1. Startseite
  2. >
  3. Leben
  4. >
  5. Gesundheit
  6. >
  7. Therapie-Apps: Psychische Gesundheit per App: Funktioniert das wirklich?

Therapie-Apps Psychische Gesundheit per App: Funktioniert das wirklich?

Apps auf Rezept können bei psychischen Erkrankungen zum Beispiel die Wartezeit bis zum Therapieplatz überbrücken. Doch wie wirksam sind die Anwendungen wirklich – und wo liegen ihre Grenzen?

Von Elena Hartmann, dpa 23.02.2026, 00:05
Eine App auf Rezept: Digitale Gesundheitsanwendungen können bei verschiedenen psychischen Krankheiten unterstützend eingesetzt werden.
Eine App auf Rezept: Digitale Gesundheitsanwendungen können bei verschiedenen psychischen Krankheiten unterstützend eingesetzt werden. Elisa Schu/dpa/dpa-tmn

Wittmund/Freiburg/Breisgau - Eine digitale Anwendung, die bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen helfen kann – und die Krankenkasse zahlt die Kosten? Das klingt vielversprechend. Schlüsselbegriff ist die digitale Gesundheitsanwendung - kurz DiGAs, oft auch „Apps auf Rezept“ genannt.

Seit der Einführung der DiGAs im Jahr 2020 sind zahlreiche Apps auf den Markt gekommen. Mehr als 75 Programme listet das Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) derzeit. 30 davon für den Bereich Psyche (Stand Februar 2026). Die Angebote sollen etwa Menschen mit Angststörungen, Schlafproblemen, Phobien oder ADHS unterstützen.

Die geprüften Programme können von Ärzten sowie Psychotherapeuten verordnet werden und sollen Patientinnen und Patienten dabei unterstützen, mit Erkrankungen umzugehen. Doch ersetzen sie eine Face-to-Face-Therapie, oder sind sie eher eine Ergänzung? Wichtige Fragen im Überblick.

Was genau sind DiGAs?

Enno Maaß, Psychotherapeut und Bundesvorsitzender der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV), beschreibt DiGAs als „teilweise gut gemachte psychoedukative Aufklärungsinhalte“.

Das bedeutet: Sie vermitteln verständliche Informationen über psychische Erkrankungen und die dahinterliegenden Prozesse, ergänzt durch konkrete Hilfestellungen, Übungen und praktische Tipps, die Betroffene dabei unterstützen sollen, Symptome im Alltag zu bewältigen.

Wichtig ist die Abgrenzung: Es gibt zahlreiche Apps zur mentalen Gesundheit – von Meditations- bis Coaching-Tools. Aber nur DiGAs, die beim BfArM gelistet sind, sind laut Maaß nach ärztlicher oder psychotherapeutischer Verordnung erstattungsfähig - werden also von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt.

Wie funktionieren DiGAs?

Verordnen dürfen DiGAs laut Maaß nahezu alle Behandelnden, darunter Hausärzte, Psychotherapeuten, Psychiater sowie verschiedene Fachärzte. Die Verordnung erfolgt noch per klassischem Rezept. Das reichen Versicherte bei ihrer Krankenkasse zur Prüfung ein. Die Krankenkasse stellt dann nach erfolgreicher Prüfung einen Zugangscode zur Verfügung, mit dem etwa die verschriebene App genutzt werden kann.

Versicherte können auch direkt einen Antrag auf Genehmigung bei ihrer Krankenkasse stellen, wenn bereits eine entsprechende Indikation vorliegt.

Als Programme für Smartphone oder Browser führen DiGAs dann Schritt für Schritt durch bewährte – häufig verhaltenstherapeutische – Methoden, erklärt der psychologische Psychotherapeut Lasse Sander. Die Inhalte seien modular aufgebaut und würden sich meist an „störungsspezifischen Therapiemanualen“ orientieren, so der Experte, der am Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg forscht.

Es kommt aber immer auf die Art und Schwere der Erkrankung an, ob eine digitale Gesundheitsanwendung überhaupt geeignet ist. Primär richten sich die Programme an Menschen mit leichter bis mittelschwerer psychischer Belastung, die an ihrer Genesung arbeiten möchten.

Für wen eignen sich DiGAs, wo liegen die Grenzen?

DiGAs sind für alle geeignet, die Informationen über ihre Erkrankung suchen und erste Hinweise erhalten möchten, wie sie damit umgehen können. „Je schwerwiegender und komplexer die Erkrankung, desto geringer sind auch die Effekte“, ordnet Maaß ein.

