Burg l Ein offener Brief, unterzeichnet von der Niegripper Schriftstellerin Dorothea Iser und dem Burger Journalisten Roland Stauf, sorgt für Aufsehen. Unter der Überschrift „Eine Rose für die Dichter“ wird daran erinnert, dass Literaturfreunde seit 1997 am ersten Juniwochenende verstorbener Schriftsteller gedenken und aus ihren Werken vorlesen. In Burg hatte die Brigitte-Reimann-Gesellschaft am vergangenen Juniwochenende auf den Ostfriedhof eingeladen. Hier ruhen die sterblichen Überreste von Reimann und ihrem Förderer Otto Bernhard Wendler. Simona Mensching las Texte aus dem Reimann-Werk „Die Geschwister“. „Es blieb ein kleiner Kreis“, heißt es in dem Brief – mit dem Hinweis, dass die Urne Reimanns (1933 bis 1973) vor etwa einem Jahr aus Oranienbaum überführt worden sei und sich viele Akteure an diesem ehrwürdigen Tag in die Hand versprochen hätten, die Schriftstellerin nicht zu vergessen. Für die Reimann-Freude ist das Vergessen allerdings schon eingeleitet worden, weil kein Vertreter der Stadt bei der Veranstaltung mit dabei war – trotz Einladung der Reimann-Gesellschaft, heißt es. Der neue Kultur-Fachbereich hätte den Termin bekanntmachen müssen …

Iser und Stauf schlagen schließlich den kurzen Bogen zur Stadtbibliothek, die nicht von ungefähr den Namen „Brigitte Reimann“ trägt und deren Mitarbeiter wegen der Corona-Pandemie zu Kurzarbeit null verdammt sind. Wie lange soll die Einrichtung noch geschlossen bleiben, wo überall Bibliotheken unter hygienischen Auflagen öffnen?, wird in dem Brief gefragt. Die Unterzeichner werden noch deutlicher und schreiben: „Der Eindruck entsteht, hier wird die Corona-Krise vorgeschoben, um die Bibliothek abzuwickeln …“

Stadt fühlt sich an Pranger gestellt

In der Stadt ist man sauer. Nicht nur, weil die Form eines offenen Briefes gewählt und keine direkte Nachfrage oder Mail an die zuständigen Mitarbeiter gerichtet wurde, sondern auch, weil es zu dem Gedenken am Grabe Reimanns keine Einladung gegeben habe. „Es ist definitiv kein Schriftstück bei uns eingegangen. Wenn das so gewesen wäre, hätten ein oder mehr Vertreter teilgenommen“, versichert Stadt-Pressesprecher Bernhard Ruth. Lediglich auf Arbeitsebene sei über die Veranstaltung kurz gesprochen worden, allerdings ohne Absprachen von Zuständigkeiten beziehungsweise Einladungen. Und ein Zusammenhang zum neuen Fachbereich könne es schon deshalb nicht geben, „weil der noch gar nicht für die Bibliothek zuständig ist, weder personell noch inhaltlich“.

Vor allem der Vorwurf, die Bibliothek schließen zu wollen, würde noch für Klärungsbedarf sorgen. „Das Gegenteil ist der Fall. Wir streben an, die Einrichtung zum 1. Juli wieder zu öffnen und arbeiten derzeit an einem Nutzungs- und Hygienekonzept, das auch einer Kontrolle standhält“, so Ruth. Das allerdings sei aufgrund der Spezifik des alten Gebäudes und den verschiedenen Ebenen, die überwacht werden müssen, alles andere als einfach. Dazu habe es bereits mehrere Gespräche und Entwürfe gegeben. Ruth: „Das ist nun mal kein klassischer Bau.“

Auch Reimann stellte unbequeme Fragen

Ob die Wogen zwischen Stadt und Autoren nach dem offenen Brief so schnell geglättet werden können, kann bezweifelt werden. Für Iser und Stauf ist es selbstverständlich, unbequeme Fragen zu stellen und zu hinterfragen. Das sei ganz im Sinne von Brigitte Reimann, schreiben sie. Schon deshalb, um nicht in die Jahre der Gleichgültigkeit und Ignoranz zurückzufallen, wie es heißt. Die Stadt jedoch sieht sich zu Unrecht an den Pranger gestellt, „gerade weil Bürgermeister Rehbaum es war, der sich ganz besonders für die Überführung der Urne von Brigitte Reimann oder die Giebelgestaltung in der Bahnhofstraße eingesetzt hat“, sagt ein Vertreter der Verwaltungsspitze …