Wernigerode l Wenn man sich dieser Tage mit Musikdirektor Christian Fitzner über die bevorstehenden Schlossfestspiele unterhält, dann spürt man die Vorfreude beim Orchesterchef auf das am Sonnabend beginnende Musikfestival. Seine Musiker des Philharmonischen Kammerorchesters ziehen für ihre Auftritte wieder in die wahrlich märchenhafte Kulisse des Schlosses – und mit ihnen Hunderte Besucher. Die hatten sich in diesem Jahr so schnell die Opernkarten gesichert, dass seit Wochen kein Rankommen mehr an Tickets ist. „Die Oper war so früh ausverkauft wie noch nie“, sagt Fitzner, der auch künstlerischer Leiter des Festivals ist. „Mit diesem Ansturm habe ich überhaupt nicht gerechnet.“

Schließlich steht Bellini, der in jungen Jahren verstorbene Sizilianer, im Schatten von Rossini und Donizetti. Und sein „Romeo und Julia“ kann trotz der umjubelten Premiere 1830 in Venedig nicht mithalten mit der Bekanntheit des gleichnamigen Prokofjew-Balletts oder der französischen Oper „Roméo et Juliette“ von Gounod.

Eine Frau als Romeo

Die nur wenige Male gezeigte Opern-Produktion ist jährlicher Höhepunkt des Festivals. Fitzner setzte schon auf Zugpferde wie „Die Zauberflöte“, „Figaro“, „Don Giovanni“ oder Verdis „Rigoletto“ im vergangenen Jahr. Er hatte auch schon immer den Mut, eine unbekanntere Oper auf den Spielplan zu setzen. „Martha“ gehörte beispielsweise dazu und Charles Gounods „Faust“. Auch Vincenzo Bellinis Romeo-und-Julia-Adaption „I Capuleti e i Montecchi“ ist eher selten auf deutschen Bühnen zu finden. Dass sie jetzt im Schloss-Innenhof erklingen wird, hat wohl so manchen Fachbesucher nicht lange überlegen lassen beim Ticketkauf. Diese wunderbare Musik in dieser romantischen Kulisse ... Überregionale Reisegruppen hatten rechtzeitig gebucht.

Fitzner schwärmt von der Musik und den wunderschönen Gesangsarien. Das eigens zusammengestellte Sängerensemble käme von namhaften Agenturen. Für die Chorliteratur – es wird italienisch gesungen – baut das Kammerorchester als Veranstalter auf einen professionellen Männerchor, zudem auf die Schweizer Schauspielerin und Sängerin Emanuela von Frankenberg („Um Himmels Willen“, Ku‘damm 56“, „Hunkeler“), die als imaginäre Mutter von Romeo über die Handlung erzählen wird – sozusagen als Ersatz zu deutschen Übertiteln.

„Wir haben ein starkes Team und tolle Sänger engagiert“, so der Orchesterchef. Die Rolle der Giulietta wird von der Russin Liudmila Lokaichuk gesungen, Romeo – ursprünglich vom Komponisten als Hosenrolle gedacht – von der Polin Wioletta Hebrowska. „Wir haben zwei Frauen in den Hauptrollen“, sagt Fitzner. Die Regisseurin werde stark auf die Rolle der Frau setzen. Birgit Kronshage führt Regie. Die gebürtige Hannoveranerin hatte 2017 bereits mit Gounods „Faust“ Wernigerode-Premiere. Ihre Handschrift hatte den Nerv des Publikums getroffen.

Apropos Publikumsnerv. Die Wandelkonzerte sind seit Jahren ein Renner. Das Publikum schätzt das Format: Abendlich-musikalischer Rundgang durch die historischen Wohnräume in kleinen Gruppen von 30 Leuten. Alle 13 Konzerte sind ausgebucht.

Karten sind laut Orchester noch zu haben für die First Night (für das traditionelle Eröffnungskonzert holt Fitzner den ohne Arme geborenen und mit Füßen spielenden Hornisten Felix Klieser erneut nach Wernigerode) sowie für die Last Night am Ende der 24. Auflage. Zudem bietet das Orchester am 13. August eine Nachmittagsvorstellung der Opern-Produktion im Fürstlichen Marstall an. Es ist ein Angebot auch für all jene, die spätabends nicht aufs Schloss wollen oder die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Karten sind noch vorrätig.

Eigentlich müsste Musikdirektor Fitzner angesichts des sonnabendlichen Festivalstarts und des Gut-gebucht-Seins hochglücklich sein. Doch Fitzner hadert. Man müsse überlegen, wie das Festival zukünftig gestaltet werden könne, sagt er auch mit Blick auf weniger zur Verfügung stehendes Sponsorengeld. Die Opernaufführungen seien trotz der Eintrittspreise von bis zu 45 Euro (Premiere) nicht kostendeckend. 300 Leute passen in den Schloss-Innenhof. Das ist nicht viel. Während die Gäste diese intime Atmosphäre schätzen, muss das kleine Orchester Obacht auf die Wirtschaftlichkeit haben.

Im Gespräch spürt man, wie dieser Spagat den Dirigenten umtreibt, der auch fürs Geld zuständig ist. Er spricht von neuen Ideen, die gebraucht werden. Am besten schon 2020. Dann werden die Schlossfestspiele 25.