Zu Adrome

Die Abkürzung Adrome steht für Alkohol, Drogen und Medikamente. Adrome ist ein Suchthilfeverein, der am 30. November 1995 gegründet wurde und damit kurz vor seinem 25. Jubiläum steht.

Der Verein betreibt mehrere Einrichtungen: Das Wohnheim „Sonnenweg“ und die Tagesstätte „Die Brücke“ in Gardelegen, das Wohnheim „Siems“ im gleichnamigen Gardelegener Ortsteil sowie mehrere Möglichkeiten des betreuten Wohnens.

Adromes erklärtes Ziel ist, suchtkranken Menschen zu helfen und ihnen wieder das selbstständige Leben zu ermöglichen. Für ihr Engagement werden die Vereinsmitglieder zusammen mit anderen ehrenamtlichen Helfern regelmäßig von der Stadt Gardelegen geehrt.

(Quellen: adrome-info.de, Volksstimme-Archiv)

Gardelegen l Dienstag, 8 Uhr morgens. Bisher war ich noch nicht so früh in Gardelegen, die Stadt wirkt etwas anders: Etwas ruhiger, etwas leerer, und – wie ich gleich merken werde – ein ganzes Stück schmutziger.

Warum es nicht mehr so schlimm aussieht, wenn ich sonst ankomme, lerne ich heute. Betreute der Tagesstätte „Die Brücke“ vom Suchthilfeverein Adrome ziehen jeden Morgen los, um die Stadt zu säubern, um Mülleimer zu leeren und das aufzusammeln, was es nicht in die Eimer geschafft hat.

Mein Stadtführer durch Gardelegens Mülllandschaft ist Uwe Kurth. Wir bleiben beim Vornamen und gehen gleich zum Du über. Uwe ist Rentner, 59 Jahre alt, seit 20 Jahren in Gardelegen und davon 15 Jahre im betreuten Wohnen. Hierher kam er wegen einer Alkoholsucht. Die 20 Jahre in Gardelegen lebt er in Abstinenz.

Bilder

Der Dreck ist gleichmäßig verteilt

Die morgendliche Stadttour hat schon Tradition, erklärt mir später Adrome-Mitarbeiter Erich Ullrich: 1996, noch bevor die Wohnheime betrieben wurden, konnten sich Freiwillige zu solchen Touren melden. Im Austausch gab es ein kleines Entgelt und eine warme Mahlzeit. Schon damals unterstützte die Stadt Gardelegen das Unterfangen, Adrome führte die Touren bis zu ihrer heutigen Form weiter.

Diese startet mit einer kurzen Versammlung, zur Arbeitseinteilung und für Gespräche – etwa darüber, wie die Leute ihre Abhängigkeit im Griff haben. Ich nutze die Zeit schon mal für ein Vorabgespräch mit Uwe, und mit Christopher, der sich nach einer Weile zur „Spätschicht“ meldet – also bis kurz vor Tourstart ausschläft. Christopher ist für den Wall zuständig und hatte sich auch bereiterklärt, mit mir durch die Stadt zu ziehen. Wir einigen uns darauf, dass ich später zu ihm stoße.

Es gibt verschiedene Routen, wie den Weg zum Bahnhof, den Schlüsselkorb oder die Innenstadt, die Uwe zugeteilt wird. Richtige Müllschwerpunkte gibt es nicht, erzählt er mir, alles ist wohl ähnlich verdreckt. Wir ziehen um 8.30 Uhr los, mit Uwes Bollerwagen Nummer 9 und einer Extra-Zange für mich. So kann ich gleichzeitig aushelfen und die Zeit ausgleichen, die ich Uwe durch Aufschreiben und Fotografieren koste.

Hundebesitzer können fies werden

Uwe kümmert sich zusätzlich um die Hundehaufen, die er findet. Die ersten gibt es schon wenige Meter vor dem Adrome-Eingang. Ich stelle mir vor, wie es wohl aussieht, als Müllsammler Hundebesitzer und ihre Tiere auf frischer Tat zu ertappen, aber Uwe hat das schon erlebt, und aufgegeben: „Wenn man die anspricht, meinen sie ‚Wofür zahle ich Hundesteuer!?‘.

