Dumfries und Galloway Bauernhofurlaub auf schottisch: Unter flauschigen Rindern
In der hügeligen Bilderbuchlandschaft Schottlands grasen sie auf Weiden: Galloway-Rinder. Stolz der Gegend. Die zotteligen Hingucker lernt man während eines Farmstays näher kennen - und lieben.

Dumfries - Eine Küste mit Sandstränden, Klippen und Buchten oder Schottlands erstes „Dark Sky“-Lichtschutzgebiet, das Sternengucker anzieht: Auf vieles ist man stolz in der Region Dumfries und Galloway, etwa auch, dass hier das Pedalfahrrad erfunden wurde und der schottische Nationalbarde Robert Burns im 18. Jahrhundert lebte und dichtete.
Doch besonderer Stolz gebührt in dieser landwirtschaftlich geprägten Gegend den Rindern. Sie übersteigen die Einwohnerzahl von 148.000 um das Dreifache und prägen die Kulisse. Unter ihnen tummeln sich die bekannten Galloway-Rinderrassen, die sich von hier aus in die ganze Welt verbreitet haben. Geschätzt werden sie für ihr gut marmoriertes, zartes Fleisch.
Während ein Sturm über den Landstrich tobt, bunte Blätter von Bäumen fegt und Regen auf den Offenstall prasselt, wird auf der Low Kirkbride Farm ein Kälbchen geboren. Kurz darauf steht das flauschige Wesen mit Teddybärohren auf wackeligen Beinen und stakst zur Milchquelle von Mutterkuh Xandra, ein besonderes Erlebnis während eines Farmstays. Ein weißer Gürtel - zu Englisch belt - zieht sich mittig um das schwarze Kalb. Die Zeichnung ist das Markenzeichen der Rasse Belted Galloways, liebevoll „Belties“ genannt.
Lämmern das Fläschchen geben
„Neues Leben“, freut sich Farmerin Zan Kirk, „die Kälberzeit ist meine liebste“. Gemeinsam mit ihrem Mann Joe, 77, bewirtschaftet die agile 72-Jährige den Hof nördlich von Dumfries seit vierzig Jahren. Seither hat sich vieles gewandelt. Wichtigste Änderung: Die Kirks empfangen zahlende Gäste, um sie während eines Farmstays am Hofleben teilhaben zu lassen.
Noch vor der Jahrtausendwende verkauften sie ihre Milchkühe, stellten 1998 auf Biolandwirtschaft um und erwarben ihre ersten zwei Belties. Heute ist eine Herde von 27 Kühen daraus erwachsen. Samt Jungtieren grasen rund 80 Rinder auf den satten, hügeligen Weiden, die sich rings um die Farm wie ein grünes Wellenmeer ausbreiten. Die herrliche Landschaft kann man vom Cottage aus auf kürzeren und längeren Routen erwandern.
Den Melkstall und das angrenzende Cottage, in dem früher Käse gelagert wurde, verwandelten die Kirks in zwei gemütliche Ferienwohnungen. Ihre internationalen Gäste sind nicht nur von den hübschen Belties entzückt. Auch Collie Swiftie, drei britische Reitponys, eine Handvoll gackernder Hühner und mit Glück ein paar verspielte Kätzchen sind auf Low Kirkbride zu Hause und freuen sich über Streicheleinheiten.
Zudem fressen sich rund zwanzig Schafe auf den Weiden satt. Während der Lammzeit von März bis Mai sind Gäste sogar eingeladen, einige kleine Lämmer mit der Flasche zu füttern – ein Highlight nicht nur für Kinder.
Glücklich über den Herdenzuwachs gönnt sich Zan einen Tee - natürlich aus einem Becher mit Beltie-Design. Auch Beltie-Brettchen und –Fotos zieren die Küche der Kirks. Auf dem Tisch liegt eine Ausgabe von „The Scottish Farmer“. Und statt Gardinen rahmen kunterbunte Rosetten ihr großes Küchenfenster. Hinter diesem läuft rund um die Uhr „Beltie-Kino“: Auch an grauen Tagen leuchten die Rinder wie weiße Farbtupfer in der Ferne.
Volksfeste und prächtiges Vieh
Ihre schönsten und stattlichsten Belties verlassen mehrmals im Jahr die Farm - und gehen auf Tour. „Zuchtshows sind eine Leidenschaft von mir“, erklärt Zan.„Unsere Beltie-Färse "Autumn Red" hat im Juni den zweiten Platz auf der Royal Highland Show gewonnen.“
Die Farm Show vor den Toren Edinburghs sei die wichtigste für das Renommee der Tiere. Prämiert werden verschiedene Rinder-, aber auch Schaf- und Pferderassen. Das mehrtägige Event hat Volksfestcharakter. Und ist längst nicht das Einzige: In der Region Galloway beliebt ist etwa auch die Wigtown Show Anfang August, ein örtliches Großevent, wo neben Vieh und Schafen Ziegen und Pferde die Stars sind.
