Gonzalo Galguera inszeniert in Magdeburg Ballett mit viel Romantik und klassischem Tanz So schön, so unerreichbar
Ein von Beginn an begeistertes Publikum hat am Sonnabendabend im Magdeburger Opernhaus eine von Dramatik und Tragik gleichermaßen geprägte Premiere des Balletts "La Sylphide" mit der Musik von Herman Severin Løvenskiold erlebt.
Magdeburg l Chefchoreograf Gonzalo Galguera nimmt die Zuschauer in seiner Inszenierung mit an die Wiege des romantischen Balletts, als mit der Uraufführung 1832 in Paris der Spitzentanz und das Tutu erstmals präsentiert wurden.
Erzählt wird die Geschichte des jungen Schotten James, dessen Hochzeit mit seiner Verlobten Effie unmittelbar bevorsteht. Doch James scheint nicht ganz bei der Sache zu sein. Ihn bewegt eine gerade zuvor erlebte und ihn faszinierende Traumfigur, die immer wieder, nur von ihm sichtbar, in die Beziehung "eindringen" wird. Es ist eine Sylphide, ein Luftgeist, eine Elfe.
Die Handlung im Hochzeitshaus lässt Galguera irdisch real ablaufen, konservativ, doch nicht verstaubt. Ballett, das unterhält, mit fast fehlerloser Synchronität in den flott choreografierten Gruppentänzen wie in den Pas de deux und den mit effektvollen Schlussposen getanzten Soli, alles im facettenreich klassischen Tanz. Und auch stimmig im Schottenkaro und feschen Trachten. Das Premierenpublikum tat sein Gefallen jedenfalls mit viel Zwischenbeifall kund.
Dramatisch zuspitzend gestaltete sich mit einem emotionalen Pas de trois mit Daniel Smith als James, Antanina Maksimovich als Effie und der sich "hineindrängenden" Lou Beyne als die Sylphide die seelische Beziehungsproblematik.
Mit ausgeprägter Sprungtechnik, sicheren Pirouetten und ständiger Bühnenpräsenz bei immer mehr oder weniger spürbarer hintergründiger seelischer Zerrissenheit gibt Daniel Smith seiner Rolle nachhaltige Wirkung. Grazil, federleicht im ständigen Aufeinanderzugehen und Entfliehen, mit großen ausschweifenden Bewegungen bleibt Lou Beyne als Sylphide letztendlich doch unerreicht für James.
Ein Publikumsliebling wurde auch, trotz des "fiesen" Charakters und des "hässlichen" Kostüms, die rachsüchtige und hinterhältige Madge, ausdrucksstark von Daniel Ojeda dargestellt. Um die Rachegelüste der Unheil verkündenden Wahrsagerin zu verstehen, hat Gonzalo Galguera dem eigentlichen Ballett einen erklärenden kurzen Prolog vorangestellt: Bei einer flüchtigen jugendlichen Begegnung hat Madge James ihre Liebe gestanden, die er jedoch abwies.
Als die in Spotlicht getauchte Sylphide James den Ring entwendete und flüchtete, folgte er ihr, ließ die Hochzeit und die Gäste sein ...
Nach der Pause fanden sich der umherirrende James und die Zuschauer in einem düsteren Wald wieder (Bühne/Kostüme Jerome Kaplan). Die Kulissen, eine am kräftigen Bühnengeschirr hindurchschwebende Sylphide, Nebel und fahles Licht verliehen der Szene Unwirklichkeit. Madge befreite mit mystisch wirkender Mimik und Gestik James aus der Hand von Banditen. Ganz in Weiß tanzten zu lieblicher Musik die Sylphiden auf Spitze und in Gruppe.
Der Bräutigam verliert am Ende beide Frauen
James bat Madge, ihm zu helfen, "seiner" Sylphide habhaft zu werden, im Sinne des Wortes. Zu Bläsermusik im Forte kochte Madge gemeinsam mit mystisch umherschwirrenden Kobolden in einem dramatischen Akt eine Giftbrühe, der sie einen weißen Schal entzog.
Von James umgelegt, wird er später der Sylphide den Tod bringen. Und, wie es so vorgesehen ist, fallen die zwei kleinen durchsichtigen Flügelchen ab. Sie sinkt, sich immer wieder aufrichtend, zu Boden. Lou Beyne tanzt eine zu Herzen gehende Strebeszene, die das Publikum berühren mag - so schön traurig.
Als James in der Ferne die fröhlich vorbeiziehende Hochzeitsgesellschaft mit "seiner" Effie und dem einstigen WidersachersGurn erleben muss, erreicht die Traurigkeit ein weiteres Niveau. Bei Gonzalo Galguera bleibt James offensichtlich am Leben, hat aber verloren. Madge geht dafür zugrunde: Rache bringt keine Erfüllung. Eine Moral für das reale Leben möge ziehen, wer will und kann.
Die Magdeburger Philharmonie unter Leitung von Pawel Poplowski interpretierte die facettenreiche und oft fast beschwingt daherkommende Musik mit gutem Gespür für die notwendige Dramatik und Spannung. Das Publikum hat einen wunderschönen Ballett-abend mit viel Romantik und klassischem Tanz mit viel Zustimmung belohnt.
Die nächste Aufführung ist am 12. Oktober um 19.30 Uhr.