Biederitz/Genthin l Um vier Uhr morgens steht Heike Schumann auf, trinkt Kaffee mit ihrem Mann und macht sich ab 5 Uhr an die Vorbereitungen für den Schultag. In Klasse 3 wird derzeit das Kirchenjahr behandelt, die Adventszeit und damit natürlich auch wichtig: der Adventskalender. Was wünscht ihr euch von euren Eltern, wofür sollen sie sich Zeit nehmen? will die Schulpfarrerin die Kinder fragen. Bis sie zur ersten Stunde in der Grundschule aufbrechen muss, hat sie ihren Tag schon im Kopf geplant.

Alltag

Heike Schumann ist Schulpfarrerin und Schulseelsorgerin, unterrichtet an sechs verschiedenen Schulen: von der Grundschule in Biederitz über die Sekundarschule in Genthin bis zum Gommeraner Gymnasium. „Für kirchliche Mitarbeiter wie mich ist das Alltag“, erklärt Schumann.

Die Mitarbeiter müssten auf ihre Stundenanteile kommen, sodass die Pendelei anstrengender sei als für Religionslehrer, die nur an ein oder zwei Schulen eingesetzt sind, sagt sie. Umgekehrt fehle den kirchlichen Mitarbeitern dadurch die Kontinuität, die sie hätten, wenn sie länger an ein und derselben Schule wären. „Es wäre besser, wenn man nicht ständig die Zelte abbrechen müsste – weil man durch eine Lehrkraft ersetzt wird“, sagt Schumann.

64 Wochenstunden

Vier kirchliche Mitarbeiter und zehn staatliche Lehrkräfte unterrichten derzeit im Jerichower Land. Im Kirchenkreis Elbe-Fläming leisten insgesamt fünf Mitarbeiter 64 Wochenstunden an 18 Schulen. „Das Problem ist, dass die Mitarbeiter an vielen Schulen eingesetzt sind und ständig reisen müssen“, erklärte Pfarrerin Kathrin Drohberg, Schulbeauftragte für die Propstei Stendal-Magdeburg, bei der vergangenen Kreissynode in Möser.

Die Herausforderung bestehe insbesondere darin, an unterschiedlichen Schulformen – Grundschule, Sekundarschule, Gesamtschule, Gymnasium und Förderschule – zu unterrichten. „In der Grundschule werden ganz grundlegende Dinge erklärt, im Gymnasium aber die Abiturprüfung abgenommen“, sagte Drohberg.

Superintendentin Ute Mertens kündigte bei der Kreissynode an, Hospitationen in den Schulen durchführen zu wollen, um die kirchlichen und staatlichen Mitarbeiter bei ihrer Arbeit zu beobachten.

Erklärvideofür Eltern

Laut Statistik des Landesschulamtes Sachsen-Anhalt besuchten im Schuljahr 2017/18 575 Schüler im Jerichower Land den Religionsunterricht an Grundschulen. An Gymnasien waren es mit 540 Schülern nur unwesentlich weniger. In den Sekundar-, Gemeinschafts- und Förderschulen nahmen insgesamt 109 Schüler am Religionsunterricht teil. Wie Kathrin Drohberg erklärte, wissen viele Eltern nicht, für welchen Unterricht sie ihre Kinder anmelden sollen. Ein Erklärvideo sowie ein Flyer, herausgegeben vom Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung Sachsen-Anhalt, soll ihnen bei der Entscheidung helfen. Darin wird unter anderem erläutert, dass die Kinder nicht getauft sein müssen, um am Religionsunterricht teilzunehmen.

Heike Schumann betont, dass es sogar für muslimische oder buddhistisch geprägte Kinder sinnvoll sei, den Religionsunterricht zu besuchen. „Es ist gut, wenn die Kinder lernen, offen mit anderen Kulturen umzugehen. So lernen sie in der zehnten Klasse etwa fernöstliche Religionen kennen“, erklärt sie. Schumann selbst hat das Video bereits in der Biederitzer Grundschule beim Elternabend gezeigt.

Vorurteile

Gegen den Religionsunterricht als solchen bestünden oft Vorurteile, sagt Drohberg: „Oftmals geschieht es aus Unkenntnis, weil die Schulleiter noch nie im Religionsunterricht hospitiert haben oder Konkurrenz zwischen staatlichen und kirchlichen Mitarbeitern herrscht“. Insgesamt kranke das System aber an der Qualität des Religionsunterrichtes. Heike Schumann bestätigt dies. „Eine Kollegin aus Biederitz war überrascht, dass ich Schulpfarrerin bin. ‚Ich dachte, sie seien Lehrerin, weil sie so guten Unterricht machen‘, sagte sie zu mir“, so Schumann.

Bei der Entscheidung zwischen Religions- und Ethikunterricht könne sie keine Ratschläge geben, ihre Vermutung lautet jedoch: „Oft wählen die Kinder das Fach aus, wo die Freunde hingehen oder das besser in den Stundenplan passt“, sagt sie. Außerdem hätten die Themen des Religionsunterrichts stets auch etwas mit dem Alltag der Kinder zu tun, so die Schulpfarrerin.

Seelsorge

Gleichzeitig ist Schumann auch als Schulseelsorgerin aktiv. Dafür könne sie zwar keine extra Sprechzeiten anbieten, zum Teil ergebe sich die Tätigkeit aber im Rahmen des Unterrichtes. So etwa, als ein Junge, dessen Großvater kürzlich verstorben war, plötzlich im Unterricht anfing zu weinen. „In den Religionsgruppen findet sich für die Schüler ein geschützter Raum, in dem auch über Dinge wie den Tod gesprochen werden kann“, sagt Schumann.

Trotz Stress und vieler Aufgaben als Pfarrerin und Schulseelsorgerin mache ihr der Beruf, den sie seit 1991 ausübt, immer noch Spaß. „Ich bin unheimlich gerne in Schulen unterwegs und immer neugierig auf die Schüler“, sagt sie.

Für Eltern, die schon jetzt entscheiden müssen, ob das Kinder den Religions- oder Ethikunterricht besuchen soll, bietet das Erklärvideo erste Orientierung.