Portugal Lost in Lissabon – kleine Anleitung zum absichtsvollen Verlaufen
Streifzug durch eine quietschlebendige Hauptstadt, in der sich allerlei Schätze verstecken.

Dies ist ein Aufruf zum abenteuerlichen Müßiggang. Das Gegenteil von durchgetaktetem Alltag. All das funktioniert, wenn man es richtig anstellt, in Portugals Hauptstadt Lissabon. Die ist voller Geschichte, gleichzeitig modern und quietschlebendig. Hier kann man wegen des milden atlantischen Klimas hervorragend den Sommer bis in den November verlängern oder den miesen deutschen Großstadtwinter trefflich verkürzen.
Ein langes Wochenende in Lissabon taugt als Gegenentwurf zu Sehenswürdigkeiten abhaken - durch absichtsvolles Verlaufen. Das mit dem Laufen ist übrigens nicht ganz wörtlich zu nehmen. Straßenbahn oder Bus sind auch erlaubt. Dafür hilfreich: die Lisboa Card. Die gilt für bis zu 72 Stunden, erlaubt kostenlose Benutzung nahezu aller öffentlichen Verkehrsmittel (Tram, Bus, Metro, Vorortzüge) und bietet zudem freien oder ermäßigten Eintritt in 52 Museen, Monumente und Sehenswürdigkeiten. Das richtige Werkzeug für unseren Plan.
City-Trubel
Prachtstraße Avenida da Liberdade - eher ein langgezogener Park mit Straßenverkehr, an beiden Seiten prächtige Gebäude mit prächtigen Fassaden, schicken Hotels und glitzernden Geschäften. Einfach an einem der Kioske unter den Alleebäumen ein kaltes Superbock oder Sagres-Bier zischen und dem Treiben zusehen. Dann ganz langsam weiter bummeln Richtung Baixa, der Unterstadt.
Wir stehen plötzlich, total zufällig, vor einer portugalweit bekannten Sehenswürdigkeit, die eigentlich Trinkenswürdigkeit heißen müsste. Hallo Fernandes steht in seinem Mini-Laden von der Größe einer Fahrstuhlkabine. Außer ihm passen maximal zwei Kunden gleichzeitig in die Bar „A ginjinha“. Benannt nach dem gleichnamigen Traditionsgetränk. Wir bestellen (für insgesamt kaum mehr als 3 Euro) zwei Glas hausgemachten Sauerkirschlikör mit eingelegten Kirschen drin. Getrunken wird draußen vor der Tür - da werden auch stilecht die Kirschkerne ausgespuckt, am besten in das zufällig dort verlaufende Kanalgitter. Keine Ahnung, wie die Stadtreinigung das findet. Bei der hohen Bestellfrequenz kommt zumindest einiges an Spuckkernen zusammen. ginjinhaespinheira.com.
In den rechtwinklig angelegten Gassen der Unterstadt treibt uns der Hunger in eine winzige Burger-Kneipe, die so gar nichts mit den großen internationalen Bratklops-Ketten gemein hat. „To B. Burger Joint“ hat nur eine kleine Speisekarte und wenige Tische im und ein paar vor dem Laden. Dafür mächtige, handgebastelte Burger, überbackene Nachos mit Chili, Creme Fraiche und Guacamole, dazu selbst geschnittene Pommes mit hausgemachter Remoulade. Überwiegend regionale Zutaten, das Rindfleisch kommt von den Azoren, das eiskalte Superbock-Bier direkt vom Fass. toblisboa.com
Alles am Fluss
Wer im äußerst hügeligen Lissabon mal einen Tag ohne anstrengendes Auf und Ab braucht, schlendert am besten am Ufer des Tejo von der City Richtung Westen. Hier starteten im 15. Jahrhundert die Weltumsegler-Schiffe Richtung Amerika und Afrika. Davon zeugt das sandsteinerne Padrão dos Descobrimentos (Eroberer-Denkmal) am Flussufer. Es zeigt Heinrich den Seefahrer, der Portugal zu einer mächtigen Kolonialmacht machte. Heute segeln auf dem Tejo Sportyachten um die Wette, ein paar Ausflugsdampfer transportieren Touristen, riesige Ozean-Pötte Container Richtung Hafen. Über die Szenerie spannt sich die Ponte 25 de Abril, die mit 2.278 Metern weltweit drittlängste Hängebrücke mit Auto- und Zugverkehr. Jede der zwei Pylonen, an denen die riesigen Tragseile aufgehängt sind, ist 190 Meter hoch.
