Herr Meyer, Landrat Steffen Burchhardt sagte in einem Gespräch mit der Volksstimme, dass nicht die Frage entscheidend ist, ob die Afrikanische Schweinepest (ASP) ins Jerichower Land übergreift, sondern wann. Sehen Sie das nach dem jüngsten Fall in Sachsen auch so?
Hartmut Meyer: Die Gefahr einer Einschleppung der Afrikanischen Schweinepest ins Jerichower Land ist angesichts der Fälle in Brandenburg und Sachsen weiterhin sehr hoch. Besondere Gefahr geht hierbei in erster Linie vom Menschen aus und nicht vom Schwarzwild. So könnte die Seuche, die von Brandenburg und Sachsen Richtung Westen vorrückt, sehr schnell durch kontaminierte Essensreste, die an Raststellen entsorgt werden, in unseren Landkreis hinein getragen werden. Da unser Landkreis von der A 2 durchschnitten wird, ist dieses Risiko nicht zu unterschätzen. Der Erreger ist für den Menschen ungefährlich. Bei Schweinen verläuft die Erkrankung aber in fast allen Fällen tödlich. Es gibt keinen Impfstoff gegen die Seuche. Eine Einschleppung in Zuchtbetriebe könnte deshalb zu großen wirtschaftlichen Schäden führen. Ich stimme dem Landrat Dr. Burchhardt deshalb ausdrücklich zu. Bereits im Jahr 2018 habe ich konstatiert, dass es keine Frage des Ob, sondern eine Frage des Wann ist.

Was haben Sie mit den Jägerschaften konkret unternommen, um für den Ernstfall gewappnet zu sein?
Die Jäger im Jerichower Land, im Besonderen unsere Jägerschaften Genthin und Burg, unterstützen im Rahmen ihrer Möglichkeiten die untere Jagdbehörde und das Veterinäramt bei der Verhinderung des Ausbruchs der ASP. Es muss jedoch nochmals darauf hingewiesen werden, dass die Gefahr nicht vom Schwarzwild, sondern vom Menschen ausgeht und die traditionelle Jagd auf unser heimisches Schwarzwild nicht im Geringsten etwas mit „Schädlingsbekämpfung“ zu tun hat. Die Jäger versuchen mit sehr viel Aufwand, den Zuwachs beim Schwarzwild abzuschöpfen, um den Seuchendruck bei einem Auftreten der ASP zu verringern und um Wildschäden in der Landwirtschaft zu minimieren. Anhand der Abschusszahlen für unseren Landkreis kann man ermessen, welche Leistungen unsere Jäger mit viel Zeitaufwand und Mühen erbracht haben.

Können Sie das beziffern?
Natürlich. Unsere Jäger haben im abgelaufenen Jagdjahr 2019/20 rund 4000 Stück Schwarzwild erlegt. Dies ist eine Erhöhung der Strecke in den vergangenen sechs Jahren um etwa 100 Prozent. Der zeitliche und auch finanzielle Aufwand der Jäger, um diese Aufgabe zu erfüllen, ist enorm und kaum zu steigern.

Gibt es Möglichkeiten, die noch nicht ausgeschöpft sind?
Was wir als Jäger verbessern können, ist die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Revierinhabern sowie von Landes- und Bundesforst. Die Durchführung von revierübergreifenden Drückjagden in den Herbst- und Wintermonaten unter dem Schutz notwendiger Elterntiere ist ein effizientes Mittel, um die Bestände zu reduzieren. Der Bundesforstbetrieb unter Leitung von Rainer Aumann hat dafür gute Beispiele geliefert.

Im September 2020 hat das Veterinäramt auf meinen Vorschlag hin die Jägerschaften Burg und Genthin gebeten, im Falle eines ASP Ausbruchs, freiwillige Jäger für die Fallwildsuche, Bergung von Fallwild und die Bejagung innerhalb einer Kernzone zu benennen. Auch das Vorhandensein und die Bereitschaft zum Einsatz von Jagdhunden bei der Fallwildsuche wurde erfragt. Beide Jägerschaften haben dem Veterinäramt entsprechende Zuarbeiten geliefert.

