Burg l „Wir hatten 99 Pflichten und ein Recht, das Recht, die 99 Pflichten zu erfüllen, du solltest funktionieren, und doch waren wir Kinder, auch mit 14 oder 16 noch.“ Der Leipziger Paul Kindermann, Jahrgang 1957, ist zum dritten Mal beim Treffen dabei. „Der Kameraden wegen.“ Kameraden, das Wort fällt oft, wenn er spricht. Sie haben Gemeinsames, das Gleiche erlebt und durchlebt. Sie können sich verstehen. Sie suchen Halt und sie wollen, dass die Menschen erfahren, was in Jugendwerkhöfen wie Burg und anderen Spezialheimen tatsächlich abgelaufen ist. Darum ist er hier.

Zwischen 1949 und 1989 waren im Jugendwerkhof „August Bebel“ in Burg, im Schnitt zwischen 250 und 300 Kinder und Jugendliche untergebracht. Er war der größte seiner Art in der DDR. In der späteren zweiten gab es in der Kanalstraße einen zweiten Werkhof. „,Die aus dem Lümmelheim` nannten sie uns“, sagt Paul Kindermann, Kraftfahrer von Beruf. Er lacht dabei. Es ist ein bitteres Lachen.

Bilder

„Vom 28. August 1972 bis zum 27. April 1974 war ich in Burg“, schieß es aus ihm heraus. Die Daten sind eingebrannt in ihn, er ist gebrandmarkt, so fühlt er sich. Als Jugendlicher unangepasst, eckt an mit seinem Gerechtigkeitssinn „bis hin zum Exzess, bis heute“.

Jugendwerkhof Burg - Eine Zeitreise

Burg (ta) l Der ehemalige Jugendwerkhof Burg war der größte Jugendwerkhof in der DDR. Untergebracht waren hier ständig etwa 300 Jungendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren. Auf Gut Lüben in Burg, wo der Jugendwerkhof untergebracht war, scheint die Zeit stehen geblieben.

  • Eine Luftaufnahme des Gut Lüben von 1939. Hier war zu DDR-Zeiten der Jugendwerkhof August-Bebel untergebracht. Quelle: Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Magdeburg, Rep. C201, Nr. 3992

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  • Die alte Bäckerei im Jugendwerkhof Burg. Foto: Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Die alte Bäckerei im Jugendwerkhof Burg. Foto: Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

  • Überreste der Bäckerei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Foto: Tanja Andrys

    Überreste der Bäckerei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Foto: Tanja Andrys

  • Überreste der Bäckerei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Eine alte Knetmaschine. Foto: Tanja Andrys

    Überreste der Bäckerei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Eine alte Knetmaschine. Foto: ...

  • Überreste der Bäckerei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Foto: Tanja Andrys

    Überreste der Bäckerei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Foto: Tanja Andrys

  • Gemeinsames Kartoffelschälen in der Küche auf Gut Lüben in Burg. Datum der Aufnahme ist unbekannt. Geschätzt wird auf die Zeit vorm Zweiten Weltkrieg. Später war in dieser Einrichtung der größte Jugendwerkhof der DDR untergebracht. Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

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  • Die Küche des ehemaligen Jugendwerkhofes Burg ist noch erhalten. Erst vor kurzem wurde das Mobiliar ausgeräumt. Foto: Tanja Andrys

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  • Der Speiseraum im ehemaligen Jugendwerkhof Burg auf Gut Lüben, Ende der 1950er Jahre. Quelle: Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Der Speiseraum im ehemaligen Jugendwerkhof Burg auf Gut Lüben, Ende der 1950er Jahre. Quelle...

  • Der Speiseraum im ehemaligen Jugendwerkhof Burg wird heute als Mehrzweckraum genutzt. Foto: Tanja Andrys

    Der Speiseraum im ehemaligen Jugendwerkhof Burg wird heute als Mehrzweckraum genutzt. Foto: Tanja...

  • Die Wäscherei und Schneiderei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Die Aufnahme enstand etwa Ende der 1950er Jahre. Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

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  • Eine alte Nähmaschine in Wäscherei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg ist noch da. Ansonsten ist der Raum leergeräumt. Foto: Tanja Andrys

    Eine alte Nähmaschine in Wäscherei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg ist noch da. Ansons...

  • In Wäscherei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg sind die großen Wäscheschränke noch erhalten - und benutzbar. Foto: Tanja Andrys

    In Wäscherei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg sind die großen Wäscheschränke ...

