Begleiteter Umgang Hilfe, mein Kind ist Tiktok-süchtig - was kann ich tun?
Unendliches Scrollen, Fakeversprechen, digitale Freunde: Warum Tiktok für Kinder so verlockend ist und wann es zur Sucht wird. Ein Mediencoach gibt Tipps, wie Eltern Warnzeichen frühzeitig bemerken.

Berlin - Auch wenn Kinder und Teenager gefühlt pausenlos in den sozialen Medien abhängen und Eltern darüber verzweifeln, will Mediencoach Iren Schulz Tiktok und Co. nicht verteufeln. „Die ganze Social-Media-World ist ein wichtiger Baustein, wenn es darum geht, dass Heranwachsende entwicklungsspezifische Antworten auf Fragen finden“, sagt sie.
Ob einst TV-Soaps, Serien, Bravo und Co. - jede Generation habe sich schließlich ihre Fragen von Medien beantworten lassen. Ein erzieherischer Balanceakt für Eltern. „Er besteht darin, die Kinder nicht von den Online-Plattformen auszuschließen, aber auch nicht zu sagen: Feuer frei!“, beschreibt Schulz den Spagat.
Hilfe geben, um Ecken und Kanten der Tiktok-Welt zu durchschauen
Die Medienpädagogin rät Eltern deshalb dazu: „Begleiten Sie ihr Kind! Helfen Sie dabei, die Ecken und Kanten der Tiktok-Welt zu durchschauen. Das ist ganz sicher ein riesengroßer Kosmos - nicht nur mit zeitlichen und inhaltlichen Herausforderungen, sondern auch mit Interaktions-Risiken.“ Einfach ist das nicht:
- Das fange schon mit dem Dilemma an, dass es eigentlich gar keine Kante gibt, sprich kein Ende.
- Die Gefahren seien unendliches Scrollen, Videos, die in Dauerschleife laufen, dass sich hinter dem Profil eines 14-jährigen Tim ein erwachsener Mann stecken kann.
- Es sollte klar werden, dass es sich um eine Medienwelt handelt, in der vieles manipuliert und gefälscht sein kann.
- Wichtig für Iren Schulz: Kinder für Situationen sensibilisiert, in denen etwa jemand nach einem Foto fragt oder verspricht: „Ich mach' dich zum Model, aber dafür brauche ich ein paar Aufnahmen mit weniger Klamotten.“
Iren Schulz gibt aber auch zu bedenken, dass vor allem diejenigen Kinder und Jugendlichen besonders für die Algorithmen und Dauerbeschallung empfänglich sind, denen etwas im realen Leben fehlt. „Hat das Kind vielleicht keine Erfolgserlebnisse? Bekommt es von keiner Seite Verständnis? Was ist mit dem Freundeskreis? Hat es überhaupt einen? Gibt es Hobbys?“
Wenn das alles nicht vorhanden sei, sich der Mittelpunkt der realen Lebenswelt in die sozialen Netzwerke verlagert und die Tiktok-Nutzung zeitlich ausufere, sollten die Alarmglocken schrillen.
Kurzfrist-Begeisterung oder Endlosschleife: Wo die Sucht beginnt
Aber kann man da schon von einer Sucht sprechen? Und wo beginnt sie? „Wenn es sich um eine jeweils kurzfristige Begeisterung für ein Medienangebot handelt, wie wir das alle kennen: Ein Buch, das man verschlingt, eine Streaming-Serie, die einen in den Bann zieht oder ein Computerspiel, das einen nicht loslässt – dann ist das keine pathologische Nutzung oder Sucht, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin.
Anders verhält es sich, wenn die Plattform-Nutzung einen unangemessen hohen Stellenwert einnimmt und Einfluss auf alle Bereiche des Lebens hat. Iren Schulz nennt Beispiele: „Wenn man den Konsum von selbst nicht mehr reduzieren kann, die Körperhygiene vernachlässigt, die schulischen Leistungen absacken, sich Entzugserscheinungen zeigen und überhaupt der Fokus nur noch auf der digitalen Welt liegt, braucht die Familie Hilfe.“
Zeigen sich solche Anzeichen über einen Zeitraum von 12 Monaten, dann spreche die WHO laut der Medienpädagogin von Sucht.
Das sind die richtigen Fragen, die Eltern den Kindern stellen sollten
Letztlich, so Iren Schulz, geht es nicht darum, solche Zeiträume abzuwarten, sondern Kinder und Jugendliche gut zu begleiten. Und auch sichere Einstellungen vorzunehmen. Damit es gar nicht erst zu einer echten Sucht kommt. Deswegen sollten Eltern von Anfang an in die Social-Media-Nutzung eingebunden sein.
„Auch wenn Eltern kein eigenes Interesse an der Tiktok-Welt haben, ist es wichtig, sich für die Lebenswelt der Kinder zu interessieren und nachzufragen: Was begeistert dich eigentlich daran, wem folgst du und warum? Was sind Themen, die angesagt sind und was ist dir schon Unangenehmes passiert?“
Kinder und Jugendliche haben ihre Nutzung übrigens ganz gut im Blick, geben oft zu: „Es stimmt, ich bin zu lange auf Tiktok, kann aber einfach nicht aufhören.“ Dann helfen Einstellungen in den Apps weiter, etwa auf iPhones und iPad kann man Nutzungszeiten begrenzen, ebenfalls in der Google-Familiengruppe.
Auch in der Tiktok-App selbst lassen sich Bildschirmzeiten begrenzen, wenn man das mit dem Elternkonto koppelt. Unter www.medien-kindersicher.de gibt es Anleitungen dafür. „Das sollte man aber auf keinen Fall heimlich machen, sondern immer mit dem Kind zusammen“, rät Iren Schulz.