Engersen l Sie sind sanftmütig und dennoch robust, haben rotes oder schwarzes Fell, werden maximal 1,60 Meter groß und grasen fast das ganze Jahr über unter freiem Himmel auf der Weide – die Angus-Rinder der Familie Jung in Engersen. „Wenn ich auf der Weide stehen und mir die Tiere ansehe, dann denke ich manchmal, hierher müsste man überarbeitete Städter zur Meditation bringen“, sagt Christian Jung mit zufriedenem Blick über die Tiere. Natürlich führt er tatsächlich aber keine Großstädter auf die Weide. Der landwirtschaftliche Betrieb der Familie Jung ist ein Reinzuchtbetrieb mit Direktvermarktung.

Mit der Haltung der Deutsch Angus, entstanden durch Kombinationskreuzung zwischen dem schottischen Aberdeen Angus und dem einheimischen Schwarzbunten Rind, begann sein Vater Karl-Ernst Jung bereits zu Beginn der 1990er Jahre. Mittlerweile bewirtschaftet Madeleine Jung, Christian Jungs Ehefrau, diese Rinder. Derzeit befindet sich der Grünlandbetrieb in der Umstellung zum Bio-Unternehmen. Die Umstellungsphase dauert insgesamt zwei Jahre an.

95 Mutterkühe

In den 1990er Jahren ging es mit zehn Angus-Rindern los. Mittlerweile zählen 95 Mutterkühe zur Herde der Familie Jung. Hinzu kommen die jeweiligen Kälber sowie die Jungrinder aus dem Vorjahr. Die Kälber bleiben etwa sieben Monate bei der Mutterkuh auf der Weide. Nach dieser Zeit wird ein Großteil der männlichen Tiere an Mastbetriebe weitergegeben. Circa 15 Jungbullen bleiben zur Direktvermarktung beziehungsweise für die Zucht im Engersener Betrieb. Ähnlich verhält es sich mit den weiblichen Tieren. Auch hierbei geht ein Teil in den Export. Die übrigen bleiben im Betrieb und werden später der Bedeckung zugeführt. „Gedeckte Tiere gehen sowohl in den Verkauf als auch in die Reproduktion zur Verjüngung der eigenen Zuchtstrecke“, erläutert Christian Jung. Der Export lebender Tiere geht häufig nach Osteuropa.

Zum Abkalben werden die Tiere in den Stall gebracht. Das hat zwei positive Effekte, wie Jung erläutert. Zum einen könne dort besser nach den werdenden Müttern gesehen werden, für den Fall dass es Probleme gibt. Zum anderen gewöhnen sich auch die frisch geborenen Kälber so besser an den Menschen, werden umgänglicher.

Robust und anpassungsfähig

Die Besonderheit der Angus-Rinder ist ihre genetische Hornlosigkeit. Die Tiere sind anspruchslos, das bedeutet, dass sie sich ihrer Umgebung anpassen können. So kommen sie auch mit schwierigen Bedingungen zurecht. Vor allem in den zurückliegenden beiden sehr trockenen Sommern hat sich das bewährt. „Die Tiere standen gut im Fell und gut im Futter. Sie haben sich der Situation gut angepasst“, so Jung. Außerdem sind Angus-Rinder sehr ruhig. Sie sind leichtkalbig und besitzen eine relativ hohe Milchleistung für das Kalb. Zum Melken werden Angus-Rinder nicht genutzt. Es ist eine Fleischrasse.

Das Fleisch des Angus-Rindes ist beliebt. Es ist seiner Zartheit wegen empfehlenswert. Und die Fleischvermarktung läuft bei Familie Jung auch anders ab, als im nächstgelegenen Supermarkt. Das Fleisch liegt nicht auf Halde in der Tiefkühltruhe. Das ganze Jahr über nimmt Madeleine Jung Bestellungen entgegen. Der Kunde kauft ein etwa sieben Kilogramm schweres Familienpaket, in dem von fast jedem Teil des Rindes etwas dabei ist. Somit soll der Kunde wieder an die umfangreiche Verarbeitung der einzelnen Rinderteile geführt werden. Geschlachtet wird während der Wintermonate. Die Kunden erhalten Bescheid, wann sie ihr Fleischpaket abholen können. Oft ist es also noch so, dass das Rind noch munter auf der Weide grast, wenn die Bestellung eingeht.

Produkt aus der Region

Zwar werden Fleischpakete vom Jung’schen Betrieb auch online vermarktet und Ware wurde tatsächlich schon nach Berlin oder Frankfurt am Main verschickt, das Gros der Kunden kommt aber aus der Region. Und ihr Mann fügt hinzu: „Klar ist das Fleisch teurer, aber die Herkunft des Rindes ist bekannt. Das spielt für die Kunden eine große Rolle. Außerdem soll man weniger Fleisch essen, und dann darf es ruhig qualitätsvoll sein.“ Auf jeden Fall nehme die Sensibilität der Bevölkerung zu, was die Frage nach bewusster, nachhaltiger Ernährung und nach Lebensmitteln aus der Region betrifft. Da sind sich die Eheleute einig. „Das Entscheidende für uns ist die Wertschätzigkeit des Produktes, die Regionalität“, so Madeleine Jung.

Zwar ist das Fleisch des Angus-Rindes ein besonderes Stück Fleisch, die Haltung dieser Rasse ist so etwas Besonderes beziehungsweise Seltenes aber gar nicht mehr. Allein in der Altmark gibt es zahlreiche Züchter, zum Beispiel in Poritz, Schernebeck bei Tangerhütte oder Groß Garz. Wie Christian Jung berichtet, ist das Angus-Rind sogar die am dritthäufigsten gehaltene Fleischrinderrasse in Deutschland.