Sicherheit im Verkehr „Aber der hat doch gewunken!“ – Warum Eltern mit Kindern trotzdem stehen bleiben sollten
Ein freundliches Handzeichen kann lebensgefährlich sein: Immer wieder winken Autofahrer Eltern mit kleinen Kindern über die Straße. Warum viele Mütter und Väter bewusst stehen bleiben, was die Polizei rät – und worauf im dunklen Winter besonders zu achten ist.

Halle (Saale). Eine Straße, wartende Autos – und dann ein freundliches Winken aus dem Fahrerfenster. Viele Eltern kennen diese Situation. Ein Autofahrer hält an und signalisiert: Geht ruhig rüber. Was nett gemeint ist, bringt manche Familien in einen echten Konflikt. Denn gerade mit kleinen Kindern stellt sich die Frage: Welche Lektion lernen sie hier eigentlich?
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Ein Leser schildert genau diese Alltagsszene. Mit drei kleinen Kindern steht der Vater am Straßenrand, Autos fahren vorbei. Schließlich hält ein Wagen an, die Fahrerin winkt. Doch statt loszugehen, bleibt der Vater stehen, hält seine Kinder fest und winkt zurück.
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Für ihn ist klar: Über die Straße wird nur gegangen, wenn kein Auto da ist. Gar keins. Auch kein winkendes. Denn Kinder könnten die Geste missverstehen, schreibt er in einer Mail an die Familienredaktion. Gerade kleine Kinder könnten nicht einschätzen, ob wirklich alle Fahrzeuge anhalten.
Warum Winken für Kinder so gefährlich ist
Die Polizei teilt diese Bedenken ausdrücklich. „Für Kinder kann das konkrete Überblicken einer Verkehrssituation sehr herausfordernd sein“, erklärt Michael Ripke, Pressesprecher der Polizeiinspektion Halle. „Das Winken eines haltenden Autofahrers kann dem Kind ein sicheres Überqueren suggerieren, weshalb es dann möglicherweise nicht mehr auf den Gegenverkehr oder auf überholende bzw. andere vorbeifahrende Fahrzeuge achtet.“
Hinzu kommt ein weiterer Risikofaktor: „Ein haltendes Auto schränkt die Sicht des Kindes zusätzlich weiter ein.“ Deshalb rät die Polizei klar „auf das Angebot des Autofahrers grundsätzlich zu verzichten.“
Sichere Wege gehen – auch wenn sie länger sind
Gerade im Winter verschärft sich die Situation. Es ist oft dunkel, nass oder neblig, Kinder sind kleiner, schlechter zu sehen und tragen dicke Kleidung, die Bewegungen einschränkt. Auch Autofahrer haben bei Dunkelheit, Regen oder tief stehender Sonne ein eingeschränktes Sichtfeld. Ein freundliches Handzeichen kann dann schnell missverstanden werden – mit gefährlichen Folgen.
Gerade im Winter ist Vorsicht geboten: Es ist früh dunkel, häufig nass oder neblig, Kinder sind schlechter zu sehen. Auch Autofahrer haben bei Dunkelheit und schlechter Witterung ein eingeschränktes Sichtfeld. Ein freundliches Winken kann dann schnell missverstanden werden – mit schwerwiegenden Folgen.
Erwachsene als Vorbild: Kinder schauen genau hin
„Wenn Eltern mit Kindern die Fahrbahn queren wollen, sollten sie grundsätzlich immer auf eine sichere Querungsmöglichkeit (Ampel, Fußgängerüberweg) zurückgreifen, auch wenn das womöglich einen Umweg bedeutet“, so Polizeisprecher Ripke. Besonders bei Straßen mit mehreren Fahrstreifen oder zusätzlichen Straßenbahngleisen sei das wichtig.
Neben der konkreten Situation geht es aber um mehr: um Vorbilder. Kinder beobachten genau, wie Erwachsene sich im Straßenverkehr verhalten. „Kinder orientieren sich im Alltag sehr oft an dem Verhalten der Erwachsenen. Deshalb spielt die Vorbildfunktion von Erwachsenen eine sehr große Rolle“, sagt Ripke. Wer bei Rot geht oder Regeln „locker“ auslegt, riskiert, dass Kinder dieses Verhalten übernehmen. Das gilt nicht nur für Eltern, sondern für alle Verkehrsteilnehmer, die an der Ampel stehen.
Deshalb rät die Polizei, Verkehrssituationen bewusst gemeinsam zu üben und zu erklären. „Wir empfehlen, solche Situation mit den Kindern im Beisein der Eltern zu üben und diese Situationen möglichst anschaulich zu erklären. Kinder sollten immer erst dann eine Straße überqueren, wenn Fahrzeuge weit genug entfernt sind.“
Auch Autofahrer tragen Verantwortung
Auch Autofahrer sind gefragt. Zwar ist das Winken nicht verboten, doch aus Sicht der Polizei gilt: „Gut gedacht ist nicht immer gut gemacht.“ Fahrer sollten bedenken, dass Kinder Verkehrssituationen anders wahrnehmen – und dass auch für Autofahrer selbst etwa durch den toten Winkel Gefahren entstehen können. „Auf diese Geste sollte daher im Sinne der Verkehrssicherheit verzichtet werden.“
Unterm Strich bleibt eine klare Botschaft für Eltern, Kinder – und alle anderen Verkehrsteilnehmer: Klare Regeln, Geduld und gutes Vorbildverhalten helfen mehr als spontane Freundlichkeit. Gerade in der dunklen Jahreszeit kann das entscheidend sein, um Unfälle zu vermeiden.
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