Realität sah anders aus Streiks, falsche Helden und verheimlichte Atomwaffen: Die größten Geheimnisse der DDR
Arbeiterproteste, Propagandafiguren, Wochenkrippen und geheime Atomwaffen: Die DDR hat viele Geheimnisse, die jahrzehntelang verborgen blieben. Das ZDF klärt in einer Dokumentation einige der größten Mythen der DDR auf.

Magdeburg/Halle (Saale)/DUR. – Sozialismus, Antifaschismus und Freundschaft mit der Sowjetunion waren die Pfeiler, auf denen die DDR offiziell errichtet wurde.
Doch die Realität sah anders aus. In der Dokumentation "Geheimnisse der DDR" zeigt das ZDF einige der größten Ungereimtheiten der Vergangenheit.
Lesen Sie auch: Ostprodukte mit Kultstatus: Diese Marken aus der DDR sind bis heute erfolgreich
"Held der Arbeit" der DDR: So verhasst war Frida Hockauf
Die Wertschätzung der Arbeit ist ein großer Gründungsmythos der DDR. "So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben": Dieses Motto schrieb die Staatsführung der Weberin Frida Hockauf zu.
Sie arbeitete im damals größten Textilbetrieb der DDR im sächsischen Zittau. In gerade einmal drei Monaten gelang es Hockauf, ganze 45 Meter mehr Stoff zu weben, als es ihre Arbeitsnorm verlangte.
Die SED ehrte sie dafür und machte sie zum "Held der Arbeit". Sie sollte das Vorbild für alle Werktätigen werden. Laut Propaganda eiferten ihr nicht nur Frauen in ihrem Betrieb, sondern auch Frauen in der ganzen DDR nach.
Doch das war nur Schein: Hockauf wurde wegen ihrer Normübererfüllung als Verräterin beschimpft, ihr Webstuhl im Betrieb sabotiert.
"Normbrecher mag man eigentlich nicht so sehr in der Arbeitswelt. Da erregt man eher Widerspruch", erklärt Stefan Wolle, Leiter des DDR-Museums in Berlin, in der Dokumentation. "Und das ging auch Frida Hockauf so."
Sie wechselte später vom Webstuhl in einen Bürojob im Textilkombinat, bekam für ihr Ehrenamt in der Volkskammer sogar noch zusätzlich 500 Ost-Mark im Monat.
Auch interessant: Sie gehörten einfach dazu: Diese Kult-Produkte prägten jeden DDR-Haushalt
Gerüchte über Privilegien wie eine bessere Wohnung machten die Runde. Doch all das stimmte nicht. Sie und ihr Mann lebten bis zu ihrem Tod 1974 in einer kleinen Wohnung unterm Dach mit Ofenheizung, Toilette auf halber Treppe und ohne Auto. Als Hockauf schwer herzkrank wurde, ließ die Partei sie fallen, und sie starb so arm, wie sie auch geboren wurde.
Trotz Tumulten in den Leuna-Werken: DDR-Regierung verschwieg Streiks
Die Leuna-Werke in Sachsen-Anhalt, auch heute noch ein riesiges Industrierevier, waren das größte Chemieunternehmen der DDR. Staatschef Walter Ulbricht rief 1958 das Chemieprogramm der DDR ins Leben. Es sollte Wohlstand für alle bringen. "Leuna war das Herz der Chemieindustrie und das politische Herz der Arbeiterklasse im Osten", so Wolle.
Lesen Sie auch: Trabis und Tatra-Bahnen: So sah Magdeburg in der DDR aus - Mit Videos
Jedoch kam es am 28. Mai 1962 zu einem Tumult in den Werken. Ein Maler aus Leipzig versuchte, eine Verkäuferin in der Kantine über die Theke zu ziehen, da angeblich kein Essen mehr da war. Weitere Arbeiter schalteten sich ein und drohten mit Streik.

