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Weltkrebstag Wie unterstütze ich jemanden, der Krebs hat?

Ein geliebter Mensch hat Krebs - wie kann ich als Freundin, Sohn oder Schwester unterstützen? Eine Psychoonkologin gibt Tipps und verrät, warum der Satz „Sag, wenn du etwas brauchst“ oft wenig hilft.

Von Ricarda Dieckmann, dpa 30.01.2026, 00:05
Eine feste Umarmung, ein abgenommenes Telefonat mit der Krankenkasse, ein Topf Suppe: Unterstützung für krebskranke Menschen kann ganz viele Formen haben.
Eine feste Umarmung, ein abgenommenes Telefonat mit der Krankenkasse, ein Topf Suppe: Unterstützung für krebskranke Menschen kann ganz viele Formen haben. Mohssen Assanimoghaddam/dpa/dpa-tmn

München - Eine Krebsdiagnose ist ein Einschnitt. Ob als Schwester, Ehemann, Mutter, enger Freund: Angehörige wollen eine Stütze sein in Zeiten von Ungewissheit, Ängsten und Therapien, die teilweise starke Nebenwirkungen mit sich bringen. 

Ein hoher Anspruch, mit dem sich Angehörige oft einen „sozialen Leistungsdruck“ auferlegen, wie es die niedergelassene Psychoonkologin und Buchautorin Angela Grigelat aus München nennt: „Ihre große Sorge ist, etwas falsch zu machen, dazu kommt oft Hilflosigkeit.“ 

Die Expertin beobachtet, dass Angehörige sich in ihrem Perfektionismus immer wieder verkrampfen und über das Ziel hinausschießen. Worauf kommt es also an?

Ein guter Anfang: Nachfragen und Zuhören

Ob die Diagnose nun frisch auf dem Tisch liegt oder die Person bereits mitten in der Therapie steckt: „Es führt kein Weg daran vorbei, dass man fragt: Wo stehst du gerade, was brauchst du gerade?“, sagt Angela Grigelat. 

Diese Frage stellen Angehörige am besten nicht nur einmal, sondern im Verlauf der Krebserkrankung immer mal wieder. Denn: „Die Bedürfnisse und das Befinden von Krebspatientinnen und -patienten verändern sich.“ 

Einstellen muss man sich als Angehöriger auch darauf, dass die Antwort „Danke, du kannst gerade nichts für mich tun“ lauten kann. „Man darf nicht von vorneherein davon ausgehen, dass eine Person, die Krebs hat, automatisch hilfsbedürftig ist“, sagt Grigelat. 

Auch, wenn das für Außenstehende undenkbar scheint: Wer an Krebs erkrankt ist, kann trotz aller Erschütterung durchaus das Gefühl haben, der Situation gewachsen zu sein. „Wenn man dann mit großen Augen und Mitleidsbekundungen wie "Ach, du Arme" angeguckt wird, tut das nicht unbedingt gut.“ 

Vier Beispiele, wie Unterstützung aussehen kann

Ein offenes Ohr und eine Schulter zum Ausweinen können guttun, sind aber nicht immer das, was am dringendsten gefragt ist. „Manchmal haben Krebspatientinnen und -patienten einfach keine Lust, über ihre Gefühle zu sprechen. Stattdessen liegt der Fokus darauf, handlungsfähig zu bleiben“, sagt die Psychologische Psychotherapeutin. 

Ganz wichtig, wie auch die Deutsche Krebshilfe in einem Ratgeber für Angehörige betont: Alleingänge und Entscheidungen, die über den Kopf der krebskranken Person hinweg getroffen werden, sind tabu. 

Hier kommen vier Beispiele, wie man als Sohn, Freundin oder Elternteil unterstützen kann - stets in enger Absprache. 

  • Recherche

Die Diagnose steht, jetzt geht es um die Frage, welche Therapie folgen soll - ein oft komplexes Abwägen. „Der Informationsbedarf ist jetzt riesig“, sagt Angela Grigelat. Angehörige können mit in die Recherche einsteigen. Geeignete Anlaufstellen sind etwa der Krebsinformationsdienst oder Patientenorganisationen. „Wichtig ist aber, nicht mit irgendwelchen medizinischen Ratschlägen zu kommen.“ 

  • Begleitung zu Terminen

Von Chemotherapie bis Nachsorge: „Ich sehe Leute, die in kein Gespräch allein gehen, die immer eine Freundin dabeihaben, die alles mitschreibt und hilft, solche Termine vor- und nachzubereiten“, sagt Angela Grigelat. Auch hier gilt aber: Wünscht die krebskranke Person, allein zu diesen Terminen zu gehen, sollten Angehörige das akzeptieren, anstatt sich aufzudrängen. 

