Schriftsteller Rafik Schami erinnert sich an seine Kindheit in Damaskus Von der Macht der Fantasie und der Faszination des Erzählens
Rafik Schami ist kürzlich 65 Jahre alt geworden. Aber das Rentenalter hält ihn nicht vom Schreiben ab. Gerade ist sein neuestes Buch erschienen. Der Autor erklärt darin, wie er zum Erzähler wurde.
Von Andreas Heimann
München (dpa). Rafik Schami ist schon lange ein erfolgreicher Schriftsteller. Im Juni ist er 65 Jahre alt geworden, aber er hat nicht vor, in Rente zu gehen. In seinem jüngsten Buch "Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte" blickt er einerseits zurück auf seine Kindheit in Damaskus und erzählt andererseits viel über sein Selbstverständnis als Autor. Beides ist eng miteinander verknüpft. Denn aus Suheil Fadél, als der er 1946 in der syrischen Hauptstadt geboren wurde und der später zunächst als promovierter Chemiker arbeitete, wäre nie der Schriftsteller Rafik Schami geworden, hätte es in seiner Geburtsstadt nicht so begnadete Geschichtenerzähler gegeben.
Vielleicht gab sein Großvater den Ausschlag, der so viel Lust am Fabulieren hatte. Immer, wenn dieser zu Besuch kam, übernachtete er nicht im bequemen Gästebett, sondern auf einer Matratze im Kinderzimmer. Und seine Enkel bekamen dann in der Regel wenig Schlaf. Denn der Großvater erzählte Geschichten, die die Kinder lauthals lachen ließen, tanzte auf der Matratze, sang mit lauter Stimme, schlüpfte in verschiedene Rollen, kämpfte so eindrucksvoll mit dem Dämonenherrscher, dass sich die Nachbarn im Hof versammelten, um die abenteuerlichen Geschichten nicht zu verpassen.
Rafik Schami hat so schon früh die Macht der Fantasie und die Faszination des Erzählens kennengelernt. Sein Großvater war es auch, der ihn mit in die Altstadt von Damaskus nahm. Eine heile Welt war Syrien auch damals nicht, aber doch weit entfernt von der brutalen Gewalt, durch die das Regime von Präsident Baschar al-Assad derzeit immer wieder in den Schlagzeilen ist.
Mit seinem Großvater bummelte der Erzähler regelmäßig durch die Gassen und über den Flohmarkt. Dort trafen die beiden eines Tages auf die im Titel erwähnte Frau, die ihren Mann verkaufen wollte - weil er den Mund nicht aufbekam und wochenlang kaum ein Wort sagte. Der siebenjährige Rafik Schami hat darin seinen Vater wiedererkannt und seiner Mutter vorgeschlagen, diesen doch auch zu verkaufen und stattdessen lieber den Großvater und ein Radio zu erstehen.
Es ist eine typische Kinderanekdote, aber es ist kein Zufall, dass es auch darin ums Erzählen geht. Mit der Tradition des mündlichen Erzählens ist Rafik Schami in der arabischen Welt groß geworden. Das hat ihn auch als Autor geprägt. Kein Wunder, dass ihn Märchen immer wieder inspiriert und beeinflusst haben. Über das Verhältnis dieser Erzähltradition zum Schreiben von Literatur hat er sich jahrzehntelang Gedanken gemacht. Sein jüngstes Buch ist dafür der beste Beleg. Dass Märchen kein Kinderkram sind, sehen längst die meisten Literaturwissenschaftler so. Rafik Schami hat dazu seinen Beitrag geleistet.
Rafik Schami: Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte - Oder wie ich zum Erzähler wurde, Carl Hanser Verlag, München, 168 Seiten, 17,90 Euro, ISBN 978-3-446-23771-1