Tatsächlich herrschte damals Lebensmittelknappheit. Darum beschloss die DDR-Führung 1960, alle Kleinbauernhöfe in Genossenschaften zu überführen. Doch wegen fehlender Investitionen der Regierung kam es statt zum Erfolg zu einer Missernte. Etliche Bauern flohen in den Westen. Auch Arbeiter aus der Industrie taten es ihnen gleich.
Auch interessant: Ein Jahrhundert Leuna-Tankstelle: Die Geschichte eines besonderen Gebäudes
So kam es 1961 zum Bau der Berliner Mauer. Die Wirtschaft wurde damit planbarer. Die Bürger der DDR mussten die Wirtschaftskrise ausbaden. "Mehr arbeiten und weniger dafür kriegen", lautete das inoffizielle Motto.
Dadurch entstand Wut in der Belegschaft. Viele DDR-Bürger fragten sich, ob sie nach der Arbeit noch Lebensmittel in den Läden der Handelsorganisation (HO) finden würden. Deswegen kam es zu Hunderten von Streiks – vor allem in den industriestarken Bezirken Dresden, Karl-Marx-Stadt und Halle, wo auch Leuna liegt.
Lesen Sie auch: Wie ein Chemie-Gigant Leuna reich machte – und zur Mordmaschine für Hitler wurde
In der Presse stand über all diese kleinen Streiks nichts. Dadurch entstanden Gerüchte, vor allem über Leuna. So berichtetet die westdeutsche Frankfurter Allgemeine Zeitung am 13. August 1962 von einem zweitägigen Streik mit mehrstündiger Arbeitsniederlegung.
Sowjetisches Militär habe Stellung am Werk bezogen, die Volksarmee sei im Einsatz gewesen. Doch dafür gibt es bis heute keinerlei Belege. Es war reinste Propaganda der damaligen Bundesregierung.
Wochenkrippen der DDR schadeten jahrelang der Entwicklung der Kinder
Auch das Thema Kinderbetreuung spielte in der DDR eine große Rolle. 1960 stellten Frauen fast die Hälfte aller Arbeitskräfte. Immer mehr Mütter ließen sich daher von der Propaganda der Wochenkrippen überzeugen.
Für die Kleinkinder war das ein Graus, denn sie sahen ihre Eltern nur noch am Wochenende. Die Ärztin Eva Schmidt-Kolmer untersuchte die Auswirkungen auf Kinder, die in Krippen, Heimen oder in Familien aufwuchsen.

Die Ergebnisse der Untersuchungen wurden jedoch nie öffentlich gemacht, sondern waren nur Fachkreisen zugänglich. Dabei waren sie erschreckend: Kinder, die in Wochenkrippen aufwuchsen, blieben in allen Bereichen hinter ihren Altersgenossen zurück. Ihre Sprachentwicklung war langsamer, ihr Verhalten auffälliger.
Lesen Sie auch: Kaum jemand weiß das: Diese DDR-Erfindungen veränderten die Welt
Eva Schmidt-Kolmer wurde von der SED jedoch mundtot gemacht. Mitte der 1960er Jahre gab es knapp 40.000 Wochenkrippenplätze in mehreren Hundert Einrichtungen. In 40 Jahren DDR wurden laut Sozialwissenschaftlerin Heike Liebsch schätzungsweise 200.000 Kinder unter drei Jahren in solchen Einrichtungen betreut.
Das Schicksal der Wochenkinder blieb jedoch lange ein Geheimnis, da es den Mythos beschädigte, dass die Wirtschaftsproduktion immer weiter gesteigert werden konnte, ohne dass dies zulasten der Menschen ginge.
Sowjetunion verheimlichte DDR-Regierung Standorte von Atomwaffen
Im Kalten Krieg kursierten sowohl im Osten als auch im Westen Gerüchte über gelagerte Atomwaffen der Sowjetunion in Großenhain bei Dresden. 1973 floh ein Flugzeugtechniker mit einer Suchoi Su-7, einem sowjetischen Kampfflieger, aus der DDR.
Er hatte keinerlei echte Flugerfahrung und zuvor nur in einem Simulator geübt. In der Nähe von Braunschweig stürzte er auf einem Übungsplatz der Bundeswehr ab und überlebte.

Das Wrack des Kampfjets lieferte den westlichen Geheimdiensten etliche Hinweise. An Bord der Maschine befand sich Technik zum Abwurf von Atomwaffen. Einen offiziellen Beleg für die Existenz gelagerter Atomwaffen in der DDR fand ein Forscherteam erst 2020 in einem russischen Archiv.
Obwohl jahrelang eine angebliche "Waffenbruderschaft" zwischen der DDR und der Sowjetunion existierte, verschwieg die SU bis zuletzt die Standorte der Atomwaffen und betrachtete die DDR als mögliches Kriegsgebiet im Kalten Krieg.
Die dreiteilige Dokumentation "Geheimnisse der DDR" ist kostenlos in der ZDF-Mediathek abrufbar.