Westerland/Niebüll (dpa) - An der Autoverladestation in Niebüll ist an diesem Morgen fast nichts los. Ein paar Handwerker, einige Autos mit NF-Kennzeichen für den dortigen Landkreis Nordfriesland.

Polizisten kontrollieren die wenigen Fahrzeuge mit Kennzeichen aus anderen Kreisen, fragen, aus welchem Anlass man nach Sylt möchte, lassen sich Sondergenehmigungen zeigen. Normalerweise wäre an einem Tag in der Karwoche hier viel mehr los. Aber in diesen Tagen der Corona-Pandemie ist nichts normal. Sylt und die anderen Inseln dürfen derzeit nicht von Urlaubern betreten werden.

Sylt lebt nahezu ausschließlich vom Tourismus. Ostern beginnt die Saison, die viele Hoteliers, Gastronomen und Ferienwohnungsvermieter den Winter über herbeisehnen. "Jetzt ist die Zeit, wo alles wieder anfährt", sagt der Chef der Sylt Marketing GmbH, Moritz Luft. Eigentlich. Denn trotz des tollen Frühlingswetters, trotz Ferien und Ostern herrscht auf der Insel fast gespenstische Leere. In der normalerweise so belebten wie beliebten Friedrichstraße in Westerland sind Restaurants, Cafés, Boutiquen und Galerien geschlossen - wegen der Corona-Pandemie.

Der Bürgermeister der Gemeinde Sylt, Nikolas Häckel, steht an der Kurpromenade in Westerland. "Normalerweise wäre es hier jetzt voll", sagt er und zeigt um sich. Doch nun sind Kurpromenade und Strand verwaist - von vereinzelten Spaziergängern und Joggern abgesehen. "Es ist dramatisch für uns, so kennen wir unsere Insel gar nicht", sagt Häckel. "Es ist für uns ein Desaster, wenn wir uns anschauen, dass wir normalerweise zu Ostern acht Prozent unseres Jahresgeschäftes machen. 350.000 Übernachtungen werden uns dieses Jahr fehlen, das ist schon eine ganz, ganz große Zahl, die viele wirtschaftlich herausfordern wird."

Gut 43.400 Betten in Ferienwohnungen, Hotels und Pensionen, Jugendherbergen und auf Campingplätzen gibt es auf Sylt der Tourismusstatistik 2018 des Sylt Tourismus Service zufolge. Ungefähr 10.000 davon befinden sich demnach in ausschließlich privat genutzten Zweitwohnungen. Vereinzelt versuchen Gäste, das Betretungsverbot der Insel zu umgehen und sich an den Kontrollen vorbeizuschmuggeln, sagt Häckel. Auch die Anfrage nach Ummeldungen vom Neben- auf den Erstwohnsitz habe es gerade zu Beginn der Pandemie ebenso häufig gegeben wie Wasserrohrbrüche und andere unaufschiebbare Reparaturarbeiten, die zum Betreten der Insel berechtigen. "Die Menschen sind ganz kreativ, auf jeden Fall", sagt der Bürgermeister.

In Kampen stehen vereinzelt teure Autos mit auswärtigen Kennzeichen vor reetgedeckten großen Immobilien. Menschen sind in den Gärten und Häusern nicht zu sehen. Es ist still, ein Streifenwagen fährt durch den schmucken Nobelort, hin und wieder ein Auto oder Radfahrer. Ansonsten scheint Kampen den Handwerkern und Gärtnern überlassen zu sein. An einer Appartementanlage am Roten Kliff sind die Gardinen in den Wohnungen zugezogen. Die Strandkörbe sind mit der Öffnung gen Terrassentür gedreht, Gartenmöbel stehen zusammengeklappt nahe am Haus.

An der Sansibar herrscht ebenfalls Stille statt Trubel. Außer Meeresrauschen und den Flügelschlägen zweier Schwäne, die über die Dünenkette bei Rantum hinwegfliegen, ist nichts zu hören. Keine Stimmen, kein Motorenlärm von vorbeifahrenden Autos. Die riesigen Strandparkplätze hier und anderswo, verwaist. Nur einzelne Wagen mit NF-Kennzeichen parken hier.

Die Dünen, die kilometerlangen weißen Sandstrände, die Wäldchen, wie in die Landschaft gekuschelte Reetdachhäuser - in der Stille wird noch deutlicher, wie schön die Insel ist und warum Sylt für viele Menschen ein Sehnsuchtsort ist. Doch viele Einheimische können die Schönheit ihrer Insel, die derzeitige Ruhe nicht genießen, wie Häckel sagt. "Wer existenzielle Sorgen hat, weil das Ostergeschäft fehlt, genießt die Situation nicht."

"Jeder Tag, jede Woche", die die Insel abgeschnitten ist, keine Urlauber kommen dürfen, schmerze, sagt Luft von der Sylt Marketing. Im Gegensatz zu den alpinen Wintersportorten, die die Saison zum Beginn der Einschränkungen zum Großteil hinter sich hatten, sollte das Geschäft an den Küstenorten jetzt erst richtig losgehen.

"Es ist ein großes wirtschaftliches Problem, das wir haben", sagt Häckel. "Das haben wir nicht nur auf Sylt, das werden alle Städte haben. Aber wir leben halt zu 100 Prozent vom Tourismus, und der fehlt zurzeit zu 100 Prozent."