Insbesondere bei erhöhter Selbstgefährdung sind DiGAs laut Sander nicht als alleinige Behandlung geeignet, können aber gegebenenfalls ergänzend hilfreich sein. Sie sind jederzeit verfügbar, „in der Hosentasche, direkt bei den Leuten“, so Sander, und bieten strukturierende Unterstützung sowie Notfallkontakte – ein Vorteil gerade in sehr belastenden Phasen. Eine gute App für psychische Erkrankungen sollte deshalb immer Notfallnummern und Ansprechpartner für akute Krisen enthalten.

Vorsicht ist laut Maaß geboten, wenn Menschen, die eigentlich eine Psychotherapie benötigen, zunächst nur eine DiGA nutzen. Bleibt der Erfolg aus, kann dies die Motivation für eine Therapie verringern. Gleichzeitig zeigt sich bei vielen, dass sich der Wille steigert, die erlernten Techniken in einer Therapie umzusetzen, so Maaß.

Wie wirksam sind DiGAs?

Die Wirksamkeit von DiGAs liegt Maaß zufolge meist nur im kleinen bis mittleren Bereich. Für die Zulassung reiche eine einzelne Studie, die eine gewisse Wirksamkeit nachweist. Einige Anwendungen, etwa Angebote, die bei Depressionen unterstützen sollen, zeigen dem Experten zufolge gute Effekte – allerdings oft nur auf bestimmte Symptome.

Laut Sander ersetzen DiGAs somit keine Psychotherapie. Sie können begleitend unterstützen und den Weg in eine Behandlung erleichtern. In den Anwendungen bekommen Nutzerinnen und Nutzer praktische Techniken für den Alltag gezeigt. So lassen sich unter Umständen längere Wartezeiten auf einen Therapieplatz überbrücken.

Ein weiteres Plus: Manche DiGAs vermitteln laut Sander grundlegende Informationen zum psychotherapeutischen Versorgungssystem, etwa welche Aufgaben Psychiater und Psychotherapeuten haben, welche Angebote es gibt und wie man Zugang zu passenden Hilfen bekommt. Das kann gerade in Anfangsphasen einer psychischen Erkrankung hilfreich sein.

Wie ergänzen sich DiGA und Psychotherapie?

Studien zeigen laut Sander, dass die mögliche Symptomreduktion bei DiGAs ähnlich hoch ist wie bei einer Psychotherapie, sofern die Betroffenen eine Präferenz für das Medium haben. Man muss mit den digitalen Anwendungen also auch grundsätzlich zurechtkommen. 

Eine Psychotherapie bietet allerdings Effekte, die darüber hinausgehen: „Viele Menschen haben das Bedürfnis, verstanden und gehört zu werden, soziale Kontakte wieder besser pflegen zu können oder sich selbstwirksam zu spüren“, so Sander. Das gelingt im Austausch mit Therapeuten besser, weswegen DiGAs auch nicht als Alternative zur klassischen Therapie gedacht sind.

Sie funktionieren aber unter den richtigen Voraussetzungen als Ergänzung. DiGAs können die Intensität der Psychotherapie Sander zufolge erhöhen: Wer einmal pro Woche eine Sitzung vor Ort besucht, kann zwischen den Therapiestunden online weiterarbeiten. Das steigert in erster Linie die Effizienz, nicht unbedingt die Effektivität, aber ermöglicht mehr Inhalte ohne zusätzliche Sitzungen. Ein Nachteil: Verschreibungen sind meist auf 90 Tage begrenzt, danach muss die DiGA erneut verordnet werden.

Service

Haben Sie suizidale Gedanken oder haben Sie diese bei einem Angehörigen/Bekannten festgestellt? Hilfe bietet die Telefonseelsorge: Anonyme Beratung erhält man rund um die Uhr unter den kostenlosen Nummern 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222. Auch eine Beratung über das Internet ist möglich unter http://www.telefonseelsorge.de.

In Notfällen, etwa bei drängenden und konkreten Suizidgedanken, wenden Sie sich bitte an die nächste psychiatrische Klinik oder wählen Sie den Notruf unter der Telefonnummer 112. Auf der Website der Deutschen Depressionshilfe finden Sie Klinikadressen und eine Auflistung von Krisendiensten und Beratungsstellen in Ihrer Region.