Zwischen Nähe und Distanz Sind Geheimnisse vor Partner oder Partnerin okay?
Geheimnisse können Beziehungen belasten - oder beleben. Warum das richtige Maß zwischen Nähe und Distanz so wichtig ist.

Berlin - Ich habe einen Pickel am Po, der Nachbar sah gerade im Flur aber wieder verdammt sweet aus, und ich kann Deine Mutter wirklich nicht ausstehen. Solche Gedanken kann man haben. Doch muss ich die in einer Partnerschaft dem anderen brühwarm auf die Nase binden? Oder darf es Dinge geben, die nur mir gehören?
„Es kommt darauf an, welche Geheimnisse es sind“, sagt der Psychotherapeut Wolfgang Krüger aus Berlin. „Wir müssen nicht alles mit dem Partner oder der Partnerin teilen.“ Denn es könne ein großes Gefühl von Kraft oder sogar Überlegenheit geben, nicht alle Dinge zu erzählen. „Das lernen wir schon in der Kindheit und Pubertät.“, sagt er.
Problematisch wird es, wenn das Geheimnis den anderen direkt betrifft. „Ein langjähriger Seitensprung, dauerhafte Trennungsgedanken, eine schwere
Krankheit, eine Spielsucht – also Dinge, die existenziell in das Leben des Partners eingreifen – die darf man nicht verschweigen“.
Doch es gibt eben auch harmlose Geheimnisse. „Wenn Sie auf der Straße etwa die Figur einer anderen Frau schön finden und denken: 'Holla, die Waldfee‘. Das müssen Sie nicht erzählen“, nennt er ein Beispiel. „Oder wenn Sie einmal im Monat onanieren, dann ist das Ihr Ding. Es gibt Sachen, da wäre es schlicht überflüssig oder blöd, das der Partnerin mitzuteilen.“
Zwischen Klammern, Loslassen und Sehnsucht
Aber was tun, wenn der Andere auch so was grundsätzlich wissen will - etwa: „Mit wem hast Du Dich getroffen?“ oder „Was habt Ihr besprochen?“ Eifersucht könne leicht dazu führen, dass man sich bedrängt fühlt. „Wir wollen in einer Partnerschaft auch ein Stück Freiheit haben und uns selbst entscheiden, was wir erzählen“, erklärt Krüger. „Wir entwickeln nur Sehnsucht, wenn der andere uns gelegentlich in Ruhe lässt. Wenn ich bedrängt werde, lässt das automatisch die Gefühle für den anderen sinken“.
Andersherum könnten kleine Geheimnisse eine Beziehung sogar beleben, einem „so ein Kribbeln“ geben, wenn man weiß, dass der andere eins hat.
Aber es kommt immer auf den Einzelfall an – Thema Sex: Einerseits kann da Offenheit prickelnd sein: „Wenn ich Fantasien teile, kann das erregend sein. Aber es kann auch abschrecken. Es gibt keine Garantie“, sagt Krüger. Es hilft am Ende nur der Austausch und der Versuch. Das gilt auch noch nach langer Zeit.
Wir wissen erstaunlich wenig voneinander
Auch nach vielen Jahren wissen Partner oft erstaunlich wenig voneinander, ist die Erfahrung von Wolfgang Krüger aus seiner Praxis. „Wir geben uns kaum Mühe, den anderen zu fragen: Sag mal, welche Erinnerung hast Du an Deine Kindheit? Was macht Dein Leben aus? Was sind Werte Deines Lebens? Worauf wirst Du eines Tages stolz sein?“
Zudem gebe es in jeder Partnerschaft richtig dunkle Flecken, von denen der Andere überhaupt nichts weiß, wo der Partner gewissermaßen in der Partnerschaft einsam bleibt.
Darum rät Krüger zu Neugier – aber mit Maß: „Ich frage meine Frau jeden Morgen: Was hast Du geträumt? Das ist intim. Aber ich würde nie ständig bohren: Was denkst Du jetzt? Was fühlst Du jetzt? Das wäre bedrängend.“ Jede Beziehung braucht demnach ein Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz. „Das richtige Maß entscheidet und eine gewisse Kreativität, nicht nur Nachbohren und Rumtstochern“
Offen über Geheimnisse sprechen?
Sollte man so was zu Beginn einer Beziehung festlegen? In Bezug auf ganz unkonkrete Sachen wäre die Sache wohl zu abstrakt, so Krüger. „Weil ich müsste ja über irgendwas reden, wo ich gar nicht weiß, was es ist und was der andere mir möglicherweise verschweigen wird.“
Das Thema Geheimnisse insgesamt aber ist ein Unterkapitel von der Einigung über Nähe und Autonomie. „In einer regelrecht symbiotischen Partnerschaft, wo man sich gar keinen Abstand zubilligt, da werde ich wollen, dass der andere mir alles brühwarm erzählt“, nennt Wolfgang Krüger ein Extrem.
„Wo die Partner relativ viel Eigenständigkeit haben, unterschiedliche Berufe, vielleicht sogar eine Fernbeziehung, da habe ich automatisch einen Entwurf einer größeren Eigenständigkeit, wo ich alles nicht erzähle.“
Die Hauptsache ist die Frage über das Gleichgewicht von Nähe und Autonomie. Und: „Entscheidend ist immer die Partnerschaft mit mir selbst. Das bedeutet: Wie groß ist mein Selbstbewusstsein, wie viel Zeit brauche ich für mich selbst und wie anhänglich bin ich?“