1. Startseite
  2. >
  3. Kultur
  4. >
  5. Unheilige Dinge und rabenschwarzer Humor

Internationales Figurentheaterfestival Unheilige Dinge und rabenschwarzer Humor

21.06.2011, 04:36

Von Rolf-Dietmar Schmidt

Magdeburg. Das Internationale Figurentheaterfestival in Magdeburg wartete nach seiner spektakulären Eröffnung am Sonntag mit "Punch and Judy in Afghanistan" mit einem weiteren Höhepunkt auf. Kein geringerer als Neville Tranter ließ sich als internationaler Großmeister des Puppenspiels von einem begeisterten Publikum im Schauspielhaus feiern.

Der gebürtige Australier mit jetziger Wahlheimat Niederlande traf genau den Nerv des Festivals. Ein politisches Festival soll es sein, das sich mit den Mitteln des Figurentheaters in gesellschaftliche Verhältnisse einmischt. Punch and Judy sind die britischen Pendants zum deutschen Kasper und zu Gretl, die in unterschiedlichen Varianten seit Jahren in Afghanistan landen, um mit schwarzem Humor und manchmal auch Bitterkeit die Absurdität des Gedankens, europäische Demokratie in den Orient exportieren zu wollen, in einer Farce lächerlich machen. Neville Tranter spielt im wahrsten Sinn des Wortes mit seinen Figuren, mit Worten, mit der Konstruktion der Geschichte und mit dem Publikum. Wohl keine seiner Punch-and-Judy-in-Afghanistan-Geschichten gleichen sich vollends, immer wieder sind neue Varianten, andere Zugänge zu erleben. Was aber bleibt, ist dieser unnachahmliche Sarkasmus, bei dem das Weinen und das Lachen ganz dicht beieinander liegen.

Man muss deshalb schon genau hinhören bei diesem Stück in englischer Sprache, wenn allein Neville Tranter mit seinen Klappmaulfiguren hantiert und gleichzeitig mit Wortspielen um sich wirft. Emil, eine der Protagonistenpuppen, wird da schon mal mit "a meal" und dann gleich mit "a last meal", dem letzten Mahl, verbunden, so dass neben der Unterhaltung dem Publikum auch volle Konzentration auferlegt ist.

Dieser Emil, ein typischer Verlierer, erhält eine zweite Chance und landet mit dem Fernsehreporter Brian in Afghanistan. Dort geht allerdings bei einem Ausflug Emil das Kamel durch, und zwar in Richtung Tora Bora. Brian sucht seinen Partner und trifft dabei auf allerlei skurrile Gestalten, die durch sein Spiel in außerordentlich poetischer Weise die Unvereinbarkeit der Ansichten aus dem Westen und dem Mittleren Osten auf diese Welt verdeutlichen. Die Figuren werden von Neville Tranter so einfühlsam im Dialog mit sich selbst geführt, dass man sie überhaupt nicht mehr als Puppe wahrnimmt. Sie entwickeln ein "Eigenleben", über das man den Akteur vergisst, an dessen Hand sie sich befinden. Das ist in der Tat ganz große Puppenspielkunst.

Man leidet mit Akim, dem Kameltreiber, dessen Tier in Richtung Tora Bora verloren gegangen ist, und der Brian mit blitzenden Augen entgegenschleudert: "Finde mein Kamel, sonst finde ich dich!" Da kann sich der Großmeister des Puppenspiels die Anlehnung an die Klassiker nicht verkneifen: "Ein Kamel, ein Kamel, ein Königreich für ein Kamel!"

Nicht anders ergeht es dem Zuschauer mit Jean-Michelle, einem Soldaten der internationalen Truppen in Afghanistan, der Brian unbedingt als Terroristen erschießen will. Seine rabenschwarze Begründung: "Wenn ich noch einen Terroristen erschieße, dann darf ich nach Hause."

Das genau sind die Momente, bei denen man nicht mehr weiß, ob man lachen oder weinen soll. Und passend dazu bietet das Krokodil in Anspielung auf die wirtschaftlichen Nutznießer des Konflikts Bodybags in allen Farben und Größen. Bodybags, das sind Leichensäcke. "The road to hell is paved with good intentions. ¿Unholy‘ things may not be such a bad idea." Dieser Satz Neville Tranters, ganz speziell für das Internationale Figurentheaterfestival in Magdeburg, heißt frei übersetzt: "Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. "Unheilige" Dinge sind da keine schlechte Idee." Die Worte des Großmeisters mögen vieldeutig sein. In jedem Fall dürften sie aber eine Hommage an die "Macher" dieses Festivals sein.