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Wider die Einsamkeit Im Alter neue Kontakte knüpfen

Je älter wir werden, desto schwieriger wird es, Freundschaften zu pflegen oder gar neue zu schließen. Die beste Freundin aus Schulzeiten ist längst verstorben, der Kumpel aus dem Fußballverein lebt zu weit weg. Wie sich das soziale Netz wieder erweitern lässt.

Von Bernadette Winter, dpa 17.08.2018, 03:53

Reutlingen (dpa/tmn) - Es ist eine Art natürlicher Schwund: Ab einem Alter von 30 Jahren geht etwa alle fünf Jahre eine Person im Freundeskreis verloren. 

"Die Clique verstreut sich in alle Himmelsrichtungen, verschiedene Lebensentwürfe machen es schwierig, den Kontakt zu halten", erklärt der Sozialwissenschaftler Eckart Hammer, Professor an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. Dabei ist soziale Interaktion das, was unser Leben verlängert und uns geistig gesund hält.

Es geht nicht nur um Interaktion zwischen Gleichaltrigen, sondern auch um generationsübergreifende Kontakte. Das können die Enkel- oder Wahl-Enkelkinder sein oder Grundschulkinder, denen man bei den Hausaufgaben hilft. Beide Seiten profitieren: Die Älteren bleiben aktiv, die Jüngeren werden idealerweise altruistischer. Zudem erweitert sich durch solche Bekanntschaften das Netzwerk. Man hat jemanden, der einem im Fall der Fälle helfen kann.

Schlimm sei die Einsamkeit, nicht das selbst gewählte Alleinsein, sagt Franz Müntefering. Der ehemalige Vizekanzler engagiert sich als Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO). Wer im Alter neue Freunde kennenlernen will, dem bieten sich weniger Gelegenheiten als noch mit Mitte 30. Also muss man sich Gelegenheiten schaffen: von der Volkshochschule über Tanzkurse bis zu Bildungsveranstaltungen. Auch ein Hund ist eine prima Kontaktbörse. 

Müntefering regt an, Bewegung und Begegnung zu verbinden und beispielsweise einem Senioren-Sportverein beizutreten: "Wer sich zwei Mal die Woche trifft und gemeinsam spazieren geht, lernt garantiert neue Menschen kennen." Eine andere Gelegenheit sind Mittagstische wie sie Vereine, Pflegeeinrichtungen oder Mehrgenerationenprojekte anbieten.

Hammer empfiehlt, von vornherein Freundschaften gut zu pflegen, um im Alter nicht alleine dazustehen. "Man kann auch mal dem Freund oder der Freundin einen Brief schreiben und betonen, wie wichtig einem der andere ist." Zudem könne es sinnvoll sein, darüber nachzudenken, wen man noch von früher kennt, aber aus den Augen verloren hat. Vielleicht lässt sich so auch mit Hilfe des Internets eine alte Bekanntschaft neu beleben. 

Überhaupt bietet das Internet viele Möglichkeiten. "Je älter wir werden, desto mehr wird das Netz unser Fenster zur Welt", sagt Hammer. Spezielle Seniorenplattformen können ähnlich wie Partnerschaftsbörsen dabei helfen, genau den neuen Freund zu finden, der zu einem passt. "Durch eine präzise Vorselektion hat man die Chance, noch einmal tiefgreifende Freundschaften aufzubauen", sagt der Altersforscher Sven Voelpel von der Jacobs University Bremen.  

Darüber hinaus ist ehrenamtliches Engagement eine Option, um Kontakte zu knüpfen. "In vielen Städten gibt es Ehrenamtsvermittler, die einem weiterhelfen, falls man für sich noch nicht das richtige gefunden hat oder selbst Hilfe braucht", weiß Müntefering. 

"Alt ist, wer nichts Neues mehr anfängt", fasst Hammer zusammen. Insofern seien spät geschlossene Freundschaften auch eine Chance, sich neu zu erfinden. Man kann sich ganz genau überlegen, was man von sich preisgibt. "Wer aber gute Freunde finden will, muss in Vorlage gehen und etwas von sich erzählen", sagt Hammer. "So entwickelt sich stufenweise eine Beziehung - das ist im Alter nicht anders als in jungen Jahren."

BAGSO

Franz Müntefering ist ehemaliger Vizekanzler und Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO). Foto: Joachim Rieger/BAGSO
Franz Müntefering ist ehemaliger Vizekanzler und Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO). Foto: Joachim Rieger/BAGSO
BAGSO
Eckart Hammer ist Sozialwissenschaftler und Professor an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. Foto: Eckart Hammer
Eckart Hammer ist Sozialwissenschaftler und Professor an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. Foto: Eckart Hammer
Eckart Hammer
Prof. Dr. Sven Voelpel beschäftigt sich als Professor für Betriebswirtschaft an der Jacobs University Bremen unter anderem mit dem demografischen Wandel. Foto: Annette Riedl
Prof. Dr. Sven Voelpel beschäftigt sich als Professor für Betriebswirtschaft an der Jacobs University Bremen unter anderem mit dem demografischen Wandel. Foto: Annette Riedl
Annette Riedl