Tucheim l Lukas feiert seinen 20. Geburtstag. Ohne eine wilde Party unter Gleichaltrigen. Dafür mit seinen Eltern, seinen Großmüttern, seinen Geschwistern Judith-Gesine (18) und Oliver-Thomas (11) und Nachbarn. Bei Kaffee und Kuchen und überschaubar in der guten Stube seiner Eltern. In Lukas’ Leben ist vieles anders als bei jungen Menschen seines Alters. Lukas hat das Down-Syndrom, ihm fällt es schwer, seine kindlich-überschwängliche Freude an diesem Tag zu bremsen. Eine persönliche Glückwunsch-SMS von Christian Beck, Kapitän des FCM, versetzt den treuen Fan des Drittligisten, der mit seinem Vater kaum ein Heimspiel des FCM als Zuschauer verpasst, in einen kleinen Glücksrausch. Die ganze Aufregung hält ihn immer nur wenige Minuten an seinem Platz. Seiner Fröhlichkeit kann sich dabei niemand in der Geburtstagsrunde entziehen. Und wenn der FCM wieder verliert?, fragt ihn ein Nachbar. „Macht nichts, bleibe ein Fan“, strahlt der kräftige Blondschopf. Vergessen ist in diesem Augenblick, dass zwei Freunde, die wie er in den Elbe-Havel-Werkstätten in Schönhausen arbeiten, wegen Corona seiner Geburtstagsfeier fernbleiben müssen. Dabei sei er als Kind oft sehr traurig gewesen, keine Freunde in Tucheim zu haben, die er zu seinen Geburtstagsfeiern hätte einladen können, erzählt seine Mutter.

Lukis Welt ist mit 20 in den Werkstätten nach der Schulzeit in der Burger Lindenschule größer und bunter geworden. „Die Arbeit in Schönhausen macht ihm Spaß, er hat seinen Platz in einer Gemeinschaft gefunden, in der er geschätzt wird, so wie er ist. Er ist dort gut aufgehoben“, sagt sein Vater, ein gestandener Bäckermeister, in einem der seltenen, stillen Momente der Geburtstagsfeier. „Wir sind sehr froh, dass wir mit Lukas dieses Ziel erreicht haben, das uns so wichtig war“, pflichtet ihm seine Frau bei.

Kein Leben ohne fremde Hilfe

„Luki ist kein Vorzeige-Downi“, bekennt seine Mutter Sylvia. Schon früh war für die Familie klar, dass ihr Erstgeborener kein Leben ohne fremde Hilfe führen kann. Es störe sie jedoch, dass der Öffentlichkeit ein Bild vom guten, ebenso klugen wie umgänglichen Behinderten mit dieser Krankheit vermittelt werde. Die Realität sehe in vielen Fällen ganz anders aus. Das weiß Sylvia Osterburg aus Treffen und Gesprächen mit vielen anderen betroffenen Eltern. „Wir haben lernen müssen, mit Lukas’ schwerer Behinderung umzugehen, doch wir sind da reingewachsen.“ Rund um die Uhr, montags bis sonntags, alle 365 Tage im Jahr ohne Pause. Lukas sorgt bis heute als Frühaufsteher für familiären Stress und ist kein großer Freund von Ordnung. Doch auch ein Down-Kind werde mit der Zeit ruhiger, vielleicht auch ein bisschen reifer, meint seine Mutter.

Von den Belastungen, die ein behindertes Kind mit sich bringt, haben sich Sylvia und Thomas Osterburg nicht erdrücken lassen. Das „normale“ Leben ist an ihnen, an Lukas und ihren beiden jüngeren Kindern nicht vorbeigegangen.

Viele Freiräume trotz Handicap

Lukas konnte als Heranwachsender gemeinsam mit seinen Geschwistern trotz seiner Handicaps viele Freiräume nutzen. Ob im Kaninchenzuchtverein, beim Fußball oder beim Angeln oder in der evangelischen Kirchengemeinde. Lukas hat dank seiner rührigen Familie erfahren können, dass die Welt hinter seiner Haustür nicht zu Ende ist. Auch wenn seine Geschwister mitunter wegen ihres Bruders gehänselt wurden, stehen sie zu ihm. Obwohl Luki viel Aufmerksamkeit braucht, gibt es unter den Osterburg-Kindern keine Eifersüchteleien. Im Gegenteil: „Er tut uns allen irgendwie gut und bereichert unser Familienleben“, sagt Sylvia Osterburg. In Lukis Leben ist neben Arbeit und Familie jede Menge Platz für aufregende Erlebnisse. Die bietet ihm die Musik. Er hat Auftritte von Florian Silbereisen und Stefan Mross erlebt und saß im Publikum bei „Immer wieder sonntags“. Für Osterburgs ist kein Weg zu weit, um ihrem Luki diese Welt zugänglich zu machen. Musik gehört für den Santiano-Fan zum Alltag. Er braucht Musik nach einem anstrengenden Arbeitstag zum Entschleunigen. Nicht zufällig war es ihm deshalb wichtig, im Faschingsprogramm der Tucheimer unter anderem als DJ Ötzi mitwirken zu können. „Das war sein freier Wille, und ich bin dem Verein sehr dankbar, dass man ihm das zugetraut hat“, sagt seine Mutter.