Hannover widmet Siegfried Neuenhausen eine Doppelausstellung Tausende Figuren zeigen die Faszination Masse
Von Christina Sticht
Hannover (dpa). Die winzigen Herren mit Hut und Mantel formieren sich zu Aufmärschen, umkreisen ein liegendes Opfer oder drängen sich zu einem Menschenpulk. Knapp 5000 gleichförmige Figuren bevölkern derzeit den Kunstverein Hannover. Siegfried Neuenhausen (79) hat sie eigens für die Ausstellung "Kleine Welten" geschaffen. "Sie sind Metaphern für das, was gesellschaftlich passiert von Nordkorea bis zum Westbahnsteig, wo einer niedergeschlagen wird", sagt der emeritierte Professor der Hochschule für Bildende Künste (HBK) Braunschweig.
"Die monumentale Installation zeigt die Faszination der Masse und lässt Raum für vielfältige Assoziationen", sagt der Direktor des Kunstvereins, René Zechlin. Tatsächlich erinnern die aus Fango-Lehm hergestellten Männer mal an Stasi-Mitarbeiter, mal an bemitleidenswerte, fremdbestimmte Charaktere von Franz Kafka.
Die Vorläufer der 16 Zentimeter kleinen Figuren – darunter auch einige Frauen – sind im Sprengel Museum Hannover zu sehen. Eine zweite Schau mit Frühwerken Neuenhausens läuft hier ebenfalls – wie die Präsentation "Kleine Welten" – bis zum 14. August.
Die "Bürger von B." (1967), neun lebensgroße Skulpturen, wenden sich voneinander ab. "Sie sind eine schweigende Versammlung verpanzert in ihren Mänteln", sagt der Direktor des Sprengel Museums, Ulrich Krempel.
Für den gebürtigen Rheinländer Neuenhausen, der an der Kunstakademie Düsseldorf studierte, stehen diese gesichtslosen Bürger auch für die schweigende Mehrheit im Nachkriegsdeutschland, die sich ihrer Schuld nicht stellt.
"Ich habe die letzten Nazi-Jahre noch miterlebt. Der Schrecken hat mich geprägt", berichtet der Künstler, der vor Jahren eine Kornbrennerei in Hannovers Problemstadtteil Hainholz zu seinem Atelier ausgebaut hat. Mit dem "Denkmal für João Borges de Souza" machte er 1971 auf das Martyrium des brasilianischen Studenten und Regimegegners aufmerksam, der zu Tode gefoltert wurde. "Seine Arbeiten über die Gewalt gegen Einzelne und die gedankenlose Haltung der Zuschauenden sind bedrückend aktuell", sagt Krempel.
Die von der Studentenschaft ausgehende Politisierung der späten 1960er und 1970er Jahre haben Neuenhausen geprägt. Studenten, die "Kunst ist tot" riefen, setzte er als Kunstprofessor ein Seminar mit zwei Obdachlosen entgegen.
Später entwickelten sich aus gewonnenen Wettbewerben mehrmonatige Projekte in Gefängnissen und Psychiatrien. Seit vielen Jahren macht Neuenhausen Kunst mit den Menschen in Hainholz. "Daran, die Gesellschaft insgesamt zu verändern, glaube ich nicht mehr", sagt der Kreative, der lange Haare, Turnschuhe und dazu ein lilafarbenes Sakko trägt. "Aber in meinem Stadtteil kann ich etwas bewirken", so Neuenhausen weiter.