  • Alltagsaufgaben

Auch mit einer Krebserkrankung läuft der Alltag inklusive seiner Aufgaben weiter. Da kann eine große Entlastung sein, wenn jemand das Kind von der Kita abholt oder zum Fußballtraining fährt, das Laub im Garten zusammenharkt oder einen Topf Suppe vorbeibringt, der nur aufgewärmt werden muss.

  • Papierkram

Krankenkasse, Reha und Co.: Eine Krebserkrankung bedeutet oft auch viel Bürokratie, die für Betroffene auch eine emotionale Belastung sein kann - etwa, wenn die Krankenkasse nachhakt, wie lange man noch krankgeschrieben sein wird. Auch hier kann guttun, wenn jemand bei der Kommunikation unterstützt. 

Vier typische Fallen - und wie es besser geht 

Was gut gemeint ist, tut am Ende nicht unbedingt gut. Hier kommen vier Fallstricke: 

  • Falle 1: Der Satz „Melde dich, wenn du etwas brauchst“ 

Der Satz ist gut gemeint, hilft Betroffenen aber längst nicht immer. Denn manchmal fehlt schlichtweg die Kraft, um auszuloten, was nun helfen könnte, wie Grigelat sagt. Die Psychoonkologin rät stattdessen zu konkreten Hilfsangeboten à la: „Du, in den nächsten Monaten wird es sicher schwer für dich mit den Hunderunden. Was hältst du davon, wenn ich jeden Morgen vorbeikomme und mit dem Hund gehe?“ 

  • Falle 2: Mehr anbieten als überhaupt schaffbar ist 

„Eine Krebserkrankung dauert nicht nur drei Wochen, das ist ein Marathon“, sagt Angela Grigelat. Angehörige sollten realistisch hinterfragen: Was kann ich auch langfristig leisten, ohne dass mir selbst die Luft ausgeht? Im besten Falle ist die Unterstützung für die krebskranke Person ein Mosaik, das aus vielen einzelnen Steinchen - also helfenden Händen - besteht. 

  • Falle 3: Einfach abtauchen 

Keine Seltenheit: Nach einer Krebsdiagnose melden sich auch mitunter enge Freundinnen und Freunde gar nicht mehr. Im Nachhinein hören Krebskranke von ihnen dann Entschuldigungen wie „Ich wollte nicht stören, du hast bestimmt jetzt viel zu tun.“ 

Viele Betroffene empfinden das als verletzend, wie Angela Grigelat sagt. „Man muss Kontaktsignale senden. Aber man muss auch damit leben, dass sie vielleicht nicht gleich beantwortet werden.“ Schließlich haben die allerwenigsten Erkrankten Kapazitäten dafür, nach dem Untersuchungstermin 20 Leute über das Ergebnis auf dem Laufenden zu halten. 

  • Falle 4: Unsensibles Timing

Der Krebs ist nicht alles: Betroffene möchten sich nicht pausenlos mit ihrer Erkrankung beschäftigen, heißt es von der Deutschen Krebshilfe. Und so sind die Momente wertvoll, in denen die Erkrankung mal in den Hintergrund rückt, etwa bei einem Ausflug ins Grüne oder einem Kinobesuch. 

Diese Anlässe sind womöglich keine geeigneten Situationen, um als Angehöriger nachzubohren, wie nun der Stand ist. Angela Grigelat liefert ein Formulierungsbeispiel für alle, die sich unsicher sind: „Ich würde dich gern fragen, wie es in der Nachsorge gelaufen ist. Ist das gerade ein guter Moment oder lassen wir das Thema heute lieber stehen?“ 

Ende der Krebstherapie? Das Thema ist nicht erledigt

Auch wenn die Annahme in vielen Köpfen fest verankert ist: Eine Krebserkrankung hat kein klar definiertes Ende. „Es ist ein großer Irrtum, dass mit dem Nachwachsen der Haare alles vorbei ist“, sagt Angela Grigelat. Zumal sich Krebsbehandlungen - etwa Immuntherapien - über Jahre ziehen können, womöglich den Rest des Lebens bestimmen. 

In vielen Kliniken, vor allem in den USA, läuten Patientinnen und Patienten am Ende ihrer Chemotherapie eine Glocke. „Das ist ein schönes Ritual, aber das Ende der Krebstherapie ist oft erst der Anfang der Auseinandersetzung mit der Krankheit und dem, was sie mit dem eigenen Leben gemacht hat und machen wird“, sagt Grigelat. 

Die Bewältigung der Krankheit dauert oft jahrelang. Dazu kommt die Sorge, dass der Krebs zurückkehrt. Heißt: Ein offenes Ohr und sanfte Gesprächseinladungen sind von Angehörigen auch weiterhin gefragt.