landesmusikgymnasium erhalten Jugendliche aus ganz Deutschland eine musikalische Ausbildung. Der Rundfunk-Jugendchor ist ein international anerkanntes Spitzen-Ensemble, die Schulchöre der beiden Gymnasien sind weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Schomburg: „Wohl keine Stadt in Sachsen-Anhalt hat sich in den letzten 25 Jahren so sehr dem Chorgesang verschrieben wie Wernigerode.“ Kein Wunder also, dass bis in die Nacht hinein gesungen wird – in den Kirchen, auf dem Marktplatz, im Zug, auf dem Brocken.

Weitere Informationen im Internet unter www.chorverband-sachsen-anhalt.de