Imker und Glyphosat

Im Landesverband Sachsen-Anhalt sind inzwischen über 1600 Imker vereint.

Rund 30 Kilogramm Honig bringt ein Bienenvolk im Jahr dem Imker ein. Das ist ein Zehntel dessen, was es produziert. Gut 270 Kilogramm sind Futter fürs 40.000 bis 60.000 Tiere zählende Bienenvolk. Vier bis sechs Wochen lebt eine Arbeitsbiene. Im Winter wird sie vielleicht neun Monate alt. Königinnen, die Imker teilweise auch selbst züchten, bringen es auf etwa drei Jahre Lebenszeit. Pro Tag legen sie etwa 2000 Eier. Im Frühjahr und Sommer hat sich ein Bienenvolk damit nach gut 25 Tagen komplett erneuert.

Rund 5000 Tonnen Glyphosat werden pro Jahr in Deutschland ausgebracht, 98 Prozent davon im Frühjahr und Herbst. Als Wirkstoff ist Glyphosat aktuell in 96 Präparaten zugelassen.. Über 40 davon dürfen auch in Kleingärten angewandt werden. Eingesetzt wird es auch um Bahngleise von Bewuchs freizuhalten. Inzwischen gibt es nach Angaben des Deutschen Bienen-Journals auch Glyphosatfunde in Waldhonig. Sie weisen darauf hin, dass das Mittel auch im Forstbereich eingesetzt wird.

Seit Jahren gibt es einen wissenschaftlichen Streit um die Einschätzung des Krebsrisikos von Glyphosat. Die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation hat dieses meistgespritzte Pestizid der Welt als „wahrscheinlich krebserregend beim Menschen“ eingestuft. Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) kam im März 2017 zu dem Schluss, dass Glyphosat nicht krebserregend sei.

Im Spätherbst 2017 hatte sich Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) gegen Absprachen in der geschäftsführenden Bundesregierung und den Willen von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD bei der EU in Brüssel für eine weitere Zulassung des Unkrautgiftes für weitere fünf Jahre in Europa gestimmt.

Gütter/Schopsdorf l  „2016 hatte ich die Ernte meines Lebens und ich musste sie vernichten“, ist der Imker aus dem Jerichower Land immer noch erschüttert. Er habe aufs Schärfste protestiert, selbst im Bundeskanzleramt angerufen. Am Ende hat ihm auch dies nicht geholfen.  Seine Bienen hatten auf Feldern gesammelt, die zuvor mit dem zugelassenen, aber umstrittenen Unkrautvernichtern Glyphosat behandelt worden waren.

Er wolle seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. „Ich hatte genug Ärger. Die Leute würden meinen Honig nicht mehr kaufen, obwohl er voriges Jahr wieder in Ordnung war“, kann er belegen. „Aber wenn so etwas nochmal passiert, dann höre ich auf.“

Was war vorgefallen? Im Frühjahr 2017 hatte der Imker Post von seinem Honigaufkäufer in Braunschweig erhalten. Sein Honig sei hoch mit dem Pflanzenvernichter Glyphosat belastet.

40-fach überschritten

Der Grenzwert war um das 40-fache überschritten. Die Rückstands-höchstmenge von Glyphosat in Honig darf 0,05 Milligramm je Kilogramm nicht überschreiten. Das liegt knapp über der Nachweisgrenze. Bei Getreide darf die Rückstandshöchstmenge je nach Sorte bis zum 400-Fachen dieses Wertes beim Honig betragen.

Der Hobby-Imker, der gut 20 Völker bewirtschaftet, musste seinen Honig zurücknehmen: 280 Kilogramm, Verkaufswert 1300 Euro. Er durfte ihn nicht verkaufen, sondern hatte ihn als Sondermüll zu entsorgen. Im Schadstoffmobil auf der Deponie in Burg.

Neben dem Verlust des Honigerlöses musste der Hobbyimker, der seiner Lieblingsbeschäftigung seit 1970 nachgeht, auch noch die 850 Euro teure Untersuchung seines Honigs bezahlen. Ein Teil seiner Verluste fing eine Versicherung auf. Den Komplettschaden jedoch nicht.

Vernichter korrekt eingesetzt

Der Hobby-Imker konnte auch nichts vom Bauern zurückfordern, auf dessen mit Glyphosat bearbeiteten Feldern seine Bienen die belastete Nahrung wahrscheinlich gesammelt hatten. Der Bauer hatte nach Volksstimme-Informationen den Unkrautvernichter korrekt eingesetzt.

„Es wird einem Verantwortung aufgebürdet, auf die man keinen Einfluss hat“, kritisiert Nils Rosenthal aus Schopsdorf. Zusammen mit seinem Sohn betreibt er eine Bio-Honig-Imkerei. Etwa 40 Bienenvölker vor allem in Wäldern und auf Wiesen im Hohen Fläming. So versuchen die Berufsimker zu vermeiden, dass ihre Bienen in blühende Ackerkulturen ausschwärmen, die mit Glyphosat und anderen Pflanzenschutzmitteln behandelt wurden.

