TV-Tipp

Trip in eine Fantasy-Welt - „Electric Girl“ auf Arte

Zwischen Euphorie und Wahnsinn: Eine junge Studentin glaubt, sie sei eine japanische Comic-Superheldin. Aber so leicht entkommt sie ihrem Alltag nicht.

Von Johannes von der Gathen, dpa
Mia (Victoria Schulz) in einer Szene aus "Electric Girl".
Mia (Victoria Schulz) in einer Szene aus "Electric Girl". Hannes Hubach/WDR/ARTE/dpa

Berlin - Mehr schlecht als recht hält sich die Studentin Mia (Victoria Schulz) in Hamburg mit einem stressigen Job als Kellnerin über Wasser. Als sie die Chance bekommt, bei der Produktion einer japanischen Anime-Serie der Heldin ihre Stimme zu leihen, ist sie begeistert.

Der Job im Synchronstudio ist ein Volltreffer, Regisseur Jakob (Björn von der Wellen) engagiert Mia gleich für zehn Staffeln.

Voller Enthusiasmus steigert sich die junge Frau immer mehr in die Rolle der Fantasy-Heldin Kimiko hinein, die in Tokio gegen böse Monster aus dem Stromnetz kämpft. Aber schon bald verwischen sich für Mia die Grenzen zwischen Realität und Fiktion - mit fatalen Folgen. Der Spielfilm „Electric Girl“ der 1973 geborenen Regisseurin und Comiczeichnerin Ziska Riemann („Get Lucky - Sex verändert alles“) läuft am Donnerstag um 22.40 Uhr bei Arte.

Der Film, der seine Premiere 2019 auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis feierte, beginnt als reizvolles Wechselspiel zwischen dem eher grauen Alltag der Protagonistin und den knallbunten Sequenzen aus dem Anime-Abenteuer. Aber schon bald synchronisiert Mia nicht nur die Superheldin, sondern imitiert sie und schlittert immer mehr in die Persönlichkeit der Figur hinein. Daraus folgt dann ein unglücklicher Flirt mit Regisseur Jakob und auch Lissy (Svenja Jung), Mias Kollegin in der Bar, merkt schnell, dass da etwas nicht stimmt.

Es gibt nur noch eine Person, für die sich Mia noch zu interessieren scheint, und das ist ihr kauziger Nachbar Kristof, gespielt von Hans-Jochen Wagner, dem Ermittler aus dem Schwarzwald-„Tatort“. Diesen Sonderling, der den lieben langen Tag im weißen Unterhemd am Fenster hockt und raucht, erwählt sich Mia als Co-Helden für ihre Abenteuer. Da hat sie ihren Job im Synchronstudio längst verloren.

Aber wieso diese junge Frau, stark verkörpert von Victoria Schulz, in die Fantasy-Welt abdriftet, wird nie so ganz klar. Zu ihrer Familie hat sie fast alle Bindungen gekappt, ein Besuch bei ihrem schwerkranken Vater endet im Fiasko. Danach irrlichtert Mia mit blauer Perücke und gelber Jacke durch die Stadt und gibt allen Rätsel auf: „Das reine Zeicheninferno, man muss es nur lesen können“, sagt sie einmal. Aber dann kommt auch schon die Polizei.

Eher diffus schlingert „Electric Girl“, an dem neben der Regisseurin drei weitere Drehbuchautorinnen beteiligt waren, auf seinen Show-down auf dem Dach eines alten Kraftwerks am Hamburger Hafen zu. Da kommt dann auch noch einmal Spannung auf, aber so richtig unter Strom setzen kann uns diese im Grunde sehr traurige Geschichte dann doch nicht mehr.