Ehrenamt

Burgerin im Landeskirchenrat aktiv

Der Landeskirchenrat ist das Leitungsgremium der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland. Seit der jüngsten Wahl gehört ihm auch die Burgerin Annett Reisig an.

Von Thomas Pusch
Annett Reisig hat den Schlüssel für die Oberkirche "Unser Lieben Frauen" in Burg. Sie hätte auch gerne den Schlüssel zu den Menschen, die der Kirche skeptisch gegenüberstehen.
Annett Reisig hat den Schlüssel für die Oberkirche "Unser Lieben Frauen" in Burg. Sie hätte auch gerne den Schlüssel zu den Menschen, die der Kirche skeptisch gegenüberstehen. Foto: Thomas Pusch

Burg - Quelle

Das ehrenamtliche Engagement habe ihr der Stiefvater vorgelebt, erzählt Annett Reisig im Gespräch mit der Volksstimme im Garten der Oberkirche. Der Ort ist nicht zufällig gewählt. Die Burgerin, Ur-Burgerin, wie sie sich selbst bezeichnet, ist in vielen kirchlichen Gremien aktiv, seit der jüngsten Wahl auch im Landeskirchenrat. Gerade hat sie die erste Sitzung des Leitungsgremiums der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland erlebt.

Doch das Leben führte sie über ein paar andere Stationen, ehe sie von Burg wieder nach Burg kam. Nach dem Abitur studierte sie Vermessungsingenieur. In ihrer Heimatstadt fand sie dann einen Platz im Katasteramt. Durch die Umstrukturierung der Behörde musste sie nach Haldensleben wechseln. Auf der Zielgeraden zur gehobenen Laufbahnausbildung musste sie von einem Tag auf den anderen nach Stendal. „Dann habe ich die Altmark kennengelernt“, sagt sie. Zuerst habe sie die Altmark gehasst, dann habe sie die Gegend aber doch für sich entdeckt. Wenn sie heute von Stendal spricht, schwingen viele schöne Erinnerungen mit, kleine Geschäfte in der Innenstadt, die man nicht überall findet. Jüngst war sie nach langer Zeit wieder in ihrer alten Buchhandlung und wurde empfangen wie man sich es nicht herzlicher vorstellen könnte.

Wer meckert, macht mit

Mittlerweile ist die Altmark nämlich nicht mehr ihr Arbeitsplatz, denn 2004 wechselte sie in das neugebildete Landesamt für Vermessung und Geoinformation nach Magdeburg. Stendal ist eine Nebenstelle, das ermöglicht ihr einen Abstecher, vor allem aber bedeutete der Wechsel nach Magdeburg die Rückkehr nach Burg und den Beginn ihres kirchlichen Engagements. Auslöser war eine Begegnung mit der heutigen Gemeindekirchenratsvorsitzenden Britta Simon. Sie hatte eine Kritik geäußert und wurde gleich verpflichtet: „Wer meckert, macht mit“. Seitdem sitzt sie im Gemeindekirchenrat. Von dort aus ging es weiter zur Kreissynode. „Da war dann auch die Frage, wer den Mund aufmacht“, meint Annett Reisig schmunzelnd.

Das macht sie, allerdings steht die 48-Jährige nicht gerne im Rampenlicht, möchte sich am liebsten hinter anderen verstecken. Am Engagement in ihrer Arbeit ändert das nichts. Sie ist im Bau- und Finanzausschuss, weil es dabei um konkrete Projekte geht und sie aus Sicht einer Vermessensingenieurin auch Fachliches beitragen kann. Und sie sitzt im Stellenplanausschuss. „Das ist eine eher traurige Tätigkeit, denn dabei geht es meistens um das Streichen von Stellen“, erklärt sie. Kreiskirchenrat, stellvertretende Landessynodale. „Und durch die ehrenamtlichen Frauen bin ich auch schon auf Landesebene gut vernetzt gewesen und kannte die Probleme“, fügt sie hinzu.

Bei der konstituierenden Sitzung der Landessynode wurde sie nun in den Landeskirchenrat gewählt. Der Rat hat 13 Mitglieder, die durch ihr Amt in dem Gremium sind, acht Mitglieder werden von der Synode bestimmt. Den Vorsitz hat Landesbischof Friedrich Kramer. Jüngst fand die erste Sitzung statt, von der die Neue „sehr, sehr überrascht“ war. Sie hatte erwartet, dass der Landesbischof und seine Dezernenten „die da oben“ wären, die Mitglieder von der Basis kaum zum Zuge kommen würden. Doch sie hat ein Arbeiten auf Augenhöhe an zwei Tagen erlebt. Die Ehrenamtlichen seien sogar aufgefordert worden, ihre Meinung zu sagen. Und nach der zweitägigen Sitzung habe sie ihr zuständiger Dezernent - auch auf Landesebene sitzt sie im Bau- und Finanzausschuss - gefragt, wie es ihr gefallen habe.

Voller Kalender

Ehrenamtliche Arbeit motiviert sie, sie möchte eben mitgestalten. Das sorgt üblicherweise aber auch für einen prall gefüllten Terminkalender. „Montag Chorprobe, Dienstag Tennis, Mittwoch ist irgendeine Sitzung, Donnerstag kleine Chorprobe und wenn ich Glück habe, habe ich am Freitag frei“, zählt sie auf. Das soll kein Klagen sein, für sie sei das aktive Entspannung. Durch die Pandemie ist der Kalender in den vergangenen Monaten schmaler bestückt gewesen. Auch das nahm sie zunächst positiv auf, gebe es doch die Gelegenheit, auch mal ein Buch zu lesen. „Ich habe aber schnell festgestellt, dass ich an so einem Tag auch nicht mehr schaffe“, meint sie schmunzelnd.

So positiv erschöpft war sie auch nach der Landesgartenschau. Schon fünf Jahre vor der Laga habe Pfarrer Peter Gümbel die Chance der Kirche erkannt, sich vor Besuchermassen zu präsentieren und eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen. Sie sei immer skeptisch und habe sich niemals vorstellen können, dass 80 Ehrenamtliche regelmäßig Dienst tun, doch so kam es. Und die Burger hätten sich wiederum nicht vorstellen können, dass die aus eigener Kraft täglich für Kaffee und Kuchen sorgen, vermuteten eine Bäckerei dahinter. „Das war alles Selbstgebackenes“, widerspricht Reisig und erinnert sich gern an den großen Zuspruch, der der Kirche entgegenschlug.

Doch das hat sich nicht konservieren lassen. „Die DDR hat ganze Arbeit bei der Entfremdung geleistet und außerdem gibt es die Angst vor der Institution“, versucht sie eine Erklärung. Die Notfallseelsorge sei beispielsweise in den ersten fünf Jahren gar nicht in Anspruch genommen worden, der Begriff Seelsorge sei eine Hemmschwelle gewesen. Das habe sich mittlerweile geändert. Sie setzt sehr auf die Arbeit von Gemeindepädagogen und Kirchenmusikern. Und erinnert sich, wie sehr während der Laga der Kaffee für die Besucher dazugehörte, Kirche so zu einem Teil des Lebens wurde. Bei der Museumsnacht nach der Laga habe ein Beuscher gefragt, wo denn der Kaffee sei. Fröhlich entgegnete Annett Reisig: „Während der Laga haben wir zwei Regentonnen gebrüht, da muss heute mal Wasser reichen“.