Magdeburg l Zahlreiche Frauen in einem italienischen Supermarkt, die nicht mehr wissen, wie sie ihre Familien durchbringen sollen, empören sich über drastisch gestiegene Preise. Aus der Empörung wird Wut, schließlich Gewalt. Sie nehmen sich, was sie brauchen und bezahlen nicht. Der Marktchef, der sie daran hindern will, wird von der geballten Frauenmacht verprügelt.

Das ist der Hintergrund für das Stück von Dario Fo, italienischer Autor, Schauspieler, Nobelpreisträger und Rebell, aus dem er ein höchst amüsantes Verwirrspiel voller Komik, Absurdidät, aber vor allem bitterböser Realität macht.

Darf man, oder muss man sogar Gesetze mißachten, wenn die, die die Gesetze machen, Gesetzlosigkeit oder Mißachtung der Menschenrechte „übersehen“? Fo´s Antwort ist klar und eindeutig, wofür er sogar mehrmals in den 1970er Jahren, als das Stück entstand, auf der Bühne verhaftet wurde.

Regisseur Peter Kleinert offenbart mit seiner Inszenierung genau dieses Gefühl des tiefen Verständnisses für die Not, die kein Gebot kennt. Gleichzeitig bringt er aber die Intentionen des vor gut zwei Jahren verstorbenen Nobel-Rebells Fo so auf die Bühne und in den Zuschauerraum, dass dieser vermutlich begeistert in die Hände geklatscht hätte.

Zuschauer werden selbst aktiv

Nichts in der Stückentwicklung ist fertig, endgültig ausgeformt. Stattdessen lässt der 1947 in Weimar geborene Regisseur ganz im Sinne des italienischen Volkstheaters den Schauspielern jede Menge Freiraum zum Gestalten, zum Agieren mit den Zuschauern, zum Zwiegespräch mit ihnen. Das erzeugt eine unglaubliche Lebendigkeit voller Witz und Komik. Wann erlebt man schon einmal, dass sogar Zuschauer am Geschehen mitwirken, selbst aktiv werden müssen, um die Handlung voranzutreiben.

Wenn da ein Lastwagen voller Reis- und Zuckersäcke nach einem Unfall geplündert wird, dann müssen die Säcke schon mal quer durch den Zuschauerraum auf die Bühne transportiert werden. Das ist alles andere als ein Frontalstück – hier die Bühne, dort die unbeteiligten Rezipienten. Alle sind Teil des Stücks, dieses Lebens, das sich gerade abspielt. Aber keine Angst. Es handelt sich um federleichte Requisitensäcke, die niemanden gefährden. So weit geht die gewollte Missachtung aller Regeln und Vorschriften dann doch nicht.

Die Form des italienischen Volkstheaters, dessen Wurzeln bis ins Mittelalter reichen, stecken voller Absurdität. Die beiden an den Plünderungen im Supermarkt beteiligten Frauen „verkaufen“ ihren absolut gesetzestreuen Männern die erbeuteten Lebensmittel, die sie an ihrem Köper verbergen, als plötzlich aufgetretene Schwangerschaft. Daraus ergeben sich wiederum jede Menge Wirrungen und Verirrungen. Das alles lässt sich nur mit vor Spiellust sprühenden Schauspielern verwirklichen. Regisseur Peter Kleinert hat sie mit fast schlafwandlerischer Sicherheit gefunden, denn die unglaublich wandelbare Iris Albrecht als Antonia ist ebenso wie Léa Wegmann als Margherita ein Glücksgriff für diese Rollen.

Uwe Fischer als Giovanni bringt meisterhaft die Ambivalenz zwischen Naivität und Gerissenheit, zwischen Macho und Weltverbesserer, auf die Bühne, wie Lukas Paul Mundas als Luigi mit dem allerdings manchmal nur mühsam zu verstehendem Ruhrpott-Dialekt. In etlichen Rollen erscheint der urkomische Matthias Rheinheimer, wobei Giovanni meint, ihn immer wiederzuerkennen, und das auch dem Publikum verkündet. Der Handlung tut das keinen Abbruch, im Gegenteil.

Cristiane Hercher hat eine tolle Bühne, gerahmt von unzähligen Supermarkt-Einkaufswagen geschaffen, und ist vermutlich auch bei der Requisitenbeschaffung der Lebensmittel höchst kreativ gewesen.

Job verloren

Ach ja, und auf die eingangs gestellte Frage, ob eine Gesetzesübertretung denn zu rechtfertigen sei, wenn damit höhere Werte, wie Menschenrechte, gewahrt würden, gibt das Stück von Dario Fo eine eindeutige Antwort. Die ist bei allem Humor gar nicht komisch. Die beiden so gesetzestreuen Ehemänner verlieren ihren Job, die Staatsmacht nimmt ihnen mit der Räumung der Wohnung auch noch das Letzte.

Die Lösung? Na klar, ein Kredit, mit dem man vielleicht Aktien kaufen kann, um reich zu werden. Und so oft Iris Albrecht alias Antonia den Kreditanbieter, stellvertretend für die Banken der Welt, auch niederschlägt – wie ein Stehaufmännchen ist er immer wieder auf den Beinen. Ganz wie im richtigen Leben.

Prädikat: Dieses Stück muss man einfach gesehen haben.