Den Sportvereinen im Jerichower Land geht der Nachwuchs verloren

Landrat sieht dringenden Handlungsbedarf, Kindern in der Pandemie wieder Bewegung zu ermöglichen. Unter anderem dafür wird die Sportförderung im Jerichower Land erhöht.

Von Nicole Grandt

Burg/Genthin

„Die Sportvereine im Landkreis haben buchstäblich sehr viel Bewegung bei den Menschen verursacht. Dies ist etwas, was wir wertschätzen wollen“, erklärt Landrat Steffen Burchhardt (SPD) bei der Sitzung des Ausschusses für Kultur und Bildung. Deswegen sollen für die Förderung des Sportes ab dem kommenden Jahr 115 000 Euro zur Verfügung stehen. In den vorherigen Jahren waren es 103 000 Euro gewesen. Die letzte Anpassung der Sportförderung hatte es zuletzt im Jahr 2016 gegeben. Die Beschlussvorlage wurde vom Ausschuss einstimmig angenommen.

Steffan Göhler, Geschäftsführer des Kreissportbundes und Lutz Lapke, Vorsitzender des KSB, waren Gäste bei dieser Sitzung. Grund war nicht nur der erfreuliche Anlass, dass dem Sport im Jerichower Land ab dem kommenden Jahr mehr Geld zur Verfügung steht, sondern auch, dass beide dem Ausschuss näher bringen wollten, wie es derzeit um den Sport und die Vereine im Jerichower Land steht. „Es sind definitiv schwere Tage“, ist sich auch der Landrat bewusst.

Viele Kinder machen keinen Sport mehr

„Die Corona-Pandemie hat für ein großes Durcheinander gesorgt“, betont Steffan Göhler. „Es hat vor allem den Breitensport getroffen, da kaum noch sportliche Aktivitäten ausgeführt werden können.“ Rund zwei Prozent der Mitglieder haben die Sportvereine im Jerichower Land im vergangenen Jahr verloren. Insgesamt halte sich der Mitgliederschwund derzeit noch in Grenzen, allerdings gibt es einen Bereich, auf den Lutz Lapke besonders hinweisen wollte: Der Nachwuchs geht verloren. „Die Sportvereine im Jerichower Land hatten im Jahr 2020 noch 800 Mitglieder bis sechs Jahre. Im Jahr davor waren es mit 829 etwas mehr. Inzwischen sind aber nur noch 656 Kinder in dieser Altersklasse in den Vereinen vertreten“, gibt er zu bedenken. Das sind 18 Prozent weniger Kinder als noch im Jahr zuvor.

„Das liegt vor allem daran, weil der Vorschulsport nicht stattfinden kann. Zusätzlich haben nicht nur viele Kinder mit dem Sport aufgehört, es sind auch keine neuen dazu gekommen, weil es derzeit schlichtweg keinen Anreiz gibt, Mitglied in einem Sportverein zu werden, weil ja kein Sport stattfinden kann.“

Lange Bewegungspause hat Folgen

Diese Entwicklung stuft auch der Landrat als sehr bedenklich ein. „Wir müssen uns darüber bewusst sein, was das für Folgen haben wird. Da gibt es sehr dringenden Handlungsbedarf. Der Zeitraum, in dem Kinder und Jugendliche jetzt schon keinen Sport mehr machen können, ist sehr lang. Das wird Folgen haben, und die sind nicht zum Vorteil der Kinder.“

Kinder müssten schon im jungen Alter für Sport begeistert werden. Bei einer so langen Pause, wie jetzt durch die Pandemie, kann es passieren, dass sie das Interesse an den zuvor ausgeübten Sportarten verlieren oder durch den Bewegungsmangel auch motorische Nachteile entwickeln.

Die Universität München veröffentlichte dazu vor wenigen Wochen eine Studie. Mir erschreckenden Ergebnissen. Der Mangel an Sport hat laut dieser Veröffentlichung aber nicht nur konditionelle und koordinative Folgen für Kinder und Jugendliche. Vor allem in Familien, in denen sonst Vereinssport oder auch Schulsport für die Bewegung bei Kindern sorgen, haben ein Viertel der Kinder zugenommen. Übergewicht, Diabetes und andere Beschwerden sind die Resultate, weil Kinder und Jugendliche derzeit deutlich weniger Sport treiben können.

Landrat hofft auf Lockerungen

Burchhardt hofft, dass für Kinder und Jugendliche schnellstmöglich wieder Sport-Angebote verfügbar sind. „Kinder und Jugendliche werden derzeit mindestens zweimal die Woche in der Schule getestet. Wir haben also dadurch ein sehr gutes Bild, ob es bei ihnen zu Infektionen kommt. Da muss es doch möglich sein, dass wir den Kindern und Jugendlichen dann auch am Nachmittag ein Bewegungsangebot machen, wenn sie doch ohnehin regelmäßig getestet werden.“

Der Landrat hofft, dass bei den kommenden Entscheidungen bezüglich Corona-Regeln die Sportangebote für Kinder nicht vergessen werden.

„Wenn wir die Kinder im Sport nicht verlieren wollen, dann muss da etwas passieren. Das ist ein Bereich, wo sich Lockerungen wirklich lohnen würden“, so Burchhardt.

Bewegung gehört - wie hier im Hort Möser - normalerweise zum Alltag vieler Kinder. Wegen der Corona-Pandemie sind aber kaum Sportangebote möglich. Das hat Folgen.
Bewegung gehört - wie hier im Hort Möser - normalerweise zum Alltag vieler Kinder. Wegen der Corona-Pandemie sind aber kaum Sportangebote möglich. Das hat Folgen.
Archivfoto: Linda Arndt