Sicher sein können sich Rosenthals für ihre Bienenvölker und ihren Honig nicht.

Das weiß auch Imker Karl-Heinz Sperfeldt aus Gütter. Seine gut 100 Bienenvölker erwirtschaften im Jahr rund fünf Tonnen Honig. Bis zu sechs Mal im Jahr nimmt die Lebensmittelaufsicht seinen Honig unter die Lupe. Bisher ohne Befund.

Wirtschaftliche Verluste

Ein anderes Ergebnis könnte zur Katastrophe werden oder mindestens zu herben wirtschaftlichen Verlusten führen. Sperfeldt ist mit seinem Honig in Handelsketten geleistet, die regionale Produkte anbieten wollen. Honig, der über dem Grenzwert belastet ist, wäre nicht mehr verkaufbar.

Um das Risiko zu senken, verlegt Sperfeldt seine Bienenwagen auf von der Landwirtschaft abgelegene Flächen. „Ich gehe auch in Städte oder in Gartenanlagen. Da gibt es kein Glyphosat.“

Zudem versucht er engen Kontakt zu den Bauern zu halten, wenn wer seine Wagen doch in der Nähe von Äckern stellen will. „Es gibt einige Betriebe, mit denen das geht“, sagt Sperfeldt. Dann sei er informiert, wie Fruchtfolgen und Bearbeitungsstände sein werden. Dann könne man sich darauf einstellen. Oft fehlten jedoch Ansprechpartner, weil die Pächter der Flächen sehr oft wechselten und unbekannt blieben.

Bienen schwärmen weit

Bienenvölker schwärmen weit, wenn sie auf Futtersuche gehen. Drei bis fünf Kilometer sind normal. Wird es mal knapp mit dem Nahrungsangebot, geht es auch mal weiter. Da kommt schnell eine Fläche von 30 Quadratkilometer zusammen. Was die Bienen da aufnehmen, kann alles sein.

Auch der Lostauer Imker Günter Schulze hat sich darauf eingestellt. Da in seiner Umgebung viel landwirtschaftlche Fläche ist, ist er mit seinen Bienen Richtung Colbitz-Letzlinger Heide ausgewichen. Er will das Risko verkleinern. Dennoch, auch das sagt er: „Ja, Glyphosat kann ein probkem werden. Aber es kommt bisher sehr, sehr selten vor.“

Repräsentative Daten zur Glyphosat-Belastung von Honig gibt es nicht. Ein Labor in Süddeutschland hat nach Angaben des Bienen-Journals zwischen Juli 2016 und Mai 2017 in einer umfangreichen Untersuchung 1073 Honige auf Glyphosat getestet. Etwa 91 Prozent waren rückstandsfrei. Ganze 20 Honige, von den über 1000 untersuchten, wurden nach Abzug einer Toleranz beanstandet.

Gefahr für Orientierung

„Bei Pflanzenschutzmitteln können Bienen die Orientierung verlieren. Dann finden sie nicht zurück“, erläutert Imker Sperfeldt. „Das ist ein Verlust für den Imker, aber auch ein Glück: Die belastete Biene kommt nicht in den Stock zurück. Der Honig wird aber auch nicht belastet.“

Seit 1975 betreibt er die Imkerei als Hobby, seit 2007 sogar als Geschäft. Aus der Arbeitslosigkeit hatte er über eine Existenzgründung sein Hobby zum Beruf und zu wirtschaftlicher Existenz gemacht.

„Natürlich wäre ein Verbot von Glyphosat eine geeignete Maßnahme“, sagt Nils Rosenthal. Die Imker landes- und bundesweit fordern es. Die Bundesregierung wäre gefragt. „Ich sehe das aber nicht kommen“, macht er sich keine Illusionen. Der Verzicht auf massiven Einsatz von Planzenschutzmitteln und Chemie müsste seiner Meinung nach einhergehen mit dem Rückbau der industriellen Landwirtschaft. Da stünde aber ein Großteil des Bauernstandes dagegen.

Ein Gyphosatverbot greift nach Ansicht von Dr. Horst-Hennig Steinmann vom Zentrum für Biodiversität und nachhaltige Landnutzung an der Universität Göttingen zu kurz.

Kein Routineinstrument

Glyphosat sei schon für vieles verantwortlich gemacht worden, auch die das Vogelsterben. Das geb es seit den 1970er Jahren. Glyphosat werde aber erst seit zehn, zwölf Jahren in großen Mengen eingesetzt, sagte er dem Deutschen-Bienenjournal (7/2017). Dennoch rät er, dass Glyphosat kein Routineinstrument im Ackerbau sein sollte. Landwirte sollten mit Konzepten mehr Platz für Vielfalt in der Agrarlandschaft sorgen.