Magdeburg l Von vielen schönen Geschichten erzählt Jürgen Eberding eine Geschichte sehr gerne: Zugetragen hat sie sich im Jahre 2011, als sein Schützling sich, ihn und alle anderen, die sich im Leichtathletik-Nachwuchs auskannten, überraschte. Lisa Jäsert gewann damals bei der U-20-Europameisterschaft in Tallinn (Estland) über 1500 Meter Bronze und belegte über 3000 Meter den vierten Platz. „Damit hatte keiner gerechnet“, erinnert sich Eberding lächelnd. Jäsert kehrte glücklich zurück, reiste zwei Wochen später zur deutschen Meisterschaft nach Jena, startete innerhalb von 90 Minuten im Finale über beide Distanzen – und gewann jeweils Gold.

„Das sind die Momente, die mich begeistert und emotional berührt haben“, sagt Eberding, der heute seinen 65. Geburtstag feiert. Und der außerdem in diesem Jahr auf eine 50-jährige Mitgliedschaft beim SC Magdeburg zurückblicken kann. Und der nun womöglich mit dem einen oder anderen Anruf an diese vielen schönen Momente erinnert wird.

"Ein ganz normaler Arbeitstag"

Zu erreichen ist Eberding heute übrigens im Büro. Vor dem Computer. Oder man trifft ihn in der Halle am Olympiastützpunkt auf der Tartanbahn. Beim Training. „Für mich wird das ein ganz normaler Arbeitstag“, sagt der Dauerkarten-Inhaber bei dden FCM-Fußballern und SCM-Handballern.

In die Rente geht Eberding, geboren und aufgewachsen in Halberstadt, nämlich nicht. Er bleibt den Athleten bis zum nächsten November erhalten. Dann aber gibt es vielleicht eine kleine Feier zum Abschied, mit Lebensgefährtin Ute, den Töchtern Christin und Jule und hoffentlich vielen ehemaligen Schützlingen. Denn Eberding „hat zu jedem eine Datei über seine Leistungsentwicklung erstellt“. Statistiken, die in Ordnern ein riesiges Regal füllen könnten. Aber „ich habe ja einen Laptop“, sagt er lachend. Da passen die Protokolle eines sportlichen Lebens rein.

Ein Leben in Protokollen

Denn diese (unzähligen) Protokolle sind sein Leben – und zwar seit 1989, seitdem er seinen Dienst beim SCM angetreten hat, direkt nach dem Studium in Leipzig. Mit Klaus Kegel „habe ich eine Laufgruppe aufgebaut und nach und nach entwickelt“, erklärt er. Laufen auf der Tartanbahn, Laufen über Asphalt, Laufen durch Wälder. Mittel- und Langstrecke. Und die besonders lange Strecke ist Eberding selbst gelaufen.

Er war nicht nur ob seines langen Lebens als Trainer und beim SCM ein Marathon-Mann, sondern auch als Sportler. Einer, der sein Reiseglück zu DDR-Zeiten genossen hat, der daraus seine Motivation gezogen hat. „Ich habe es geschafft, an Europameisterschaften, Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen teilzunehmen“, sagt er nicht ohne Stolz. Sein bestes Ergebnis erzielte er 1978 bei der EM in Prag, als er Achter wurde. Bei den Sommerspielen in Moskau lief er auf Rang 21. „Da hatte ich aber Pech gehabt“, erzählt er. Ein Infekt hatte ihn geschwächt. „Trotzdem war es für mich ein Ereignis, auch wenn es reduzierte Spiele waren.“ Im politisch kalten Krieg hatte der Westblock seine Teilnahme boykottiert. In jenem Jahr 1980 hat er übrigens auch seine Bestzeit im damaligen Karl-Marx-Stadt erzielt: 2:12:13 Stunden.

Vier Medaillen auf internationaler Bühne

Zum und im Marathon hat es unter seiner Trainer-Obhut vor allem Frank Schauer geschafft – bis hin zum deutschen Meistertitel 2013 sogar. Schauer, der seit 2014 für den Verein Tangermünder Elbdeichmarathon startet, trainiert heute noch nach den Plänen des Jürgen Eberding, so wie auch Julius Lawnik lange nach seinem Wechsel vom SCM zur LG Braunschweig nach seinem Plan trainiert hat. Neben Lawnik (Bronze bei der EM 2013 über 3000 m) und Jäsert führte der Coach auch Maren Smoljuk (Eyof-Silber über 400 m Hürden) und Johannes Motschmann (Eyof-Bronze über 2000 m Hindernis) zu Edelmetall auf internationaler Bühne.

Motschmann und Lawnik gehörten vor acht Jahren zu jener Gruppe, über die Eberding sagt: „Ich hatte das Glück, dass ich einen ganz starken Jahrgang hatte mit sechs Bundeskadern.“ Und jedem Einzelnen wird er gesagt haben, was er seinen U-18/20-Athleten heute noch sagt: „Es ist wichtig, dass sich jeder probiert, dass jeder sein Bestes gibt, dass jeder weiß, wie weit er kommen kann.“ So wie Jürgen Eberding, der über seine Faszination für den Marathon, für eine 42,195 Kilometer lange Qual, sagt: „Es ist ein Austesten, was man leisten kann.“ Ein Spiel mit den eigenen Grenzen.