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  7. Sachsen-Anhalt Verdienst-Check: Lohnzufriedenheit im Fokus

Familienleben Verdienst-Check: Wie zufrieden sind Sachsen-Anhalter mit ihrem Lohn?

Die Umfrage „FamilienLeben“ mit 12.000 Teilnehmern ergab: Ein Drittel der Menschen in Sachsen-Anhalt fühlt sich schlecht bezahlt. Eine Verkäuferin, ein Lkw-Fahrer und ein Produktionsmitarbeiter berichten, wo es hakt.

Von Robert Gruhne Aktualisiert: 25.09.2023, 10:01
Frisöre gehören auch in Sachsen-Anhalt zu den Berufen mit dem niedrigsten Verdienst.
Frisöre gehören auch in Sachsen-Anhalt zu den Berufen mit dem niedrigsten Verdienst. Symbolfoto: dpa

Magdeburg/Halle - Obwohl Marco Schroder Feierabend hat, fährt er heute Abend nicht nach Hause zu seiner Frau und seinem Sohn. „Wenn ich jetzt fahre, fehlen mir die 28 Euro Spesengeld“, sagt der Lkw-Fahrer aus dem Umland von Halle. Stattdessen verbringt er die Nacht im Lkw in der Nähe des Lagers, wo er am nächsten Morgen um 5 Uhr wieder Ware entgegennehmen muss. Und das, obwohl sein Zuhause keine Stunde entfernt ist.

Aber Schroder, der in Wirklichkeit anders heißt, braucht das Geld. Von Montagmorgen bis Freitagabend ist er mit dem Lkw unterwegs.

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Sachsen-Anhalts Arbeitsmarkt: Zwischen Zufriedenheit und Herausforderungen

Mehr als 2.200 Euro brutto kommen am Ende trotzdem nicht zusammen. „Lkw-Fahrer war einmal mein Kindheitstraum. Jetzt frage ich mich, warum ich mir das antue“, erzählt Schroder, der bereits seit fast zwei Jahrzehnten als Fahrer arbeitet. Und er fügt hinzu: „Mit Bürgergeld lebt man ruhiger.“

Dieser Text ist Teil der großen Serie: FamilienLeben in Sachsen-Anhalt.
Dieser Text ist Teil der großen Serie: FamilienLeben in Sachsen-Anhalt.
VS

Niedrigere Löhne liegen an Wirtschaftsstruktur des Landes

Sachsen-Anhalt und der Osten sind im Vergleich zum Westen immer noch Niedriglohnland. Jeder Dritte in Sachsen-Anhalt verdient in Vollzeit weniger als 2.500 Euro brutto im Monat.

Nicht überraschend kommt deshalb das Ergebnis der FamilienLeben-Umfrage von Volksstimme und MZ: Auch hier sagt ein Drittel, sie würden nicht angemessen bezahlt. Die Sicherheit ihres Jobs und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bewerten die Menschen in Sachsen-Anhalt bedeutend besser als ihren Verdienst.

Edeka und Jungheinrich: Unternehmen im Fokus des Verdienstes

Doch der Arbeits- und Fachkräftemangel setzt vieles in Bewegung, was früher nicht ging, meint Arbeitgeber-Präsident Marco Langhof: „Es tut sich sehr viel. Die Unternehmer machen sich große Gedanken, um optimale Bedingungen zu schaffen.“

Immer öfter übernehmen Firmen ihm zufolge etwa die Kitabeiträge oder ermöglichen flexible Arbeitszeiten. Auch die Bezahlung sei immer ein Faktor, um Mitarbeiter zu halten oder zu gewinnen.

Die fünf bestbezahlten und schlechtbezahlten Branchen in Sachsen-Anhalt im Vergleich.
Die fünf bestbezahlten und schlechtbezahlten Branchen in Sachsen-Anhalt im Vergleich.
Grafik: MRM/Bischof

Im Landkreis Stendal ist die Unzufriedenheit besonders hoch

Das Lohnniveau hängt für Langhof mit der Wirtschaftsstruktur des Landes zusammen. „Wir haben in Sachsen-Anhalt keine großen Firmenzentralen“, sagt der Unternehmer.

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Die bestbezahlten Branchen im Land sind die Energieversorgung und der Bereich Erziehung. Die Industrie findet sich im Mittelfeld, erst weit hinter dem öffentlichen Dienst. Kritik, dass die Verwaltung der Wirtschaft das Personal wegnehme, gibt es immer wieder.

Als den „großen Wurf“ bezeichnet Langhof die Ansiedlung des Chipkonzerns Intel bei Magdeburg, von der auch angestammte Betriebe durch Aufträge profitieren könnten. „Intel wird den Wettbewerbsdruck erhöhen“, meint Langhof weiter. Und damit auch die Löhne.

Arbeitsmarkt und Tarif: Die Rolle von Verdi und Tarifverträgen

Regional liegen auch die wirtschaftlich starken Standorte bei der Lohn-Zufriedenheit vorn. Besonders unzufrieden sind die Arbeitnehmer im Landkreis Stendal.

Hier finden 40 Prozent der Befragten, Arbeit werde nicht angemessen bezahlt. „Ich bin von der Bewertung etwas überrascht“, sagt Landrat Patrick Puhlmann (SPD). Sicherlich seien die Löhne in anderen Regionen höher, meint er. Allerdings habe sich der Arbeitsmarkt gewandelt.

