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Anhaltisches Theater Dessau zeigt Uraufführung des Stückes "Der Fliegende Mensch - Eine Junkers-Saga" auf der Bauhaus-Bühne Szenische Installation mit neuem Blick auf Hugo Junkers

Von Helmut Rohm 25.02.2013, 01:16

Dessau-Roßlau l Die Geschichte von Hugo Junkers wird sicher nicht völlig neu geschrieben werden müssen. Doch nach der Uraufführung der zweiteiligen szenischen Installation "Der Fliegende Mensch - Eine Junkers-Saga" am Sonnabend auf der Bühne des Bauhauses Dessau ist Junkers unter einem neuen Blickwinkel zu betrachten.

Autorin Tine Rahel Völcker, die im Auftrag des Anhaltischen Theaters Dessau nach intensivem Quellenstudium das Buch schrieb, hat eigentlich nichts Neues, bisher Unbekanntes oder Verstecktes über den Ingenieur und Flugzeugpionier Junkers (1859-1935) und dessen Geschichte recherchiert. Regisseurin Andrea Moses und Dramaturg Holger Kuhla schufen eine überaus spannende und dramaturgisch anspruchsvolle etwa zweistündige Bühnenfassung. Alles in allem ein von der gewichtigen Thematik her sicher gewagtes und auch mutiges Unterfangen - doch mit dem Blick für Realitäten eine durchaus gelungene aussagekräftige Komprimierung.

Zwei Schauspielerinnen und sechs Schauspieler agieren mit bemerkenswerter Agilität und mit bewundenswerter Konzentration in schnell wechselnden Darstellungsebenen und verschiedenen Rollen, auch in der erläuternden Erzählerfunktion.

Auf dem weit in die Tiefe reichenden Bühnenraum (Ausstattung Karoly Risz), der im wesentlichen durch verschiedenformatige und aktionsreich bewegte Transportcontainer dominiert wurde, waren sowohl einst reale Personen wie auch fiktive Figuren, in denen sich gewissermaßen "zusammengefasste" historische Personen widerspiegeln, präsent.

Ausgewählte Szenen lassen den Zuschauer Denken und Tun Hugo Junkers\' nachvollziehen. Dargestellt im Kontext zu seiner familiären und unternehmensnahen Umgebung und den jeweils herrschenden gesellschaftliche Entwicklungen.

Da geht es um das persönlich und gesellschaftlich bedingt gestörte und konfliktreiche Verhältnis von Junkers (Gerald Fiedler ungemein wandlungsfähig) zu seiner Tochter Hertha (Katja Sieder) und seinem Sohn Klaus (Patrick Rupar). Oder: Junkers schließt 1921, unter Umgehung der Versailler Verträge, ein Rüstungsprojekt mit der Sowjetunion ab. Seinen inneren Kampf Pazifist gegen Profit mit dem Mantel der Forschertätigkeit gewinnt Letzterer.

Das Stück beleuchtet die diffizilen Beziehungen zwischen dem Bauhaus und Junkers. Das Bauhauses, aus dem auch das Firmenlogo "Der fliegende Mensch" stammt, wird durch die Figur des Friedrich Höhlsen (Peter Wagner) symbolhaft vertreten.

Da sind die beiden Bankrotte des Junkers-Imperiums. Im Gegensatz zum landläufig bekannt "guten Unternehmer" werden im Stück die wirtschaftlichen und sozialen Konflikte offen thematisiert. Ein neuer Blick wird auf die Beziehung zu den Nationalsozialisten eröffnet. Diese waren nur an den Forschungsunterlagen Junkers\' interessiert. Dessen Wunsch, mit ihnen zusammenzuarbeiten gipfelt mit dem schluchzend vorgetragenen Flehen: "Ich will tun, was der Führer will!"

Im zweiten Teil widmet sich das Stück ebenso den gesellschaftlichen Vorgängen in Dessau. Die Synagoge (theater-technisch brillant und emotional eindrucksvoll dargestellt) brennt und Dessauer stellen fest: "Feuer bedeutet auch Reinigung" - und singen dann Volkslieder. Überhaupt und in der Rolle des erfundenen Technokraten Alfred Köppe (Julian Mehne) fokussiert, gilt: Es geht alles weiter, nicht politisch hinterfragt, man muss "schmerzfrei durch die Zeit" kommen.

Dessauer plündern jüdische Geschäfte. Die mit großem nationalsozialistischen Pomp unter Jubel der Bürger stattgefundene Theater-Eröffnung wird eingeordnet. Ton, Licht und Video und erschreckende Realitätsnähe zeichnen den Bombenangriff auf Dessau nach.

Danach geht es weiter. "Wir durften alles mitnehmen, auch den Steinway-Flügel..." 600 Spezialisten der Luftfahrtindustrie von Junkers, BMW und Askania wurden mit ihren Familien in die Sowjetunion verbracht. Für die Weiterentwicklung der dortigen Luftfahrtindustrie.

Junkers ist und bleibt ein Sohn Dessaus. Der Blick auf ihn wird ein anderer sein.