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Heute vor 75 Jahren kam der erste Zeichentrick-Spielfilm von Walt Disney in die Kinos Schneewittchen begründete ein Imperium

21.12.2012, 01:24

Nach Jahren voller kurzer Filmcartoons wollte Walt Disney mehr: Ein Brüder-Grimm-Märchen wurde sein erster abendfüllender Film. Die Premiere von "Schneewittchen und die sieben Zwerge" legte vor genau 75 Jahren den Grundstein für ein Zeichentrick-Imperium.

New York/Los Angeles (dpa) l Der erste Zuschauer blieb stumm. Mit versteinertem Gesicht saß Walt Disneys Banker vor "Schneewittchen und die sieben Zwerge" und sagte kein Wort. Der Film war ein Wagnis: Abendfüllende Cartoons waren in den 1920er Jahren völlig unbekannt, und niemand konnte sich vorstellen, dass das Kinopublikum Lust und Geduld für so etwas haben könnte - außer Disney.

Aber um die teure Idee fertigzustellen, brauchte er seinen Banker. Der brach das Schweigen erst nach der Privatvorführung auf dem Weg zum Auto. "Walt, dieser Film wird dir einen ganzen Hut voller Geld einbringen."

Der Kredit war gewährt - und der Banker, dessen Name nicht überliefert ist, sollte recht behalten. Schon bei der Premiere am 21. Dezember 1937 - heute vor genau 75 Jahren - im Carthay Circle Theater in Los Angeles begeisterte der erste abendfüllende Disney-Zeichentrickfilm Stars wie Charlie Chaplin, Shirley Temple, Clark Gable und Marlene Dietrich.

Das "Time"-Magazin nahm Disney und seine sieben Zwerge auf die Titelseite und die "New York Times" titelte: "Ganz herzlichen Dank, Herr Disney". Allen Zweifeln zum Trotz spielte die Geschichte der Prinzessin Schneewittchen, deren Stiefmutter sie so sehr um ihre Schönheit beneidet, dass sie sie schließlich mit einem vergifteten Apfel tötet, auf Anhieb mehr als acht Millionen Dollar ein und legte damit den Grundstein für das Cartoon-Imperium des legendären Produzenten.

Mit dem Geld konnte Disney ein neues Studio finanzieren und innerhalb weniger Jahre erfolgreiche Nachfolge-Cartoons wie "Pinocchio", "Fantasia" und "Bambi" produzieren.

Die Geschichte von Schneewittchen hatte Disney aus Deutschland. Das 1812 erstmals veröffentlichte Märchen der Brüder Grimm war bereits Vorlage für einen Hollywood-Stummfilm gewesen. Disney heuerte mehr als 700 Zeichner, Hintergrundmaler, Techniker und andere Mitarbeiter an, um in äußerst aufwändiger Zeichenarbeit daraus einen 83 Minuten langen Trickfilm zu machen. Mit einer Schrift-Tafel gleich zu Anfang des Films bedankte sich Disney später bei seinem Team: "Mein ehrlicher Dank geht an alle meine Mitarbeiter, deren Loyalität und kreativere Herangehensweise diese Produktion möglich gemacht haben."

Vermenschlichte Tiere wurden zum Markenzeichen

Für Schneewittchen - "die Schönste im ganzen Land" - stand die erst 13-jährige Marge Champion Modell. "Weil Cartoon-Figuren so einen großen Kopf im Vergleich zu ihrem Körper haben, musste ich einen Football-Helm tragen, auf den schwarze Haare gemalt waren", erinnerte sie sich später einmal in einem Interview. "Mittags bin ich immer schon fast in Ohnmacht gefallen mit all den Lampen und dem Helm auf, außerdem konnte ich mich schlecht bewegen. Also haben sie ihn mir endlich abgenommen und einfach nur eine Schleife in mein Haar gebunden."

Verglichen mit der Ästhetik späterer Disney-Filme wirkt "Schneewittchen und die sieben Zwerge" eher langatmig und handlungsarm. Aber die liebevollen Zeichnungen und Ausarbeitungen der einzelnen Charaktere - besonders der Zwerge Chef, Hatschi, Happy, Schlafmütz, Brummbär, Pimpl und Seppl - machten den Cartoon zu einem heute noch beliebten unterhaltsamen und zeitlosen Klassiker voller Witz.

Viele typische Eigenschaften späterer Disney-Filme tauchen bereits auf - wie beispielsweise die Vermenschlichung von Tieren. Vögel werden rot, wenn der gut aussehende Prinz sie anschaut, Eichhörnchen fegen mit ihrem Schweif die Zwergen-Hütte, Hirsche benutzen die Geweihe zum Wäsche-Aufhängen und Vogel-Eltern halten sich mit ihren Flügeln die Ohren zu, wenn der Nachwuchs schief singt.

An so viel Kreativität und Erfolg kamen schließlich auch die Veranstalter der Oscars nicht mehr vorbei: 1939 bekam "Schneewittchen und die sieben Zwerge" leicht verspätet dann doch noch den wohlverdienten "Spezial-Oscar": Einen großen und sieben kleine.