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Der innere Antrieb Faules Ich? Was hilft, wenn wir uns nicht aufraffen können

Warum steht man sich oft selbst im Weg? Wie Mini-Schritte, Selbstmitgefühl und echte Werte dazu beitragen, den inneren Schweinehund zu überlisten – und wann Faulheit gar keine ist.

Von Elena Hartmann, dpa 10.02.2026, 00:05
Wir wissen, dass Sport uns guttut, können uns aber trotzdem oft nicht überwinden: Das liegt daran, dass eher Emotionen als Wissen unser Handeln bestimmen.
Wir wissen, dass Sport uns guttut, können uns aber trotzdem oft nicht überwinden: Das liegt daran, dass eher Emotionen als Wissen unser Handeln bestimmen. Christin Klose/dpa-tmn

Berlin/Furtwangen - Manchmal ist es so einfach – und doch so schwer: Wir wissen genau, was gut für uns wäre. Sei es Putzen, Sport machen oder endlich wieder eine Freundin anzurufen. Und trotzdem schaffen wir es nicht, uns aufzuraffen. Das Gefühl, nicht motiviert und faul zu sein, kennt fast jeder.

Doch warum fallen uns genau solche Dinge manchmal so schwer? „Wissen allein reicht eben nicht, denn Wissen motiviert nicht. Es sind die Gefühle, die uns antreiben“, erklärt Christina Jochim, Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DPtV). Wir Menschen würden unterschätzen, wie stark Emotionen unser Handeln bestimmen.

Der Knackpunkt: Unsere Motivation steigert sich laut Gesundheitspsychologin Verena Klusmann-Weißkopf vor allem dann, wenn wir sofort einen emotionalen Gewinn spüren. Veränderungen sind aber oft anstrengend, weil wir Bequemlichkeit überwinden und andere Dinge zurückstellen müssen. Fokussieren wir uns auf Folgen, die sich erst langfristig zeigen, entsteht Frust und die Motivation knickt ein.

Bin ich wirklich faul oder einfach am Limit?

Faulheit ist in der Psychologie kein definierter Begriff - der Ausdruck sei oft eher eine „soziale Verpackung“, so Jochim. Dahinter steckt aber psychische Erschöpfung oder Überforderung. Zu viele Anforderungen oder Angst vor Versagen führen zu mentalem Stillstand. Das Gehirn fährt in den Selbstschutzmodus: Rückzug statt Aktivität.

Ob wir dann die Motivation so steigern können, dass wir uns Handlungsziele setzen, hängt laut Klusmann-Weißkopf vor allem von drei Faktoren ab:

  • persönlicher Relevanz
  • Selbstwirksamkeit
  • Erwartung, dass sich Anstrengung lohnt

Bricht einer dieser Punkte weg, schwinden Motivation und Energie. 

Der Hang zur Selbstverurteilung 

Untätigkeit entsteht nicht aus Faulheit, sondern kann letztlich verschiedene Ursachen haben: zu wenig Motivation, keine geeigneten Strategien für die Umsetzung oder für das Erholen von Rückschlägen, so Klusmann-Weißkopf. 

Wenn wir uns Misserfolge selbst zuschreiben, ist das sehr ungünstig für den eigenen Selbstwert. Dass wir uns fürs Nichtstun verurteilen, liegt laut Jochim vor allem daran, „dass wir in einer Leistungskultur leben, in der ein Nicht-Können als persönliches Defizit gewertet wird“. 

Dieses Gefühl von Scham entsteht aus der Angst, Erwartungen nicht zu erfüllen – ein sozial erlerntes Muster. Die Scham verstärkt laut Jochim das Problem, blockiert Motivation und hindert daran, Hilfe oder Unterstützung anzunehmen.

Selbstmitgefühl als „Turbo für Motivation“

Wer freundlich mit sich selbst umgeht, bleibt laut Jochim langfristig motivierter. Strenge Selbstkritik kann kurzfristig antreiben, erschöpft aber auf Dauer. „Selbstmitgefühl ist kein Weichspüler, sondern ein Turbo für Motivation“, sagt Jochim. Anerkennung kleiner Schritte stärkt das Belohnungssystem und die Bereitschaft, dranzubleiben oder neu anzufangen.

Besonders wichtig ist dabei laut Klusmann-Weißkopf die Selbstwirksamkeit: die Überzeugung, ein Ziel tatsächlich erreichen zu können. Dazu gehört nicht nur der Mut, ins Handeln zu kommen, sondern vor allem eine sorgfältige Planung und auch die Fähigkeit, Rückschläge zu bewältigen.

Diese sogenannte Coping-Selbstwirksamkeit entsteht laut Klusmann-Weißkopf, wenn wir uns gut kennen, Erfolge wahrnehmen und Rückschläge nicht als persönliches Versagen werten und für uns ganz persönlich passende konstruktive Strategien entwickeln.

Kurz gesagt: Wer empathisch mit sich selbst umgeht, kann Rückschläge auffangen, bleibt handlungsfähig – und motiviert sich nachhaltiger als jemand, der sich permanent antreibt oder abwertet, so Klusmann-Weißkopf.

Im Moment aufraffen: Diese Strategien können helfen

Viele hoffen darauf, dass die Motivation irgendwann von selbst kommt. Doch genau das sei laut Jochim ein Trugschluss: „Motivation folgt oft der Handlung und nicht umgekehrt.“ Wer auf den perfekten Moment wartet, wartet meist vergeblich.

Stattdessen helfen winzige Sofort-Schritte: eine Tätigkeit für drei Minuten machen, den Wecker stellen – und dann vielleicht auch wirklich nach drei Minuten wieder aufhören. Dieser Mini-Start kann den inneren Schweinehund laut Jochim schon zum Kippen bewegen. Oft folgt danach ganz automatisch der nächste Schritt. 

Wichtig ist auch, typische Stolpersteine wie Müdigkeit, Zweifel oder fehlende Lust vorab mitzudenken. „Man muss sich selbst eine gute Brücke bauen, wie man in dem Moment trotzdem loslegt“, sagt Klusmann-Weißkopf. Das kann heißen, die Sporttasche schon am Abend vorher zu packen oder eine Verabredung mit einer Freundin zu machen. Entscheidend ist nicht zu warten, bis Motivation entsteht – sondern die Situation so vorzubereiten, dass das Anfangen leichter wird als das Aufschieben, so die Gesundheitspsychologin.

Nachhaltige Motivation: Kleine Ziele setzen

Und wie bleibt man langfristig dran? Klusmann-Weißkopf betont: „Das, was erreichbar ist, muss mir am Ende auch etwas bringen.“ Kleine, realistische Ziele sichern Erfolge und verhindern Frust.

Außerdem steigert es laut Jochim die Motivation, Aufgaben bewusst mit persönlichen Werten zu verbinden. „Sinn entsteht, wenn Handeln mit Werten übereinstimmt“, sagt die Psychotherapeutin. Wer seinen Werten entsprechende Zeit widmet, erlebt mehr Zufriedenheit. Langfristig funktioniert Motivation laut Jochim wie ein Muskel: Sie wächst durch Übung, Routinen und kleine Erfolgserlebnisse.

Bei aller Selbstmotivation sollte man aber auch auf Warnsignale achten. Jeder darf mal antriebslos sein. Professionelle Hilfe kann laut Jochim sinnvoll sein, wenn Interessenverlust, Rückzug, Schlaf- oder Konzentrationsprobleme andauern. Sobald Freude, Erholung oder Verbundenheit dauerhaft fehlen, sollte man handeln, bevor ein Tief zur Belastung wird.