  • In der Wäscherei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg ist noch ein großes Knopf-Arsenal vorhanden. Foto: Tanja Andrys

    In der Wäscherei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg ist noch ein großes Knopf-Arsenal vor...

  • Die Nasszellen in den Gebäuden des Gut Lüben. Bis zum Schluss waren die Duschen in den Kellern der Wohnheime untergebracht. Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Die Nasszellen in den Gebäuden des Gut Lüben. Bis zum Schluss waren die Duschen in den ...

  • Eine Arrestzelle im Haus

    Eine Arrestzelle im Haus "Anne Frank" im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Foto: Tanja Andrys

  • Jugendliche bei sportlichen Übungen auf dem Gelände des Gut Lüben. Das genaue Datum der Aufnahme ist unbekannt. Geschätzt wir die Aufnahme zwischen 1939 und 1945. Später entstand hier der größte Jugendwerkhof der DDR. Quelle: Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Jugendliche bei sportlichen Übungen auf dem Gelände des Gut Lüben. Das genaue Datu...

  • Eine Holzwerkstatt auf Gut Lüben. Später entstand hier der größte Jugendwerkhof der DDR. Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Eine Holzwerkstatt auf Gut Lüben. Später entstand hier der größte Jugendwerkh...

  • Die Turnhalle im ehemaligen Jugendwerkhof Burg, heute Cornelius-Werke in Burg.Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Die Turnhalle im ehemaligen Jugendwerkhof Burg, heute Cornelius-Werke in Burg.Archiv Cornelius-We...

  • Tischlerei auf Güt Lüben in Burg, etwa in den 30er Jahren. Foto: Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste

    Tischlerei auf Güt Lüben in Burg, etwa in den 30er Jahren. Foto: Archiv Cornelius-Werk Diakonisch...
    Quelle: Tanja Andrys

  • Aufnahme eines der Zimmer in der Erziehungsanstalt auf Gut Lüben. Geschäzt wird diese Aufnahme auf Anfang 50er Jahre. Zu diesem Zeitpunkt ist aus der Landeserziehungsanstalt Gut Lüben bereits der größte Jugendwerkhof der DDR entstanden. Foto: Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste

    Aufnahme eines der Zimmer in der Erziehungsanstalt auf Gut Lüben. Geschäzt wird diese Aufnahme au...
    Quelle: Tanja Andrys

  • Walter Ulbricht und Lenin neben einer alten Liege: das Cornelius-Werk hat noch viele Artefakte aus dem ehemaligen Jugendwerkhof aufgehoben. Foto: Tanja Andrys

    Walter Ulbricht und Lenin neben einer alten Liege: das Cornelius-Werk hat noch viele Artefakte au...

  • Blechtrommel, Pauke, Fanfare und Banner:  das Cornelius-Werk hat noch viele Artefakte aus dem ehemaligen Jugendwerkhof aufgehoben. Foto: Tanja Andrys

    Blechtrommel, Pauke, Fanfare und Banner: das Cornelius-Werk hat noch viele Artefakte aus dem ehe...

  • Eine FDJ-Fahne mit der Aufschrift: Bester Jugendwerkhof der Arbeitsgruppe Nord im Kompasswettbewerb:  das Cornelius-Werk hat noch viele Artefakte aus dem ehemaligen Jugendwerkhof aufgehoben. Foto: Tanja Andrys

    Eine FDJ-Fahne mit der Aufschrift: Bester Jugendwerkhof der Arbeitsgruppe Nord im Kompasswettbewe...

  • Der Eingang zu eiem Luftschutzbunker im Haus

    Der Eingang zu eiem Luftschutzbunker im Haus "Anne Frank", ehemaliger Jugendwerkhof Burg. Foto: T...

  • Ein Luftschutzbunker im Haus

    Ein Luftschutzbunker im Haus "Anne Frank", ehemaliger Jugendwerkhof Burg. Foto: Tanja Andrys

  • 2016: Luftaufnahme Gut Lüben. Die alten Gebäude sind alle noch erhalten. Heute ist hier das Cornelius-Werk Burg angesiedelt. Foto: Eroll Popova

    2016: Luftaufnahme Gut Lüben. Die alten Gebäude sind alle noch erhalten. Heute ist hier das Corne...
    Quelle: Tanja Anrdrys

  • Die Zöglinge im des Jugendwerkhofs

    Die Zöglinge im des Jugendwerkhofs "August Bebel" haben unter anderem im Burger Knäckewerk gearbe...

In Burg lernt er in der Landwirtschaft, in der LPG „Max Reimann“. „Das hat mir sogar Spaß gemacht. Im Freien, an der Luft“, blickt er zurück. Ein Lächeln spielt um Augen und Mund.

