Magdeburg l ● Zwar durfte man sich im Blatt der Jugendorganisation FDJ unter der Ägide des Chefredakteurs Hans-Dieter Schütt gelegentlich etwas mehr herausnehmen, aber dieser kurze Text, der nicht viel länger war als eine Meldung, wirkte auf Leser, die nach neuester amerikanischer Literatur suchten, geradezu magisch anziehend.

„Was er nicht ist, weiß der junge Held in Jay McInerneys Debütroman endlich, nachdem er New York und dessen Clubs bis zum Überdruß durchstreift hat. Er ist weder Aufsteiger noch Aussteiger, nicht der dynamische Manager mit Karrierechance, cool, berechnend, trendbewußt. Er war unterwegs, ist aber nie angekommen in dieser glitzernden Schein-Welt. Am Ende, fast in der Gosse, begreift er: Er wird alles von vorn lernen müssen. Ein starkes Buch … Schon mit der ersten Zeile hat er seine Leser. Ton, Stil und Dialoge verraten ein genaues Gespür für das zweifelnde Lebensgefühl des Ausgeschlossenen. Sie glauben der Werbung nicht“, schrieb Felix Heider, der mit seiner Rezension zu Jay McInerneys „Ein starker Abgang“ nichts anderes als den ersten großen Beststeller aus der Ära des „Creative Writing“ der Achtziger dem DDR-Publikum vorstellte.

Ohne die erforderliche Kritik am Kapitalismus ging es freilich nicht. Aber es ist unverkennbar, dass dem Rezensenten das Buch gut gefallen hatte. Und so wie eine einzelne Reise in jungen Jahren ein ganzes Leben verändern kann, ist das auch mit der Lektüre von „Bright Lights, Big City“ möglich.

Die DDR-Lizenz war vermutlich durch übliche Koppelgeschäfte erteilt worden. In den achtziger Jahren wurden nicht wenige Bücher aus den Programmen westdeutscher, österreichischer und schweizerischer Verlage in hoher Qualität in DDR-Druckereien hergestellt, wofür Devisen fl ossen und parallel auch auflagenbegrenzte Lizenzen für Ostdeutschland erteilt wurden. So konnte „Ein starker Abgang“ im Verlag Neues Leben erscheinen, der Preis im Volksbuchhandel war sehr günstig: fünf DDR-Mark.

Im Nachhinein liest sich alles wie ein Traum eines erfolglosen Schriftstellers, der für die heimische Schublade schreibt. Ein junger Autor mit literarischen Ambitionen, der in der Verifikationsabteilung eines legendären Magazins, das sehr dem realen „New Yorker“ ähnelt, angestellt ist und dort versauert, wird allmählich von der Seichtheit des Großstadtlebens in Manhattan mit Drogen und edlen Partys verführt. Seine Ehefrau, inzwischen ein erfolgreiches Modell, verlässt ihn, schließlich feuert ihn sein Arbeitgeber wegen notorischer Unzuverlässigkeit. Als alles verloren ist, verfasst er in wenigen Wochen einen Roman über seinen Abstieg. Das Buch wird ein Bestseller.

Dieser Roman erschien 1984 bei Vintage Books / Random House New York. Jay McInerney sollte damit die amerikanische Literaturszene verändern. Mit dem neuen Status, den man McInerney in der New Yorker Autorenszene zuwies, fand er sich auf gleicher Höhe mit Philip Roth, John Updike und Tom Wolfe. Damals war Jay McInerney keine 30 Jahre alt.

Als Rowohlt den Bestseller 1986 nach Deutschland holte, ließ sich der Erfolg in den Staaten nicht kopieren, obwohl die Übersetzung von Nikolaus Hansen herausragend ausfiel. Für die kommenden deutschen „Pop-Autoren“ wie Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht, Eckhart Nickel oder Joachim Lottmann wird das Buch vermutlich eine verführerische Folie gewesen sein.

McInerney hatte sein Werk mit einer stilistischen Neuerung ausgestattet, die nach 2500 Jahren Literaturgeschichte fast unmöglich scheint. Der Ich-Erzähler erzählt seine Geschichte durchgehend in der zweiten Person. Das liest sich überraschend gut: „Du bist nicht der Typ, der sich morgens um diese Zeit an einem Ort wie diesem herumtreibt. Aber da bist du nun mal, und du kannst nicht behaupten, daß dir die Umgebung gänzlich unvertraut ist, auch wenn die Einzelheiten ein bisschen verschwommen sind.“

Eine Kurzgeschichte mit dem Erzähler in der zweiten Person war dem Buch vorangegangen. Ein Verlagslektor hatte sie in einem Magazin gelesen und sofort das literarische Potenzial erkannt. Er erteilte McInerney den Auftrag, einen Roman in genau dieser Sprache zu verfassen, den er ein paar Monate später genau so ablieferte.