Solche Begegnungen bleiben uns erspart. Die meisten Leute, die ihm über den Weg laufen, grüßen Uwe – mit seiner reflektierenden Jacke und dem Bollerwagen kaum zu übersehen. Einige kennen ihn auch schon mit Namen, sie sind wohl ähnlich wie die Morgentour Teil seiner Routine. Etwas Dankbarkeit dürfte in den Begrüßungen auch stecken, so, wie es in Uwes Schilderungen klingt: „Manche sagen auch: ‚Mal gut, dass es euch gibt. Ohne euch wäre Gardelegen schon untergegangen.‘ “

Was die Sammlung zusammenträgt, schildert mir später Tagesstätten-Leiterin Ilona Haberland: Mittlerweile liefert Adrome zwischen zehn und 13,5 Tonnen jährlich an der Deponie ab, die Gebühren übernimmt die Stadt. Eine gute Tonne pro Monat also, da würde ich mir nicht ausmalen wollen, wie Gardelegen aussähe, würde Adrome nur ein paar Wochen Pause machen.

Raucher haben sämtliche Straßen markiert

Einer Spur aus Hundehaufen und Zigarettenstummeln folgend landen wir in der Innenstadt. Hier sind mehr Fußgänger unterwegs, dementsprechend nimmt die Mülldichte zu. Besonders auffällig: Die Kippen sind nicht nur über Fußwege verstreut, sondern sammeln sich vor allem neben den Mülleimern – auch denen mit eingebauten Aschenbechern.

Extra in die Richtung zu gehen, nur um die Filter doch an der falschen Stelle landen zu lassen, müsste eigentlich mühsamer sein, als sie einfach reinzuschnippen. Das wirkt schon fast wie eine Provokation.

Dass die Dinger auch noch verdammt schwer mit der Zange zu greifen sind, macht es nicht besser. Aber es liegen genug rum, um viel zu üben. Ich merke, dass ich geschickter und feinfühliger werde.

Eine ganz gute Beschäftigung, wie ich merke, ist, sich zu überlegen, wie das ganze Zeug eigentlich da hinkam. Denn so wie zum Beispiel privater Abfall etwas über eine Person verraten kann (Essgewohnheiten, Hobbys und so weiter), steckt auch hinter öffentlichem Schmutz oft eine kleine Geschichte, oder genug, um zu mutmaßen. Anhaltspunkte, die Verantwortlichen zu finden, liefert er nicht.

In mehreren Eimern liegen etwa angebissene Eiswaffeln. Hier haben die Waffeln wohl nicht so gut geschmeckt wie die Kugeln, sie wurden also entsorgt, aber wenigstens ordnungsgemäß.

Vor einem Laden liegen unbenutzte Zigarettenhülsen, dazwischen ein Häufchen Tabak. Hier hat wohl jemand versucht, Zigaretten zu drehen, ist gescheitert, und ließ das zurück.

Ein falscher 10-Euro-Schein hat vielleicht schon vorher jemanden getäuscht, der ihn frustriert wegwarf. Uwe wird jedenfalls kurzzeitig sein nächstes Opfer, als er ihn aus dem Müll zieht. Auch das mögliche Trostgeld durch Dosenpfand fällt aus, auf die Sachen, die wir finden, gibt es keines.

Richtige Wertgegenstände kommen übrigens ins Fundbüro, sagt Uwe. Wer auf diesem Weg etwas zurückbekommt, hat das also womöglich auch den Leuten der Adrome-Suchthilfe zu verdanken. Pfandflaschen dürfen die Sammler dagegen behalten, weiß ich von Christopher.

Eigentlich war gedacht, dass ich den auch kurz auf seiner Tour begleite. Auf dem Wallstück, auf dem wir verabredet waren, finde ich ihn aber nicht. Dafür wirken die Wege dort sehr sauber, also entweder passen die Leute hier besser auf oder er war auch schon fleißig.

Für mich ist die Tour also vorbei, aber ein paar Stunden später schau ich auf dem Nachhauseweg, wie lange sie eigentlich was bringt. Auf den Wegen liegt schon neuer Unrat – vielleicht mit Absicht, vielleicht aus überfüllten Mülleimern geweht. Es wird jedenfalls auch am nächsten Tag wieder etwas für die fleißigen Sammler geben.