Fonds war nicht bekannt

„Beschissen“ lautet dennoch sein Fazit, über die Heimzeit und die Aufarbeitung bis heute. Der DDR-Heimkinderfonds, für ähnliche Probleme in der Bundesrepublik gibt es einen eigenen Fonds, war aus seiner Sicht vielen Betroffenen gar nicht bekannt. Von 450.000 Heimkindern in der DDR haben nach seinen Informationen gerade einmal 29.000 Anträge auf eine finanzielle Unterstützung erhalten. Bescheiden wenig.

Er wirft Behörden vor, bewusst verschwiegen zu haben. Der Fonds war 2014 geschlossen worden. Kaum jemand wusste, dass es eine Nachfrist bis 30. September 2015 gegeben habe. „Als ich es erfahren habe, war es zu spät“, sagt Kindermann. Sein Antrag kam fünf Tage zu spät - und wurde abgelehnt. Doch er hat gekämpft, nicht aufgegeben, „mit Kameraden“, da ist es wieder das Wort. Und es hat geklappt. Nach einem Jahr wurde sein Antrag auf Unterstützung doch noch bewilligt.

„Der Fonds ist für uns da. Kaum einer von uns ist auf Rosen gebettet. Aber es ist keine Wiedergutmachung“, sagt er.

Wie Kindermann kann jeder der Teilnehmer seine Gesichte erzählen. Es sind wieder mehr gekommen gegenüber dem Vorjahr. Gekommen ist auch der Burger Bürgermeister Jörg Rehbaum (SPD). Zum ersten Mal ist er hier. Es ist das 11. Treffen.

Teil der Stadtgeschichte

„Wir sind froh, dass Sie hier sind“, begrüßte Treffen-Organisator Volkmar Jenig, Rehbaum auf Gut Lüben. Rehbaum sucht das Gespräch. Er gesteht ein, nur wenig zu wissen über die Zeit und die Menschen im Jugendwerkhof. „Ja, es ist Teil der Burger Stadtgeschichte“, sagt Rehbaum. Er spricht sich für eine umfassende Aufarbeitung aus. Seit 1913 gab es auf Gut Lüben Erziehungsanstalten, ob unter dem Kaiser, in Weimar, in der NS-Zeit, nach dem Krieg und eben in der DDR. Heute betreut hier das Corneliuswerk Kinder, Jugendliche, junge Migranten und junge Mütter, alle ebenfalls aus schwierigen Lagen hergekommen. Rehbaum ist für ein differenziertes und öffentliches Aufarbeiten. Zu NS-Zeiten gab es hier sogar Zwangssterilisationen. Ab 1939 gingen von Gut Lüben viele erwachsen gewordene Heimkinder direkt an die Front. Rehbaum ist für einen Erinnerungsort. Wie das aussehen soll, müssen Gespräche bringen. Die gibt es bereits. Der Stadtrat soll einbezogen sein.

Jenig, der das Treffen zum dritten Mal in Folge vorbereitet hat, macht das Anliegen deutlich: „Wir waren wertlose Menschen hier, wir wollen die Blickrichtung auf diese Zeit verändern. Wir dienten der Wirtschaft als billige Arbeitskräfte. Mit schlechter Schul- und Berufsausbildung zu Teilfacharbeitern hatten wir keine oder kaum Perspektiven in unserem weiteren Leben.“

Jenig war von 1968 bis 1970 im Jugendwerkhof „August Bebel“ in Burg. Er war früh seinem komplizierten Elternhaus entrissen worden. 11 Kinder, der Vater trank und war ein Schläger. Er durchlief zahlreiche Heimstationen, türmte, wollte nach Hause, wurde wieder eingefangen, kam ins nächste Heim.

Aus seiner Akte geht hervor, erzählt er, dass schon vor seiner Geburt von Amts wegen entschieden war, dass der Mutter die Kinder entzogen werden würden. Unter dem Titel „muss ich verzeihen? - verstoßen - gedemütigt - misshandelt“ hat er jetzt seine Erinnerungen veröffentlicht. Allein 70 Seiten handeln von der Burger Zeit. Bestellt werden kann das Buch unter muss-ich-verzeihen@t-online.de.

Am 16. Juni soll um 14 Uhr auf Gut Lüben eine Tafel enthüllt werden, die an die Geschichte von Gut Lüben seit 1913 erinnert. Darüber informierte Frank Garnich, der pädagogische Leiter des Corneliuswerkes. Er begleitet seit Jahren die Ehemaligen-Treffen.