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Serpentinen und SteinpistenTürkei-Roadtrip: Im Königreich der abenteuerlichen Straßen

Sie ist beliebt bei Badeurlaubern, Städtereisenden und Hobby-Historikern. Passionierte Autofahrer haben die Türkei dagegen selten auf dem Zettel. Dabei kann man hier über einsame Traumstraßen kurven.

Von Thomas Geiger, dpa Aktualisiert: 14.12.2023, 07:57
D915: Reißerisch wird die 1916 von den Russen gebaute Bergroute immer wieder als „gefährlichste Straße der Welt“ tituliert. Auf der Passhöhe angekommen, geht es in sanft geschwungenen Kurven über frischen Asphalt.
D915: Reißerisch wird die 1916 von den Russen gebaute Bergroute immer wieder als „gefährlichste Straße der Welt“ tituliert. Auf der Passhöhe angekommen, geht es in sanft geschwungenen Kurven über frischen Asphalt. Mazda/dpa-tmn

Trabzon/Kemaliye (dpa/tmn) – - Sie fliegen zum Baden nach Bodrum oder Antalya, studieren die Antike in Ephesos oder Pergamon oder kommen zum Shoppen und Schlemmen nach Istanbul – doch für einen Roadtrip verschlägt es Touristen nur selten in die Türkei.

Doch alle, die das Abenteuer lieben und sich ein Land gern auf der Landstraße erschließen, machen damit einen Fehler. Zumindest verpassen sie etwas. Denn kaum ein Staat in Europa bietet so spektakuläre und vom Fremdenverkehr so wenig erschlossene Straßen wie die Türkei, die mit einem Zipfel noch zu Europa und sonst zu Asien zählt. Wir stellen drei spektakuläre Routen vor.

1. Die D915: Haarnadelkurven und Nervenkitzel

Sie erfordert Mumm, die Straße D915 im Hinterland von Trabzon an der Schwarzmeerküste. Nicht umsonst rät die Website Dangerousroads.org, dass hier nur fahren möge, wer ein bisschen verrückt sei. Reißerisch wird die 1916 von den Russen gebaute Bergroute immer wieder als „gefährlichste Straße der Welt“ tituliert.

Dabei fängt sie im Vorort Of harmlos an. Ja, sie ist eng. Aber sie ist asphaltiert und schlängelt sich sanft durch die Teeplantagen im Küstengebirge. Weiter im Landesinneren aber werden die Kurven enger, die Lücken im Asphalt größer.

Bis die Teerdecke hinter einer Teestube am Ortsausgang von Çaykara ganz aufhört. Dort sitzen die Einheimischen und staunen, wer hier alles vorbeikommt und ein Abenteuer auf sich nimmt, das für sie ganz alltäglich ist.

Schließlich gibt es von hier aus keinen anderen Weg mehr nach Bayburt auf der anderen Seite der Berge als die Derebasi Turns, die 13 fotogenen Haarnadelkurven, die sich zum Soğanlı-Pass auf 2035 Meter hinaufziehen.

Mal ausgesetzt, mal tief in den Fels gehauen, überwinden sie auf nur fünf Kilometern mit Steigungen von bis zu 17 Prozent mehr als 300 Höhenmeter und sind dabei so eng, dass sie einem Angst und Bange machen.

Und als wäre die ungesicherte Streckenführung mit insgesamt sogar 29 Haarnadelkurven - 16 führen auf der anderen Seite des Passes hinab - nicht schon abenteuerlich genug, kommt auch noch ein Wetter hinzu, das einem oft vier Jahreszeiten an einem Tag serviert. Nicht umsonst ist die D915 im Durchschnitt sechs Monate im Jahr geschlossen.

Doch wenn sie offen ist, hält sie auf ihren insgesamt 180 Kilometern von Of nach Bayburt noch eine weitere Überraschung bereit. Kaum auf der Passhöhe angekommen, geht es in sanft geschwungenen Kurven auf frischem Asphalt über eine weite, fast alpine Hochebene.

2. Die Stone Road von Kemaliye: Dicht am Euphrat gebaut

300 Kilometer weiter im Südwesten wartet das nächste Abenteuer. Nur: ging es auf der D915 noch hoch hinaus, geht es jetzt auf der Stone Road von Kemaliye in der Provinz Erzincan tief hinunter an die Ufer des noch jungen und wilden Euphrat.

Durch eine Schlucht, die viele hundert Meter tief ist und oft so schmal, dass die Sonne nur wenige Minuten am Tag auf den Grund scheint, schlängelt sich hier eine Piste, die auf grobem Schotter quer durch den Fels getrieben wurde.

Auf nur knapp neun Kilometern gibt es 38 Tunnel, von denen viele so eng sind, dass zwischen Spiegel und Stein oft kaum eine Hand passt. An der schmalsten Stelle misst die Steinstraße nicht viel mehr als zwei Meter, und viel höher sind auch die Tunnel nicht.

Aber dafür gibt es alle paar Meter große Löcher nach draußen, die einen atemberaubenden Blick in die Schlucht und auf den Fluss freigeben. Nicht, dass man hier stehen bleiben sollte. Denn das Schlimmste, das einem auf der Stone Road passieren kann, ist ein drängelnder Hintermann oder gar Gegenverkehr. Doch weil bei der zentimetergenauen Fahrerei ohnehin kaum mehr als Schritttempo möglich ist, genießen zumindest die Passagiere die Aussichten.