Gesetzt den Fall, in einem Ort im Jerichower Land wird ein verendetes Wildschwein gefunden, das sich nach näherer Untersuchung mit ASP infiziert hat: Was würde von Amtswegen und mit den Jägern unternommen?
Dann würden viele Maßnahmen auf uns zukommen, die ich aufzählen möchte. Erstens: Die Information aller Schweine haltenden Betriebe, der Landwirte im betroffenen Gebiet, der Gemeinde, des Kreisjägermeisters und der Vorsitzenden der Jägerschaften Burg und Genthin. Zweitens: Die Einberufung der Sachverständigengruppe und des Krisenstabes des Landkreises. Drittens: Festlegungen der zu ergreifenden Maßnahmen und Veröffentlichung im Rahmen einer Allgemeinverfügung. Dazu zählen insbesondere folgende Dinge wie die Festlegung der einzuzäunenden Kernzone und des angrenzenden gefährdeten Gebietes, die Anordnung von Betretungs- und Nutzungsverboten von landwirtschaftlichen und forstwirtschaftlichen Flächen insbesondere im Kerngebiet und die Anordnung der Untersuchung von außerhalb des Kerngebietes erlegten Wildschweinen. Viertens die Erteilung des Auftrages für die Einzäunung des Kerngebietes sowie für die Einrichtung von Sammelstellen, die Abstimmung zur Kadaversuche und –bergung sowie zur Bejagung im Kerngebiet mit den Jägern, dem Kreisjägermeister und den Vorsitzenden der Jägerschaften Burg und Genthin. Und Fünftens: Die Untersagung der Freilandhaltung (Aufstallungsgebot) und Verhinderung des Eintrags des Virus in Hausschweinebestände durch schärfere Biosicherheitsmaßnahmen.

Seit Jahren beklagen Landwirte und auch Jäger die hohe Zahl an Wildschweinen. Wo sehen Sie die Ursachen dafür?
Die klimatischen Veränderungen – keine kalten Winter in den letzten Jahren, wodurch es zu einer geringen Sterblichkeitsrate bei den Frischlingen kommt –, eine veränderte Anbausituation in der Landwirtschaft mit größeren und damit schwerer zu bejagenden Mais- und Rapsschlägen sowie ausreichende Mast haben zu einem Anstieg der Schwarzwildpopulation geführt, nicht die Jagdmethoden.

Trotz stetig steigender Abschusszahlen in den vergangenen Jahren ist es aber offensichtlich nicht gelungen, die Wildschweinbestände zu reduzieren. Was würde helfen, um messbare Ergebnisse zu erzielen?
Die Möglichkeiten der Jäger, die aktuellen Wildschweinbestände zu reduzieren, sind begrenzt und weitgehend ausgeschöpft. Es gibt eine Menge Maßnahmen, die unterstützend wirken. Dazu zählen Abstimmungen zwischen den Reviernachbarn und revierübergreifende Drückjagden unter Einsatz von brauchbaren Jagdhunden, die finanzielle Förderung des Haltens von Jagdhunden und die landeseinheitliche Befreiung von der Hundesteuer (Gemeindesteuer) für brauchbare Jagdhunde. Darüber hinaus sind die Abstimmungen zwischen Landwirten und Jägern hinsichtlich Anbauplan, Zeitplan und Erntefolge sowie finanzielle Anreize für die Jägerschaft bei der Erlegung von Schwarzwild wichtig. Und nicht zu vergessen eine Verbesserung und Erschließung von Absatzmöglichkeiten beim heimischen Wildbretverkauf sowie Import-Reduzierung ausländischen Wildes. Auch die waffen- und jagdrechtlichen Zulässigkeiten von elektronischen Zielgeräten mit Wärmebildtechnik und digitalen Nachtsichtzielfernrohren sind mit entscheidend.

Was kann außer einer Bejagung noch getan werden, um die Ausbreitung der ASP zu verhindern?
Da würde ich die Beschilderung von Rastplätzen an Autobahnen und Bundesstraßen mit Hinweisen zur ordnungsgemäßen Aufbewahrung von Lebensmittelresten nennen. Auch Information an ausländische Erntehelfer und Mitarbeiter in landwirtschaftlichen Betrieben bezüglich des Verbots der Einfuhr von rohen Lebensmitteln. Wichtig ist zudem die konsequente Beprobung von aufgefundenem Fall- und Unfallwild und Meldung von Organveränderungen.