Parallel setzte der Boom um das „Creative Writing“ ein, das schon lange an US-Unis gelehrt wurde, ohne sich literarisch zu entfalten. Aber auf dieser Welle, die für die US-amerikanische Literatur so ähnlich wirkte wie in den Neunzigern „Grunge“ in der Popmusik, wollten fortan viele Verlage und Autoren reiten. Als künstlerisch Überlebender dieser Phase mit Hunderten Epigonen ist nur noch Bret Easton Ellis übrig geblieben. Dass sein Skandalwerk „American Psycho“, das in Deutschland zeitweise auf dem „Index“ stand, inzwischen in London und New York als Musical lief, zeigt aber auch, dass die einstige Brisanz dieser literarischen Stilform verblasst ist.

Jay McInerney lebte ein paar Jahre ein Star- und Partyleben, das ihm durch seinen Roman möglich wurde, der 1988 auch noch in Hollywood verfilmt wurde. Die Fassung von James Bridges war eine gelungene Visualisierung, nur die Produzenten drückten ihm Michael J. Fox in die Hauptrolle, der durch seinen riesigen Erfolg mit „Zurück in die Zukunft I“ als Mann der Stunde galt. Für diese Story war er aber eine klassische Fehlbesetzung.

Dennoch lohnt sich der Streifen, für den Jungstars wie Phoebe Cates, Kelly Lynch, Charlie Schlatter und Kiefer Sutherland verpfl ichtet wurden, heute noch, zumal im Soundtrack mit Depeche Mode, Donald Fagen, Bryan Ferry, New Order oder Prince der New-Wave-Rhythmus der 80er ausgefallen gespielt wird.

Epigonen hatte McInerney reichlich. Sogar der große Tom Wolfe lobte: „Immerhin haben sie versucht, ein gewisses Maß an Realismus in ihre Romane zu bringen, deshalb werden ihre jeweiligen Zweitwerke auch so scharf kritisiert. Das literarische Establishment hasst den Realismus“, schrieb einer, der sonst gegen die Erfolgskonkurrenten seines Metiers austeilte.

 

Mit der allgemeinen Konfusion New Yorks in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre, die untrennbar mit dem wahnsinnigen Treiben an der Wall Street, der völligen Entgleisung des Nachtlebens und der Aids- Epidemie verbunden war, hatte auch McInerneys Veränderung als Autors eingesetzt. Die Nachfolgerbücher „Ransom“ („Einhandklatschen in Kioto“) und „Story of my Life“ („Ich nun wieder“) seines legendären Erstlings waren stilistisch wie thematisch keineswegs schwächer, doch einem Kultautor ist nur ein einziges Kultbuch vergönnt. So lautet die Regel der Branche.

Dem kulturellen Leben New Yorks blieb Jay McInerney verbunden, auch als Autor von profunden, off enbar selbstrecherchierten Weinführern. Im Jahr 1994 genügte ein einziger Zeitschriftenrtikel von ihm, um dem damals 19-jährigen It-Girl Chloë Sevigny zu einer Hollywood-Karriere zu verhelfen.

Mit „Brightness falls“ („Alles fällt“) gelingt ihm sein letzter wirklicher Erfolg, der auch literarisch hohen Maßstäben standhielt. In vierter Ehe mit Anne Hearst, einer kunstinteressierten Erbin, die auch ein Wochenendhaus in der Karibik besaß, schreiben sich Bücher gut, ohne allerdings noch einmal in Sichtweite des literarischen Olymps zu kommen. Dennoch gehört McInerney bis heute zum Establishment der New Yorker Kunstszene. Einmal erworbener Ruhm wird dort – ganz nach Andy Warhols Erkenntnissen – niemals völlig infrage gestellt.

Empfehlungen aus dem Werk Jay McInerneys:

Ein starker Abgang; Rowohlt- Verlag

Einhandklatschen in Kioto; Rowohlt-Verlag

Alles ist möglich; Goldmann- Verlag

Bacchus and Me; Vintage Books