Burg/Genthin l Wer rechnet schon zur Mittagszeit mit Wildwechsel. Sven B. war gerade auf dem Weg zur Spätschicht, als unvermittelt ein Reh aus dem Straßengraben über die Fahrbahn lief. Mit dem Schreck in den Gliedern bremste der junge Mann automatisch ab, da knallte ein zweites Reh gegen seinen Wagen und bleibt liegen. Ein junger Bock. Was sich binnen von Sekunden abspielte, konnte der Genthiner nicht mehr verhindern. Der Familienvater stand fassungslos vor seinem ersten Wildunfall mit gehörigem Sachschaden. „Und das zu dieser Tageszeit“, schüttelte er den Kopf.

Rehe im Liebestaumel

Genau die spielt in diesen Wochen für Wildwechsel ausnahmsweise kaum eine Rolle, denn die Rehe sind im absoluten Liebestaumel und im Gegensatz zum Menschen bei drückender Hitze besonders aktiv. Während des so genannten Treibens legen sie zuweilen viele Kilometer zurück und machen auch vor Straßen oder Wegen nicht Halt. Denn die Böcke folgen dem Liebeswerben der Ricken. Die Rehbockdame gibt diesem aber keineswegs direkt nach, sondern sie entzieht sich zunächst ihrem Verehrer. Der Bock folgt seiner Herzensfrau unermüdlich. Normalerweise hält sich Rehwild von Straßen fern, während der Paarungszeit (weidmännisch Blattzeit) folgt es aber hauptsächlich dem Fortpflanzungstrieb. Es ist buchstäblich blind vor Liebe.

Autofahrer müssen zu dieser Zeit auch in Bereichen ohne Warnschild für Wildwechsel mit plötzlich wechselnden Tieren rechnen. Besonders groß ist die Gefahr an unübersichtlichen Straßenabschnitten entlang von Wäldern und Feldern, sagt Mathias Holzberger, Vorsitzender der Jägerschaft Genthin. „Autofahrer sollten jetzt noch mehr Vorsicht walten lassen.“ Auch in der Erntezeit, wenn wie in diesen Tagen das Getreide eingefahren wird, verlieren Rehe oder auch Schwarzkittel ihre Deckung und flüchten. Oft auch über die Straße und oft verenden die Tiere.

Besonders gefährdete Straßenabschnitte sind die Bundesstraßen 1, 107, die Landesstraße 52 oder Bundesstraße 246a. Also solche Gegenden, wo sich links und rechts der Fahrbahnen Wälder befinden, so Polizeisprecherin Cordula Gobel. Davon gibt es bekanntlich reichlich im Jerichower Land. Und ebenso jede Menge Wildwechsel-Warnschilder.

Zuerst die Polizei informieren

Was müssen Autofahrer tun, wenn es dann tatsächlich einmal gekracht hat? Zuerst die Polizei informieren. Die wiederum benachrichtigt die Rettungsleitstelle, die mit Hilfe eines Lageplans den zuständigen Jagdpächter ermittelt, wenn das Wild getötet wurde oder erlöst werden muss, erklärt Claudia Hopf-Koßmann, Pressesprecherin der Kreisverwaltung. „Wenn dieser nicht erreicht wird oder die Zuordnung zwischen Fundort und Jagdpächter unklar ist, wird die untere Jagdbehörde eingeschaltet, um den Jagdpächter zu informieren.“ Diese Info-Kette funktioniere gut.

Rehwild zählt im Landkreis übrigens zu der am häufigsten verbreiteten Wildart. Im Jagdjahr 2017/18 lag die Strecke bei insgesamt 3563 Stücken, im Jagdjahr 2018/19 bei 3388 Stücken.