Die Sachsen-Anhalter sind zufrieden mit der Vereinbarkeit von Familie und Job, aber nicht mit dem Verdienst.
Die Sachsen-Anhalter sind zufrieden mit der Vereinbarkeit von Familie und Job, aber nicht mit dem Verdienst.
Grafik: MRM/Bischof

Die Personalnot habe die Löhne auch in der Altmark stark steigen lassen – egal, ob in der Industrie oder der Pflege. Gerade in letzterem Bereich sei die Bezahlung laut Puhlmann vor sieben bis acht Jahren schlecht gewesen. „Das gibt es heute nicht mehr. Ich denke aber, die schlechte Bewertung hängt noch nach.“

Die Arbeitnehmer könnten heute Puhlmann zufolge viel mehr Druck ausüben und höhere Löhne fordern. Und falls der Chef dem Wunsch nicht nachkomme, könne man einfacher als früher wechseln.

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Tarifbindung im Osten nimmt immer mehr ab

Für die Gewerkschaften liegen die niedrigeren Löhne auch daran, dass die Tarifbindung im Osten so gering ist. Weniger als jeder zweite Beschäftigte profitiere von einem Tarifvertrag, meint Annett Kannenberg-Bode, Geschäftsführerin des Verdi-Bezirks Sachsen-Anhalt Nord. Außerdem komme es häufig zu Verstößen gegen den Mindestlohn, den Verdi zusätzlich auf 14 Euro anheben möchte.

„Mit Hängen und Würgen reicht es“, sagt Susanne Zinckel (Name geändert) über ihren Lohn. Die Frau, Mitte 30, arbeitet in einer Edeka-Filiale in Magdeburg und verdient in Teilzeit immerhin 17 Euro pro Stunde. Aber das Leben ist teurer geworden. Sie hat ein Kind und muss ein Auto unterhalten. Den Parkplatz auf Arbeit zahlt sie selbst.

Hinzu kommt Zinckel zufolge: Sie würde gern mehr arbeiten, aber der Arbeitgeber will sie nicht hochstufen, obwohl genug Arbeit da ist. Also macht die Verkäuferin Überstunden, die allerdings nur alle paar Monate ausgezahlt werden. Und Sonderzahlungen wie den Inflationsausgleich erhält sie nur anteilig. „Das ist ungerecht“, findet sie.

Für die meisten Sachsen-Anhalter ist Home Office nicht möglich.
Für die meisten Sachsen-Anhalter ist Home Office nicht möglich.
Grafik: MRM/Bischof

Ein weiterer Grund, warum viele Sachsen-Anhalter sich nicht angemessen bezahlt fühlen, sind die Unterschiede von Ost zu West. Bei der Firma Jungheinrich, die Maschinen für Lager herstellt, verdienen die Kollegen im Westen laut Betriebsrat teils ein Drittel mehr als die Mitarbeiter in Landsberg bei Halle. Hinzu kommt die höhere Arbeitszeit: im Osten meist 40 Stunden, im Westen oft nur 35 Stunden.

Landsberg und Dresden sind dem Betriebsrat zufolge die einzigen Standorte von Jungheinrich, wo es keinen Tarifvertrag gibt. Auch der Urlaub sei mit 25 Tagen deutlich geringer als im Westen, wo es 30 bis 35 Tage gebe.

Deshalb setzen sich die Beschäftigten zur Zeit für einen Tarifvertrag ein. „Wir machen einen ersten Schritt für mehr Gleichberechtigung“, sagt der Landsberger Betriebsratsvorsitzende Torsten Schneider. Er arbeitet in der Produktion als Pulverbeschichter.

Wirtschaftsforscher: Auch in Zukunft keine Westlöhne in Sachsen-Anhalt

Die Ost-West-Lohnlücke liegt laut Statistischem Bundesamt immer noch bei rund 20 Prozent. Für Steffen Müller, Professor für Wirtschaftswissenschaft an der Universität Magdeburg, liegt das an der geringeren Produktivität der Betriebe im Osten: „Das bedeutet natürlich nicht, dass die Leute faul oder weniger qualifiziert wären. Ein Grund ist, dass Ostunternehmen ihre Produkte zu geringeren Preisen verkaufen als die Konkurrenz im Westen.“

Die Produktivitätslücke erklärt Müller, der auch die Abteilung Strukturwandel und Produktivität am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle leitet, mit der Historie: „Der Osten ist nach der Wende weitgehend ohne marktfähige Produkte in die Weltwirtschaft gestolpert. Im Westen etablierte Markennamen fehlten.“ Auch das geringere Wachstum der besten Ostbetriebe seit der Wende sei ein Problem.

Aufholen lasse sich die Lücke nur sehr mühsam. „Ich gehe nicht davon aus, dass man im Osten in absehbarer Zeit Westlöhne hat“, meint Müller. Am ehesten könne das in neuen Märkten gelingen, wo man noch die Chance habe, vorne dabei zu sein. Ebenso spiele der demografische Wandel den Arbeitnehmern in die Karten.

Wirtschaftsforscher Müller betont allerdings, dass der Lohn nicht der einzige Faktor dafür ist, wie zufrieden die Menschen mit ihrer Arbeit sind. „Viele sind bereit, einen geringeren Lohn zu akzeptieren, wenn die Bedingungen rundherum stimmen. Ich habe ja Gründe, in Ostdeutschland zu leben.“