Halberstadt l Ein Regie-Assistent fehlte auf dem Besetzungszettel. Der Kollege oder die Kollegin als Anticoronaaufsicht. Auch im Halberstädter Theater hat diese lästige Aufstockung beim Personal seine (oder ihre) Arbeit verrichtet. Im Zuschauerraum, im Graben, auf der Bühne, ja sogar bei der Inszenierung. Effektiv, aber ohne Hysterie.

Mit Plexiglasscheiben

Auf jeder Seite vom Graben sind auf Bühnenhöhe je zwei Bläser hinter Plexiglasscheiben postiert. Schutzscheiben gibts auch direkt am Rand zum Graben. Wo gesungen wird, da schweben halt auch Mikrotröpfchen. Und man bemerkt natürlich die vornehme Distanz, die die Bürgermeisters-Nichte Marie und „ihr“ gastarbeitender Russe Peter Ivanow wahren, trotz der Anziehung zwischen dem werdenden Paar.

In sich schlüssig

Regisseur Jürgen Pöckel und seine Ausstatterin Andrea Eisensee haben das alles mit souveräner Routine eingebaut, Nähe kann man trotzdem imaginieren, wenn eine Bühne nicht so riesig ist. Und einzelne Holzpodeste wirken auf einer Werft auch nicht deplaziert. Man bemerkt das zwar alles, ist aber trotzdem nicht verstimmt. Weil es halt in sich schlüssig ist und funktioniert.

Den größten Eingriff in dieser auf pausenlose zwei Stunden gestrafften Inszenierung des erfolgreichsten Lortzing-Dauerbrenners gibt es bei den Chorszenen. Aber nicht etwa, weil die gestrichen werden – die Übungsstunde für die Begrüßung des Zaren oder der Holzschuhtanz müssen einfach sein.

Chorszenen auf Großleinwand

Die großen Ensembleszenen (Choreinstudierung: Jan Rozehnal) wurden von Kay Lautenbach und Stefan Ulrich in die Fürst-Stollberg-Hütte Ilsenburg verlegt und gefilmt. Diese Videos werden dann auf eine schnell zusammengeschobene Großleinwand projiziert und verleihen dem Ganzen einen sympathischen Hauch von historischer niederländischer Werft-Authentizität, der über den kleinen Nachteil der musikalischen Einspielung dazu aus der Konserve hinwegtröstet.

Es ist offensichtlich eine nützliche Erfahrung, wenn ein Theater immer schon mit beschränkten Ressourcen haushalten muss und dabei auf das Einverständnis seiner treuen Kundschaft bauen kann. Unabhängig von aller Corona-Aufregung gehört dazu die Pflege eines Opernsegments, das aus einer Zeit stammt, wo man mit der Unterscheidung in U- und E-Musik noch nicht so viel anzufangen wusste wie heutzutage. Wo Opern auch Gassenhauer enthielten, die man gleich, wenn man das Haus verließ, nachsang. „Zar und Zimmermann“ ist dafür ein Musterbeispiel.

Populäre Musiknummern

Abgesehen von Albert Lortzings (1801–1851) eingängig populären Musiknummern knüpft die Geschichte an die sogenannte „Große Gesandtschaft“ an, mit der Zar Peter der Große 1697/98 nach Westeuropa reiste, um dort höchst persönlich einen Wissens- und Personaltransfer in sein reformbedürftiges Riesenreich zu organisieren.

Abgesehen davon, ob dessen kolportiertes Inkognito als mitreisender Peter Michailow echt oder ein genialer, staatstragender PR-Trick eines absolutistischen Herrschers war – für eine Bühnenversion ist das eine Steilvorlage. Wobei man Lortzing, der sich das Libretto aus dem damals populären Stoff selbst gebastelt hat, nicht mal vorwerfen kann, dass er dem Zaren völlig auf den Leim geht. Natürlich ist der tatkräftige, wissensdurstige Herrscher der positive Held der Geschichte. Aber daran, wie er mit seinen Gegnern zu verfahren gedenkt (und der reale Peter ja verfahren ist) bleibt kein Zweifel. Im Uraufführungsjahr 1837 freilich schwingt bei solchen Anflügen von Kaisersehnsucht auch die zeitgeistige Sehnsucht nach einem einheitlichen Deutschland mit.

Standing Ovations für Kammersänger

In holländischen Saardam jedenfalls stecken der Zar und sein Beinahe-Namensvetter in Zimmermanns-Kluft. Tobias Amadeus Schöner führt das Ensemble an und ist mit seiner durchschlagenden Strahlkraft der schlichte Peter Ivanow. Eine gewisse vokale Reserviertheit macht Michael Rapke mit einem überzeugenden Inkognito-Habitus des Zaren wett. Der französische Gesandte Marquis von Chateauneuf erkennt ihn sofort. Kein Wunder bei dem Höfling, den André Gass herrlich überspitzt.

Dagegen hat sein englischer Konkurrent um das Gehör des Zaren, Lord Snydham, in der Biederkeit von Gijs Nijkamp keine Chance – er hält den anderen Peter für den Zaren. Norbert Zils komplettiert das Diplomatentrio. Er trägt nicht nur das Zarenwappen auf der Aktentasche, sondern den russischen Verbindungsoffizier des Zaren nach Russland sozusagen im Gesicht.

Kleine Staatsintrige

Diese kleine Staatsintrige an und auch auf einer festlichen Tafel macht Laune. Und natürlich der Bürgermeister van Bett. So eitel, aufgeblasen und mit Selbstlob gespickte Amtsträger gibt es ja heute auch schon wieder. Hier muss der Bass des Hauses ran und darf den Komödianten von der Leine lassen. Klaus-Uwe Rein ist dafür genau der Richtige und wird (nach 34 Jahren an seinem Theater) nach der Vorstellung vom echten Bürgermeister zum Kammersänger ernannt und von seinem Publikum mit Standing Ovations gefeiert.

Für die Lovestory zur Staatsaktion braucht es natürlich noch die Nichte des Bürgermeisters, die Bénédicte Hilbert als hübsche Holländermaid frisch und mit klarer Diktion beisteuert. Thea Rein schließlich ist eine Zimmermeisterin Brown wie aus einem Holländer-Gemälde. Im Graben steuern Fabrice Parmentier und seine Musiker den mitreißend musikalischen Schmiss für eine Oper bei, die schon immer einfach gute Laune macht.

 

Nächste Vorstellungen: 25. September, Quedlinburg (ausverkauft), 7. Oktober, 15 Uhr, und 16. Oktober, 19.30 Uhr, beides im Großen Haus Halberstadt