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Roadmovie: Kleine Ziege, sturer Bock

Tatort-Star Wotan Wilke Möhring als Loser, der plötzlich eine zwölfjährige Tochter hat: Johannes Fabricks Roadmovie Kleine Ziege, sturer Bock ist ein Plädoyer für familiäre Zusammengehörigkeit auch ohne Trauschein.

Von Ulrike Cordes, dpa 09.10.2015, 12:40

Berlin (dpa) - Längst nicht alle Kinder wachsen heute in Familien mit Vater und Mutter auf. Dazu gehört, dass viele Jungen und Mädchen einen Elternteil gar nicht kennen.

Das gab es zwar auch früher schon, wie es etwa Erich Kästner 1949 im Jugendbuch-Klassiker Das doppelte Lottchen einfühlsam und humorvoll beschrieben hat (entstanden übrigens 1942 als Film-Idee). Jedoch haben solche Modelle seither zugenommen. Grund genug also für eine Kinogeschichte, die sich des Problems mal wieder annimmt.

Kleine Ziege, sturer Bock heißt das von Grimme-Preisträger Johannes Fabrick (Der letzte schöne Tag) inszenierte Roadmovie, in dem sich Schauspielstar Wotan Wilke Möhring (48, Tatort, Das Leben ist nichts für Feiglinge) und Schauspielneuling Sofia Bolotina (12) auf den Weg machen.

Von Kästner-Niveau ist die freundlich unterhaltsame, aber schablonenhaft gestrickte Vater-Tochter-Zusammenführung allerdings weit entfernt (Drehbuch: Petra K. Wagner). Das Originellste an ihr bleibt der stinkende, störrische Schafsbock, der eine tragende Rolle spielt. Das Viech will der Hamburger Gelegenheits-Elvis-Imitator und Loser Lukas (Möhring) nämlich in einem klapperigen Gefährt nach Norwegen transportieren, um sich etwas Geld zu verdienen.

Doch da taucht die zickige zwölfjährige Mai aus München auf und behauptet, sein Nachwuchs zu sein - aus einer Kurzverbindung mit ihrer Mutter Julia (Julia Koschitz, Hin und weg), einem Opernstar aus gutem Hause. Der ist sie entwischt, weil sie es nicht erträgt, dass Julias neuer Gefährte samt Söhnen mit in ihre Wohnung zieht. Also muss Mai mit gen Norden - widerwillig gesellt sich die verwöhnte Cellospielerin zu ihrem enttäuschenden Erzeuger und dem Felltier. Doch nach gemeinsam durchlebten Pleiten, Pech und Pannen lösen sich Vorbehalte auf beiden Seiten, Vater und Tochter gestehen einander ihre Sehnsucht nach Verbundenheit. All das wird etwas penetrant untermalt von Presley-Hits, neu eingespielt vom Hauptdarsteller persönlich - von Are You Lonesome Tonight? bis Love Me Tender.

Der markige Möhring spielt spürbar mit Herzblut, während die junge Sofia Bolotina manchmal ein wenig künstlich bleibt - dafür darf sie in einigen Szenen ihre akrobatische Gelenkigkeit vorführen.

Wundersamerweise taucht in der skandinavischen Einöde auch die divenhafte Mutter auf. Doch zum Glück verzichtet der Film auf ein drastisches Happy End zu dritt - mögliche noch vorhandene Anziehungskraft zwischen Lukas und seiner Ex-Freundin wird nur zart angedeutet. Während Fabricks Kinowerk die menschliche Natur eher flüchtig betrachtet, punktet es mit idyllischen Landschaften Dänemarks, Schwedens und Norwegens. Zu den schönsten Bildern gehören die von verhalten leuchtenden Nordlichtern am Himmel.

Kleine Ziege, sturer Bock