Baustellenromantik?

Wie Influencer das Handwerk in Szene setzen

Arbeitshose statt Designerkleid und Maurerkelle statt Make-up-Pinsel: Einige Influencer stellen auf Social Media nicht etwa Modetrends, sondern ihren Handwerksberuf vor. Warum und mit welchem Erfolg?

Von Vera Kraft, dpa Aktualisiert: 21.09.2022, 15:34
Sandra Hunkes Alltag besteht zu 50 Prozent aus Handwerk, zu 50 Prozent aus Modeljobs.
Sandra Hunkes Alltag besteht zu 50 Prozent aus Handwerk, zu 50 Prozent aus Modeljobs. Sandra Hunke/dpa-tmn

Paderborn/Aschaffenburg - Eine junge Frau, die mit Wasserwaage posiert oder ein Bagger im Sonnenuntergang: Unter dem Hashtag „handwerk“ sind allein auf Instagram weit über zwei Millionen Beiträge zu finden.

Dabei posten nicht nur Unternehmen ihre Arbeit online, viele Handwerkerinnen und Handwerker nutzen die Plattform, um ihren Beruf auf oft kreative und persönliche Art vorzustellen. Darunter sind einige Frauen mit zum Teil hunderttausenden Followern. Doch was bedeutet es, Handwerksinfluencerin zu sein, wie viel Aufwand ist es und was springt am Ende dabei raus?

Mit 111 000 Followern gehört Sandra Hunke auf Instagram zu den Handwerksinfluencerinnen mit sehr großer Reichweite. Auf ihrem Account wechseln sich Baustellenfotos mit professionellen Aufnahmen von Hunke in Kleidern oder Bikini ab. Denn die 30-Jährige ist beides: Anlagenmechanikerin für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik und Model.

(Zeit)aufwendige Leidenschaft

„Mein Arbeitsalltag besteht zu 50 Prozent aus Handwerk und zu 50 Prozent aus Modeln“, sagt Hunke. Die meiste Social Media-Arbeit findet erst nach Feierabend statt: Selbst, wenn auf der Baustelle pünktlich um 16.30 Uhr Schluss ist, ist Hunke oft noch bis 22.00 oder 23.00 Uhr mit Social Media beschäftigt. Dann werden Nachrichten beantwortet, Fotos bearbeitet, Videos geschnitten und neue Posts erstellt.

An ihren freien Tagen zeigt die Anlagenmechanikerin ihren Followern, wie sie private Bauprojekte an ihrem Haus oder bei Freunden umsetzt. Noch dazu hat sie das Kinderbuch „Bella Baumädchen“ mitgeschrieben, mit dem sie bereits Kinder fürs Handwerk begeistern möchte.

Klempnerin, Zimmerer oder Steinmetzin auf Instagram

Luisa Lüttig ist erst seit knapp zwei Jahren auf Instagram als „Stein_Fluencerin“ aktiv. Sie hat mittlerweile ihren Meister als Steinbildhauerin und Steinmetzin gemacht und zeigt auf Fotos und Videos ihre Arbeit, beispielsweise wie sie Grabsteine und Tierfiguren bearbeitet. „Ich habe als Gesellin angefangen, Fotos zu posten und gemerkt, wie sehr es die Leute interessiert.“ Einige haben den Beruf erst durch sie kennengelernt. Inzwischen folgen der jungin Steinmetzin mehr als 3000 Menschen.

Es brauche Selbstbewusstsein, sich vor die Kamera zu stellen und seine Arbeit einem breiten Publikum zu erklären, sagt Lüttig. Letztendlich gefalle es ihr aber, anderen zeigen zu können, wie schön das Handwerk ist. „Die jungen Leute kommen nicht mehr ins Handwerk, also komme ich mit Social Media zu ihnen.“

Beide Handwerkerinnen haben die gleiche Hauptmotivation: Insbesondere auch Mädchen und Frauen das Handwerk näher zu bringen und ihnen zu zeigen: „Ihr könnt das schaffen.“ Lüttig kommt selbst aus einer Handwerksfamilie, sie arbeitet im Betrieb ihrer Eltern. „Hätte ich diesen Bezug nicht, weiß ich nicht, ob ich im Handwerk gelandet wäre“, sagt Lüttig.

Vorbilder auf Social Media

Instagram könne durchaus eine wertvolle Quelle zur Inspiration bei der Berufsfindung sein, sagt Heike Jahncke. Jugendliche brauchen der Dozentin für Berufs- und Wirtschaftspädagogik an der Universität Oldenburg zufolge Vorbilder und wenn diese nicht im direkten Umfeld zu finden seien, könnten Influencer womöglich diese Rolle einnehmen. Trotzdem haben das familiäre Umfeld und praktische Erfahrungen den bedeutendsten Einfluss, wenn es um die Berufswahl geht.

Steinmetzin Lüttig schlägt vor: „Einfach ausprobieren!“ Sowohl Interessierte als auch Eltern könnten schließlich Praktika machen und so Beruf und Arbeitsumfeld aus nächster Nähe kennenlernen. Von Vorurteilen sollte man sich ebenfalls nicht abschrecken lassen. „Handwerk hat einen goldenen Boden“, sagt Hunke gerne mit Blick auf die Verdienstchancen. Handwerker seien gefragt und nach einer Ausbildung warte oft gutes Gehalt.

Berufsinfluencer oder Beruf Influencer?

Obwohl Hunke als Model noch mehr verdienen könnte, sagt sie: „Das Handwerk steht an oberster Stelle.“ Auch Influencerin wollen weder sie noch Luisa Lüttig hauptberuflich sein. „Es geht mir darum den Beruf näher zu bringen, nicht mich“, sagt Steinmetzin Lüttig.

Dass man mit Sozialen Netzwerken wie Instagram und TikTok dennoch viel bewirken kann, merkt Lüttig vor allem, wenn sie Kollegen um Rat fragen oder ihr Jugendliche online Fragen zu ihrem Beruf stellen. „Ich konnte darüber schon mehrere Praktika und sogar eine Ausbildungsstelle vermitteln“, erzählt die Steinmetzin.