Fahren mit Stil

Motorradklassiker: 120 Jahre Royal Enfield

Älter als Harley-Davidson und Triumph, das ist die indische Motorradmarke Royal Enfield. Doch ihre Wurzeln liegen in Großbritannien. Dort entstanden vor 120 Jahren die ersten Maschinen.

Von Fabian Hoberg, dpa 11.10.2021, 13:31 • Aktualisiert: 21.10.2021, 16:37
Das kann man auch mal so stehen lassen: Selbst neutrale Beobachter dürften sich dem Charme von funkelndem Chrom in der Abendsonne schwer entziehen können.
Das kann man auch mal so stehen lassen: Selbst neutrale Beobachter dürften sich dem Charme von funkelndem Chrom in der Abendsonne schwer entziehen können. Royal Enfield/dpa-tmn/Handout

Leicester/Stuttgart - Puristische Motorräder sind beliebt, sie haben eine große Fangemeinde. Viele Hersteller legen daher in letzter Zeit wieder Zweiräder im Retro-Design auf. Anders Royal Enfield, die indische Motorradmarke baut seit 1901 Zweiräder. Einige ihrer Modelle zeigen sich über viele Jahrzehnte völlig unverändert.

Der indische Hersteller gilt als der älteste Motorradproduzent der Welt, der immer noch aktuelle Motorräder verkauft - wenn auch unter verschiedenen Besitzern. Harley-Davidson startete erst 1903, Triumph 1902. Ab 1891 produzierte die Enfield Manufacturing Company Limited Fahrräder und Präzisionsbauteile für die Kleinwaffenfabrik Royal Small Arms Factory in Enfield, Middlesex, erläutert Gordon May. Zwei Jahre später nannte sich das Unternehmen in Royal Enfield um, so der Historiker bei Royal Enfield in Großbritannien.

Von England nach Indien

1898 entstand ein erster Prototyp eines Vierrads. 1901 folgte das erste Motorrad der Marke - mit 1,5 PS. Acht Jahre später der erste V2-Zylinder. Doch erst mit Seitenwagen wurde die Marke ab 1912 bekannt und erfolgreich, vor allem als Einsatzfahrzeug für den Ersten Weltkrieg. Die Briten produzieren seitdem Zweiräder, etwa seit 1932 die 250er, 350er und 500er Bullet. Seit 1949 verkauft Royal Enfield seine Maschinen in Indien.

Die indische Armee suchte 1951 ein Motorrad für Gelände, Wüste, Berge und Straße. Dazu sollte es einfach zu reparieren sein. „Die 350er Bullet von 1948 war für die Armee perfekt, weil sie leicht, stark, robust und geländetauglich war“, sagt Gordon May. „Es war das erste Serienmotorrad mit hinteren Dämpfern.“ Die Bullet wurde so erfolgreich, dass der Importeur den Typ auch an die Bevölkerung verkaufen wollte. Wegen Einfuhrbeschränkungen gründete das Unternehmen 1955 mit Royal Enfield eine neue Firma: Enfield India.

Von Indien zurück nach Europa

Die Maschine erfreute sich in Indien großer Beliebtheit und beherrschte bald das Straßenbild. Als Royal Enfield 1967 in Großbritannien pleiteging, produzierte der indische Ableger die Bullet weiter, exportierte sie ab 1977 nach Europa.

Ende der 1980er Jahre geriet das Unternehmen in Schwierigkeiten, als japanische Motorräder den indischen Markt fluteten. Daher wurde Enfield India 1994 von der Eicher-Gruppe übernommen und nennt sich seither Royal Enfield.

Klassischer Look mit aktueller Technik

„Es gibt kaum einen anderen Motorradhersteller, der eine solch lange Tradition besitzt“, sagt auch Markus Biebricher von der Zeitschrift „Motorrad“. Neben ihrer Geschichte bieten die Zweiräder seiner Meinung nach noch andere Vorzüge: „Maschinen von Royal Enfield zeichnen sich durch einfache und robuste Technik aus, ein Gegenpol zu den meist hoch technisierten europäischen und japanischen Maschinen.“

Die Firma entwickelte nie Rennmaschinen wie Triumph oder Norton, sondern verlässliche Maschinen für den Alltag. „Royal Enfield baut Maschinen für Motorradfahrer, die ein puristisches Zweirad ohne viel Technik, Kraft und Luxus suchen“, sagt Biebricher. Und: „Trotz vieler Gerüchte sind die nach Deutschland importierten Motorräder nicht besonders pannenanfällig.“

Zudem sehen die in Deutschland aktuell erhältlichen Modelle Meteor, Continental GT, Interceptor und Himalayan wie historische Bikes aus. Sie kosten im Vergleich zu Wettbewerbern wenig und starten ab rund 4400 Euro. Rund 80 Händler in Deutschland kümmern sich, falls technisch versierte Besitzer nicht selbst schrauben wollen.

Welche Oldtimer-Modelle ganz besonders sind

Royal Enfield war auf dem europäischen Festland schon immer eine Nischenmarke, meint Frank Meißner vom Marktbeobachter Classic Analytics. „Technisch waren die Motorräder gute Massenwaren auf der Höhe ihrer Zeit, die gut funktioniert haben, aber nicht durch technische Experimente auffielen“, sagt Meißner. Eine Ausnahme: eine Dieselversion der Bullet.

Als Ikone der Marke sieht der Klassik-Experte die 350er Bullet, eine Maschine, die seit über 70 Jahren produziert wird, aber auch die 700er Super Meteor der 1960er Jahre. Gepflegte Maschinen aus den 1960er Jahren wie eine Bullet 500 in wirklich gutem Zustand haben einen Marktwert von 6000 bis 8000 Euro. Für einen Klassiker einer 120 Jahre alten Motorradmarke ein überschaubarer Preis.

Auf 120 Jahre Motorradbau kann Royal Enfield zurückblicken.
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Royal Enfield/dpa-tmn/Handout
Sonniger Schnappschuss aus den Swinging Sixties? Nö, solche Maschinen baut Royal Enfield auch heute noch.
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Legende auf zwei Rädern: Die Bullet baut Royal Enfield seit 1932.
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Nur mit ruhiger Hand und viel Erfahrung: Ein Mitarbeiter trägt die Linien der Tankverzierung auf.
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Robuste Enduro: Die Himalayan ist auch auf dem deutschen Markt zu haben.
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Klassische Linienführung: Eine Meteor 350 Fireball in Kurvenfahrt.
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Gefühl für Klassiker: Royal Enfield baut seit 120 Jahren Motorräder.
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Royal Enfield/dpa-tmn/Handout