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Ulitzkaja bringt Heiligen Doktor auf die Opernbühne

Ein deutscher Armenarzt wird in Russland bis heute verehrt. Die Erfolgsautorin Ljudmila Ulitzkaja erzählt seine Geschichte und versucht sich erstmals in einem neuen Genre.

Von Friedemann Kohler, dpa 14.04.2016, 08:58

Moskau (dpa) - Der deutsche Arzt Friedrich-Joseph Haass (1780-1853) war im Russland der Zarenzeit der Engel der Armen und Gefangenen. Nun bringt die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja (73) den Heiligen Doktor von Moskau auf ungewöhnliche Weise auf die Bühne.

Die Oper Doktor Haass wird am Samstag (16.4.) in der Helikon-Oper in Moskau uraufgeführt. Erfolgsautorin Ulitzkaja (Sonetschka, Die Lügen der Frauen) hat erstmals ein Opernlibretto geschrieben, die Musik stammt von dem Pianisten und Komponisten Alexej Sergunin (27). Regie an der experimentierfreudigen Kammeroper führt Denis Asarow.

Der junge Augenarzt Haass aus Bad Münstereifel (Nordrhein-Westfalen) wanderte 1806 nach Russland aus, behandelte die Oberschicht bis hinauf zur Zarenfamilie. 1828 wurde er Gefängnisarzt und suchte das Los der Häftlinge im unbarmherzigen russischen Strafvollzug zu lindern. Er hat 20 Jahre darum kämpfen müssen, dass die Sträflinge auf dem Marsch nach Sibirien leichtere Ketten bekamen, sagte Ulitzkaja der Deutschen Presse-Agentur. Beeilt euch, Gutes zu tun, war das Motto des tiefgläubigen Arztes, der in völliger Armut starb.

Ich habe ihn von Kindheit an verehrt, erzählt Ulitzkaja. Ihre Großmutter habe ihr das Grab des Doktors auf dem deutschen Friedhof in Moskau gezeigt, der heute Wwedenskoje-Friedhof heißt. Für Intellektuelle und Menschenrechtler in Moskau war Haass immer ein Gegenbild zu den harten herrschenden Verhältnissen.

Die Erinnerung an ihn ist wichtig, sagt Ulitzkaja, die auch eine Kritikerin der autoritären Regierung von Präsident Wladimir Putin ist. Die Gesellschaft ist sehr hart geworden, sehr brutal. Russland behandelt seine Häftlinge immer noch ohne jedes Mitleid. Die unbeirrte Güte des Arztes hat auch den Komponisten Sergunin beeindruckt, der einer anderen Generation angehört. Er sieht Haass vor dem Hintergrund heutiger Kriege, unendlicher Konflikte.

In der Helikon-Oper verbinden sich die zwei Welten, in denen Haass verkehrt hat. Sitz der Oper ist ein Adelspalais mit Säulen, weißem Schleiflack und blauem Samt. Die Guckkastenbühne von Dmitri Gorbas zeigt die Gefängnismauern. Der Chor singt durch kleine Luken. Der unendliche Marsch der Häftlinge nach Sibirien, den Ulitzkaja zeigen will, findet auf einem Steg rund um das Orchester statt.

Um ein junges Publikum für Haass zu interessieren, hatte sich die Schriftstellerin immer eine Rockoper vorgestellt. Sergunin mischt aber in seinem Opern-Erstling Stile von Barock bis Neuzeit. Es gibt sogar Punkrock, sagt er. Der soll für den aufstrebenden High-Society-Arzt stehen. Viele Passagen sind modern, rhythmisch, ausdrucksstark. Beim Schlussbild mit dem sterbenden Haass hofft Sergunin, dass ihm eine klingende Ikone gelungen ist.

Über den Heiligen Doktor hat auch der sowjetische Schriftsteller und Dissident Lew Kopelew (1912-1997) geschrieben. Die katholische Diözese Moskau hat die Seligsprechung des Arztes beantragt. Dafür hätten sich sogar orthodoxe Priester ausgesprochen, sagte Wilfried Wehling, Pfarrer der deutschen Katholiken in Moskau, der dpa: Haass ist eine Figur, die vereint, die nicht trennt. Die Deutsche Schule Moskau ist nach Haass benannt. Das Deutsch-Russische Forum wie die russische Gefängnisverwaltung verleihen Preise in seinem Namen.

Vor allem aber rührt Ulitzkaja, dass am Grab des Doktors immer Blumen liegen. Es sind billige Plastikblumen, gekauft offenbar von armen Leuten, sagt sie. Vielleicht sind es die Nachfahren von Strafgefangenen. Das Volk behält ihn im Gedächtnis.

Helikon-Oper über Premiere "Doktor Haass" (Russ.)

Ulitzkaja im Hanser-Verlag

Komponist Alexej Sergunin auf VKontakte (Russ.)

Friedrich-Joseph Haass im Ökumenischen Heiligenlexikon