Nah am Wahnsinn: Goeckes Ballett Nijinski
Stuttgarts Star-Choreograph Marco Goecke produziert wie am Fließband: Jetzt lässt er Gauthier Dance das Leben einer russischen Tanzlegende nacherzählen.
Stuttgart (dpa) - Das bewegte Leben der russischen Tanzlegende Waslaw Nijinsky zeichnet das neue Ballett des letztjährigen Choreographen des Jahres Marco Goecke nach. Der 44 Jahre alte Hauschoreograph des renommierten Stuttgarter Balletts schuf das abendfüllende Stück für Gauthier Dance, die Tanzcompagnie des Theaterhauses.
Weitgehend chronologisch erzählt Nijinski die kometenhafte Karriere des legendären Ballettchoreographen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Kunst und Wahnsinn lagen bei ihm ganz nah beieinander. Uraufführung ist am Freitag (20 Uhr).
Die Musik stammt unter anderem von Frédéric Chopin oder Claude Debussy. Goeckes Choreographie kommt so daher, wie man es von ihm gewöhnt ist: auf das Wesentliche reduziert, versehen mit der typischen avantgardistischen Bewegungssprache. Bei Goecke tanzen vor allem die Arme, die Tänzer schnaufen, zischen, tuscheln, schreien. Ganz wichtig war die Frage, wie sich der Wahnsinn langsam Bahn bricht. Auf die ruhmreiche Lebensphase folgte dann also der Einbruch, sagte Goecke.
Waslaw Nijinsky (1889-1950) schrieb Tanzgeschichte. Seine Partien bei den Ballets Russes sind in der Szene unvergessen, als Choreograph setzte er Maßstäbe - löste aber auch manchen Skandal aus und erregte mit unverhüllter Erotik Anstoß. Er kämpfte gegen Schizophrenie, zog sich aus dem öffentlichen Leben zurück. Nijinsky erlebte beide Weltkriege, war als Patient in der Nervenheilanstalt von den Euthanasie-Morden der Nazis bedroht, entkam nur knapp.
Eric Gauthier, Chef von Gauthier Dance und einst selbst Tänzer am Stuttgarter Ballett, nannte Nijinsky das vermutlich größte Genie, das der Tanz je gesehen hat. Goecke zähle zu den wichtigsten Künstlern seiner Generation. Für mich ist er ganz klar einer der kommenden Meister.