Nicht minder spannend ist die Geschichte der Straße, mit der die Region Anschluss ans zentrale Anatolien fand. Weil den Behörden der Bau zu kompliziert und teuer war, griffen die Einwohner 1870 selbst zu Hacke und Schaufel und kämpften sich mühsam ohne Maschinen durch den Fels. So erzählt es der Wirt am Ausgang der Schlucht.

Das habe den Staat so beeindruckt, dass er irgendwann doch einstieg und die Straße fertig baute. „Und nach gerade mal 132 Jahren wurde die Stone Road 2002 eröffnet“, erzählt der Wirt, bevor er weitere zwei Tassen Çay auftischt. Angesichts dieser Zeitspanne relativieren sich dann auch die eben noch so endlos langen 45 Minuten, die man für die knapp zehn Kilometer gebraucht hat.

3. Kappadokien-Runde: Hinter jeder Kurve ein Fotomotiv

Vom erfrischenden Euphrat geht es 500 Kilometer weiter nach Göreme ins trockene Kappadokien. Hier hat die Erosion aus 30 Millionen Jahre alter Vulkanasche eine märchenhafte Landschaft gezaubert.

Wind und Wasser haben nicht nur hunderte zum Teil über 20 Meter hohe Kegel in die Ebene gestellt. Weil der Stein so weich ist, haben sich darin in den letzten paar tausend Jahren auch ganze Völker Höhlen gegraben und Häuser gebaut.

Die beiden Berge am Ortseingang von Uchisar zum Beispiel gehen als türkische Twin Towers der Antike durch. In einem Hotel zu übernachten heißt in der Gegend oft, in einer Höhle zu schlafen, einer „Cave-Suite“ mit Klimaanlage und knöcheltiefen Teppichen. In den Felsen finden sich liebevoll dekorierte Kirchen und unter Tage ganze Städte, in die sich die Christen einst vor den Arabern flüchteten.

Heute steigen morgens zum Sonnenaufgang Heißluftballons mit Touristen im Korb über der eigenwilligen Landschaft auf - es ist das bekannteste Fotomotiv Kappadokiens. Aber weil hinter jeder Kurve weitere faszinierende Perspektiven auf die Gebirgsformationen des Nationalparks warten, lohnt der Abstecher in die anatolische Pampa auch für Selbstfahrer.

Dabei macht es keinen Unterschied, ob man ins quirlige Ürgüp fährt oder in die Töpfermetropole Avanos, zur unterirdischen Stadt Derinkuyu oder die Touristenhochburg Göreme ansteuert: In Kappadokien ist einmal mehr der Weg das Ziel.

Doch wer möglichst viel in möglichst kurzer Zeit sehen will, der fährt um Göreme einen großen Kreis und achtet darauf, dass er immer innerhalb des Rings aus D300 und D302 bleibt. Dafür sollte man sich mit ein paar Zwischenstopps gut einen Tag Zeit nehmen, aber selbst wer sich drei Tage gibt, dem wird nie langweilig.

Autofahren in der Türkei

Formales: Zum Autofahren in der Türkei genügt der nationale Führerschein, ein Internationaler Führerschein wird nicht benötigt. Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit liegt innerorts bei 50, auf der Landstraße bei 90 und auf der Autobahn bei 120 Stundenkilometern. Die Verkehrsdichte ist außerhalb der Metropolen gering und das Straßennetz gut ausgebaut. Die Autobahnen sind oft leer.

Einreise: Mit dem eigenen Pkw ist die Anreise aus Deutschland lang, aber die Einreise in die Türkei ist ohne besondere Formalitäten möglich. Es genügt der Personalausweis.

Autowahl: Wer mit dem Flugzeug kommt, nimmt einen Mietwagen. Für eine Woche inklusive aller Kilometer etwa ab Istanbul zahlt man derzeit für einen Pkw teils unter 200 Euro. Bei der Wahl des Wagens gilt mit Blick auf die teils engen Straßen: je kleiner desto besser. Dann aber leidet der Langstreckenkomfort. Ein Geländewagen ist trotz des Schotters auf keiner der drei Routen vonnöten.

Die drei Straßen: Wer um des Fahrens willen in die Türkei kommt, kann die drei erwähnten, aber weit auseinander liegenden Straßen zu einem großen Roadtrip verbinden und wird dabei weitere kurvige Nebenrouten finden. Wer es eilig hat, der schafft den Sprung zwischen den Strecken jeweils in weniger als einem Tag.

- D915/Derebasi Turns: Landstraße von Of nach Bayburt, ca. 180 Kilometer, nächster Flughafen: Trabzon.

- Kemaliye Stone Road: Straße an den Ufern des Euphrat bei Kemaliye in der Provinz Erzican, ca. 10 Kilometer, nächster Flughafen: Erzincan.

- Kappadokien-Runde: Rundfahrt ab Göreme über Avanos, Ürgüp und Uchisar, ca. 70 Kilometer, nächster Flughafen: Nevsehir.