Burg l Der Wind wirbelt mit viel Schwung über den Schulhof der Lindenschule in der Alten Kaserne – die Kinder nicht weniger wild. Dass das eine Kind dabei im Rollstuhl sitzt und das andere nur langsam laufen kann? Gehört zum Schulalltag. „Wir haben hier sehr unterschiedliche Bedürfnisse der Kinder“, erklärt Schulleiterin Ines Winnig. Die Konsequenz: keine Schulbücher, keine Noten.

Aus dem Nichts geschaffen

Die Lindenschule ist eine Förderschule für geistig Behinderte. „Wir haben die Schule nach der Wende aus dem nichts geschaffen“, erinnert sich Almut Stutzer. Sie ist seit Tag Eins Teil der Schulleitung. Tag Eins bedeutete in dem Fall auch, inmitten von unfertigen Klassenräumen, zwischen Farbtöpfen. Improvisation wird an der Lindenschule groß geschrieben, seit Anfang an.

Für die Jungen und Mädchen dürfte das ein ganz großes pädagogisches Geschenk sein. „Wir bereiten jede Unterrichtsstunde individuell vor“, weiß Stutzer. Jetzt sind es mittlerweile 115 Kinder, aus dem ganzen Landkreis. Was vor über 25 Jahren noch einige Räume mit Farbtöpfen und fehlendem Teppich für 42 Schüler war, ist heute eine bunte, laute Schule – mit „richtigem“ Unterricht, wie Schulleiterin Winnig betont. „Viele denken ja, wir machen das hier nicht.“ Haben sie auch nicht, zumindest zu Zeiten der DDR. Damals unterstand die Förderung von Menschen mit Behinderungen ausschließlich dem Gesundheitswesen, erklärt Schulleiterin Winnig. Erst mit der Wende kam die Schulpflicht aus dem Westen für alle Kinder – und damit auch die neue Schulform nach Burg. „Dann hieß es, nicht mehr kann, sondern muss eingeschult werden“, weiß Winnig.

115 Kinder

Für die 115 Kinder ist die Lindenschule nicht nur Schule, sondern auch Familie. „Vor kurzem habe ich einen ehemaligen Schüler im Supermarkt getroffen und er hat mir zugerufen ,Na Muttchen, biste am einkaufen?‘“, erinnert sich Almut Stutzer lachend.

Denn auch das gehört zum Schulalltag: das öffentliche Leben lernen. Dafür geht die Berufschulstufe der Lindenschule nicht nur zusammen einkaufen, sondern absolviert in Kooperation mit verschiedenen Einrichtungen wie dem Nestor Bildungswerk Praktika. „Mir hat Altenpflege gut gefallen“, erklärt Jessica Loeßner.

Perspektive geben

Eine berufliche Perspektive ist den Lehrkräften wie Franka Mück wichtig. „Wir wollen, dass die Schülerinnen und Schüler auch abseits der Lebenshilfe Möglichkeiten finden, einen Beruf auszuüben und vielleicht auch mal eine Familie zu ernähren“, betont die Förderschullehrerin. Auch der Landkreis weiß um die besondere Stellung der Lindenschule im Jerichower Land. „Wir arbeiten deshalb daran, die räumliche Situation zu lösen“, so Andreas Giebel, Sachgebietsleiter Schule. Denn das Gebäude ist für zehn Klassen ausgelegt. Aktuell habe die Schule jedoch 17 Klassen, erklärt die Leiterin der Lindenschule.

Der blumige Name schmückt die Schule seit 1999. „Wir haben einen Namen gesucht, damit unsere Kinder nicht sagen müssen, dass sie auf eine Förderschule gehen“, erklärt Almut Stutze. Dafür hatten die damaligen Schüler allerlei Vorschläge gemacht. Statt Max und Moritz-Schule wurde es grün – die Lindenschule machte das Rennen.

Linde steht heute noch

Am Tag der Namensgebung wurde eine Linde auf dem Schulhof gepflanzt. Der Baum steht auch heute noch da, wenn in der großen Pause bunter Trubel auf dem Asphalt herrscht. Hier wachsen sie alle zusammen.