Stets im Herbst steht zudem die große Beltie-Show in Castle Douglas an. Auch dafür werden Joe und Zan die Kühe waschen und föhnen, damit ihr zweilagiges, gewelltes Fell schön glänzt. Weitere gewünschte Eigenschaften: eine breite Stirn, ein kurzer Kopf mit kräftigem Kiefer und eine kompakte, rechteckige Statur.
Auch der erfahrene Galloway-Farmer Peter Hunter Blair weiß, worauf es ankommt. Auf der Beltie-Show werden seine einfarbig pechschwarzen Galloways jedoch nicht vertreten sein. Sie gehören als eigenständige Rasse einem anderen Zuchtverband an, dessen Vorstandsposten er selbst zwei Jahre innehatte.
Seinen Hof erreicht man über eine einspurige kurvenreiche Straße, die durch erhabene Landschaft führt, geprägt von rollenden Hügeln, Wäldern und Flusstälern. Wollige Schafe grasen am Wegesrand. Auf gut 30 Kilometern kaum ein anderes Auto. Zuletzt kreuzt die einsame Straße den Weitwanderweg „Southern Upland Way“, der über 340 Kilometer von der West- bis zur Ostküste Südschottlands verläuft.
Abschied nach mehrjähriger Pflege
Schließlich ein Schild: Nether Clough Farm. Sanft fällt das Land zum Carsfad Loch ab. Jenseits des tiefblauen Sees schwingen sich die Berge zum Galloway Forest Park auf, Schottland wie aus dem Bilderbuch.
„Nutzen wir schnell die Regenpause“, rät Peter, holpert mit dem Quad über wilde Weiden und stapft in Gummistiefeln das letzte Stück zur Herde, die den fremden Gast argwöhnisch beäugt. Peter ist begeistert von Galloways: Sie seien friedlich, gute Futterverwerter, und die Muttertiere brächten die Kälber ohne fremde Hilfe zur Welt.
Nach mehrjähriger Pflege die Tiere zum Schlachter zu bringen, beschwert ihn jedoch zunehmend. Zumindest der Gedanke, dass es die Tiere ohne ihn gar nicht gäbe, tröste ihn. Ärgerlich sei jedoch, dass manche Restaurants Galloway-Fleisch anböten, das zwar aus der Region, aber nicht von Galloway-Rindern stamme: „Im Zuchtverband suchen wir eine Lösung, wie man es klarer kennzeichnen kann.“
Zurück auf Low Kirkbride, checkt Zan erfreut ihr Tablet: Der Preis für Beltie-Biofleisch ist gestiegen. Die Nachfrage für umweltfreundlich und artgerecht erzeugtes Biofleisch ist da. Gut, dass es auch im „Belted Galloway“-Verband nicht an Nachwuchs mangelt. Und ans Aufhören denken auch Zan und Joe ohnehin noch lange nicht.
Links, Tipps, Praktisches:
Reiseziel: Die Region Dumfries und Galloway befindet sich im Südwesten Schottlands, die Low Kirkbride Farm nördlich der Stadt Dumfries.
Beste Reisezeit: ganzjährig reizvoll, aber in Herbst und Frühjahr kommen die Kälber zur Welt.
Anreise: über die Flughäfen Glasgow oder Edinburgh, weiter mit dem Mietwagen. Alternativ: per Fähre von Amsterdam nach Newcastle, Weiterfahrt nach Schottland.
Einreise: Neben dem Reisepass ist eine ETA (Elektronische Reisegenehmigung) für 16 Pfund Pflicht.
Farmstay: Die Unterkunft auf der Low Kirkbride Farm kostet ab ca. 80 Euro die Nacht (lowkirkbridefarm.co.uk). Weitere Farmstays finden sich auf goruralscotland.com.
Tipps zur Region: Farmshow-Termine auf beltedgalloways.co.uk oder gallowaycattlesociety.co.uk; Radverleih/Radurlaub: gallowaycycling.com. Auf der Farm Ellisland schrieb der Lyriker Robert Burns einen Teil seiner Werke, sie ist heute ein Museum (ellislandfarm.co.uk).
Kulinarik: Etwa im „Farm Shop & Farmhouse Kitchen Café“ (kilnford.co.uk) und dem historischen „The Globe Inn“ (globeinndumfries.co.uk) kann man sowohl Galloway- als auch vegetarische Gerichte genießen.
Währung: Ein Britisches Pfund entspricht etwa 1,15 Euro. Zahlung per Kreditkarte ist gängig.
Weiterführende Informationen: gsabiosphere.org.uk; visitscotland.com