Burg l Die neuen Räume in der Kreisvolkshochschule in Burg sind für Qais mittlerweile wie ein zweites Zuhause geworden. Hier begann er im Januar, die deutsche Sprache zu lernen – zielstrebig und mit Spaß an der Sache. Qais will neu durchstarten, für sich, seine Ehefrau und die beiden Kinder eine sichere Zukunft aufbauen. Hier in seiner neuen Heimat.

Seine alte musste der junge Mann verlassen. „Mein Leben war bedroht. Wir mussten weg“, sagt der 25-Jährige.

Rückblick: An der Universität in Kabul kann er nach der Schule vier Jahre Englisch studieren. Als die ausländischen Truppen den Terror am Hindukusch eindämmen wollen, sind ausgebildete Dolmetscher wie Qais unverzichtbar. Der Absolvent findet den Weg zur Bundeswehr. Er ist dabei, wenn die Deutschen im Einsatz sind, wenn Hilfsprojekte, wie Straßen- oder Brückenbauten, angeschoben oder Kontakte zur Bevölkerung und den Stämmen aufgebaut werden. „Eine interessante Zeit für mich. Ich gehörte dazu wie ein Soldat“, sagt Qais heute – und spricht nur gut von der Bundeswehr und ihren Bemühungen, den Draht zu den Menschen zu finden. Wenngleich die Arbeit in den Regionen Afghanistans keineswegs leicht und ungefährlich war und ist. „Der Einfluss der Taliban ist oftmals sehr groß, viele sind misstrauisch.“ Und jeder, der mit den ausländischen Militärs zusammenarbeite, müsse nach Warnungen der Terroristen um sein Leben fürchten. Diese Tatsache bekam auch Qais zu spüren, als die Bundesregierung ihren Beschluss, sich massiv aus Afghanistan zurückzuziehen, allmählich umsetzte. „Von da an bekam auch ich Drohungen“, erzählt Qais. Der Beschluss des Bundestages und das Angebot der Bundeswehr, das Land Richtung Deutschland verlassen zu können, war wie ein Rettungsanker für den jungen Vater. „Wir hatten keine Wahl.“

Bilder

Mit zwei Koffern landet die Familie im Dezember 2014 in Deutschland, wenig später dann in Burg.

Obwohl die Heimat Tausende Kilometer entfernt ist, Freunde und Familie zurückgelassen sind, sprüht Qais vor Optimismus. „Es ist schön hier. Und Frieden“, sagt er mit einem unbändigen Lächeln und korrigiert sich selbst, wenn die Grammatik in einem Satz mal nicht hundertprozentig stimmt. Dies täuscht nicht darüber hinweg, dass sein Deutsch schon erstaunlich gut ist, wie Gisa Spring bestätigt. Die Dozentin für Integrations- und Alphabetisierungskurse an der Volkshochschule hat Qais vom ersten Tag an unterrichtet. „Ich kenne niemanden, der seine Möglichkeiten in kürzester Zeit so schnell nutzt“, sagt sie. Und das hieß beispielsweise, jede Woche 25 Stunden Deutsch pauken, nach der Schule weiter üben und Hausaufgaben machen. Für Qais war das eine Art Selbstverständlichkeit. „Die Sprache zu beherrschen, ist doch das Wichtigste“, sagt er. Die ersten Kurse hat er erfolgreich absolviert, derzeit besucht er einen weiteren Aufbaukurs an der Euroschule Magdeburg. Damit wird sicher noch lange nicht Schluss sein, denn Qais hat klare Vorstellungen von der Zukunft. Bei der Antwort auf die Frage, wie er sich seinen Weg beruflich vorstellt, muss er nicht lange überlegen: „Polizist würde ich gern werden.“

Bis dahin ist es noch ein weiterer Weg. Aber Qais will am Ball bleiben, lernen und Erfahrungen sammeln, ab Januar seinen Führerschein machen – und etwas von der Hilfsbereitschaft, die ihm entgegengebracht wird, zurückgeben. Beispielsweise in den Erstaufnahmelagern in Heyrothsberge oder Altengrabow. Meistens nachts wird er dann gerufen, um zu übersetzen. Das macht er gern. „Denn ich bin dankbar, hier neu anfangen zu können“, versichert der sympathische Mann – und blickt zu Gisa Spring, mit deren Familie er, seine Frau und die Kinder mittlerweile auch freundschaftlich verbunden sind.

Dies sei auch eine Stütze in vielen Lebenslagen und gelebte Integration. „Ich würde mir wünschen, wenn jeder hier eine ausländische Familie an seiner Seite hätte ...“, sagt die Burgerin.