Kunst und Industrie
Wir gönnen uns ein Panorama-Päuschen mit echtem Breitwand-Blick auf die Fluss-Szenerie. Im futuristischen Café des MAAT, außen vor dem schneeweiß gefliesten, muschelförmigen Museumsbau direkt am Ufer. MAAT heißt Museu de Arte, Arquitetura e Tecnologia (Kunst, Architektur und Technologie). Im hypermodernen Anbau gibt es beispielsweise riesige, begehbare Lichtinstallationen zu bestaunen. Im alten Gebäude, ein in weiten Teilen originalgetreu rekonstruiertes Kohlekraftwerk Baujahr 1908, das Lissabon bis in die 1970er Jahre mit Strom versorgte, kann man auf imposante Weise in die Industriegeschichte eintauchen. Haushohe Heizkessel und Dampfturbinen, Generatoren von Lkw-Ausmaßen - da spürt man noch heute die Energie fast körperlich. Ein halber Tag ist im MAAT ruckzuck vergangen. maat.pt
Wasser überall
Noch was mit Tauchen: Eine kleine Stadtbus-Reise (28 Haltestellen mit der Linie 728) weiter östlich, im Oceanario geht es ins Wasser. Alle Weltmeere unter einem Dach: Auf 20.000 Quadratmetern in insgesamt 7.500.000 Liter Wasser, verteilt auf mehr als 30 Aquarien, sowie 8.000 Organismen, darunter Tiere und Pflanzen aus 500 verschiedenen Arten. Highlight ist das zentrale Aquarium mit fünf Millionen Litern Wasser, Haien, riesigen Rochen, Korallen, bunten Fischschwärmen. oceanario.pt
Was für Melancholiker und Musikfreunde: Besuch im Fado-Museum. Die schwebend traurige Musik ist das klingende Markenzeichen von Lissabon. Mal reinhören, Geschichte der ebenso herzerwärmenden wie zerreißenden Musik aufsaugen. Auch als Vorbereitung für einen zünftigen Fado-Abend in einer der zahlreichen Kneipen. museudofado.pt
Köstliche Schienen-Nostalgie
Lissabon-Muss ist die Fahrt mit der historischen Straßenbahn. Alle Reiseführer empfehlen die Linie 28. Echte Auskenner raten genau deshalb davon ab - weil meist heillos überfüllt. Alternative: Die Linie 18 von Cais do Sodré ins etwas entferntere urige Stadtviertel Belém. Die knallgelbe, rund 100 Jahre alte historische Bahn kriecht oder braust auf 900 Millimeter-Schmalspurgleisen durch die engen Gassen, scheppert mit erstaunlichem Karacho um rechtwinklige Kurven. Rechts parkende Autos, links überholen Linienbusse mit Millimeterabstand auf beiden Seiten. Hupen und Bimmeln. Ein Abenteuer. Oben auf dem Berg steigen wir aus und werden an jeder Straßenecke neu überrascht. Der historische Nationalpalast versteckt sich zur Straßenfront hinter einer federleicht wirkenden hypermodernen Fassade. Drinnen prangen im Museo do Tesouro Real die nahezu vollstän-dig erhaltenen portugiesischen Kronjuwelen, dazu jede Menge Gold, Diamanten, kostbares historisches Geschirr. tesouroreal.ptWeiter schlendern Richtung Tejo. Hinter hohen Mauern versteckt sich, direkt neben der Hauptstraße, ein grünes Juwel - der botanische Garten von Ajuda, übrigens der älteste in Portugal. Über das symmetrisch angelegte Gelände stolzieren Pfauen unter riesigen Gummibäumen mit meterdicken Stämmen. Wasserspiele plätschern leise, gesäumt von blühenden Weihnachtsstern-Büschen. Immer wieder ergeben sich überraschende Sichtachsen auf Tejo und Hängebrücke. visitlisboa.com
Authentisch essen
Spontaner Abstecher: Das winzige Restaurant am Wegesrand heißt Rota dos petiscos (übersetzt etwa Reise der kleinen Köstlichkeiten), hier machen die Einheimischen (Hausfrauen, Büroangestellte, Müllfahrer) Mittagspause. Man isst Steak mit Spiegelei, Tintenfisch oder Bacalhau zu äußerst moderaten Preisen, dazu ein kleines Bier, später noch ein Espresso. Auch der zufällig hier hineingeratene Reisende fühlt sich augenblicklich zu Hause. rotadospetiscos.eatbu.com
Abenteuer Alfama
Das Altstadtquartier Alfama erkundet man am besten zu Fuß. Steile Buckelgassen mit oft nur handtuchbreiten Gehwegen. Auf ganzen Straßenzügen sind die Geschäfte, Kneipen oder Friseursalons in indischer Hand, dann wieder wähnt man sich eher in Afrika. Steiler Aufstieg zum Dach von Lissabon: Hoch über der Stadt thront die Festung, das Castelo de São Jorge. Die doch ziemlich vielen Touristen hier oben verlaufen sich zwischen dicken Sandsteinmauern, ausladenden Pinien und stolzierenden Pfauen. Immer garniert mit einem sensationellen Blick über ganz Lissabon. Auf dem Rückweg in die Innenstadt lohnt ein flotter Abstecher in das hippe Café Tarô. Eine lässige Mischung aus moderner Kunst, die man auch kaufen kann, gutem Kaffee - und wer will, kann sich spontan ein Tattoo to Go (ab 70 Euro) stechen lassen. insta-gram.com/tarolisbon
Es gibt so viele Sachen (von der imposanten Kathedrale Sé de Lisboa bis zu einem Heimspiel eines der Erstliga-Teams von Sporting oder Benfica), für die man ein zweites, drittes, zehntes Mal nach Lissabon reisen sollte.
Zum Schluss noch schnell ein typisches Souvenir. Das gibt es im knallbunten Fachgeschäft „The Fantastic world of the Portuguese Sardine“ (Die fantastische Welt der portugiesischen Sardine). Alle Wände meterhoch mit farbenfrohen Sardinendosen dekoriert. Sortiert nach Herkunft, Jahrgang, Sondereditionen etc. Hier sind Aufmachung und Inhalt (zumindest für Fisch-Freunde) ein kleines Fest. portuguesesardine.com


