Historisches

Aus baumloser Ödnis wird 1885 grüne Oase: Besondere Führung mit Gardelegens Uralt-Bürgermeister Julius Beck auf seinem Wall

Charmant und sehr unterhaltsam wurde am Sonntag nach langer coronabedingter Pause wieder Interessantes zur Gardelegener Stadtgeschichte vermittelt. Im Rahmen des Gartenträume-Picknicktages führte Uralt-Bürgermeister Julius Beck, alias Stadtmitarbeiter Rupert Kaiser, die Gäste über den grünen Ring rund um die Altstadt.

Von Elke Weisbach 26.07.2021, 18:08
Uralt-Bürgermeister Julius Beck alias Stadtmitarbeiter Rupert Kaiser flanierte am Sonntagnachmittag mit Gästen über den Wall und erzählte Interessantes aus der Historie der Stadt.
Uralt-Bürgermeister Julius Beck alias Stadtmitarbeiter Rupert Kaiser flanierte am Sonntagnachmittag mit Gästen über den Wall und erzählte Interessantes aus der Historie der Stadt. Foto: Elke Weisbach

Gardelegen - Obwohl es sehr warm war und das Thermometer fast 30 Grad Celsius zeigte, zog Rupert Kaiser am Sonntagnachmittag, 25. Juli, seine weißen Handschuhe aus der Tasche, um sie überzustreifen. „Ohne sie komme ich mir nackt vor“, erklärte er, besser gesagt sein Alter ego, Gardelegens Uralt-Bürgermeister Julius Beck. Denn als dieser lud er im Rahmen des Gartenträume-Picknicktages zur ersten größeren Führung nach langer und coronabedingter Zwangspause ein, die mit Kaffee, Kuchen und angenehmen Gesprächen auf der Terrasse des Schützenhauses endete. Er hatte sich aber, wie er am Treffpunkt vor der Nikolaikirche seinen Gästen verriet, schon etwas mehr Luft als sonst verschafft, indem er die Weste seiner Amtstracht weggelassen hatte.

Flanieren über die Lindenallee

Ein Dutzend interessierte Männer, Frauen und Kinder hatte sich eingefunden, um mit der Figur des Julius Beck über die 2,5 Kilometer lange Lindenallee zu flanieren und Wissenswertes über den Wall, die Nikolaikirche, den Stadtgraben, Teile der Stadtmauer und über die Bastionen wie das Salzwedeler Tor erfahren.

Der grüne Ring umschließt die Altstadt – damit ist Gardelegen eine von fünf Städten deutschlandweit, die so eine grüne Idylle bieten. Seit dem Jahr 2000 gehört sie zum Netzwerk „Gartenträume – Historische Parks in Sachsen-Anhalt“.

Und wem haben die Hansestädter den Wall zu verdanken? Natürlich Julius Beck, der, hätte es laut Kaiser das Guinness-Buch der Rekorde damals schon gegeben, dort gleich zweimal einen Eintrag erhalten hätte. Er war nämlich 1881, als er die Amtsgeschäfte übernahm, erst 27 Jahre alt. Und er leitete die Geschicke der Hansestadt 42 Jahre lang. So lange war bisher kein Bürgermeister im Amt.

Fachwerk, Sandstein und 90 Bier- und Weinstuben

Unter seiner Regie wurde aus der „baumlosen Ödnis“, die Gardelegen damals war, eine moderne und durch die Lindenallee auch eine grünere Stadt. Und ausschlaggebend dafür war, wie Beck alias Kaiser aus dem Nähkästchen plauderte, der Besuch von Theodor Fontane im Jahr 1883. Der Schriftsteller, Journalist, und Kritiker ließ sich zwar von Beck und seiner Frau Anna, die der Uralt-Bürgermeister laut Kaiser „Kostgeldzerstäuber“ nannte, alles an Fachwerk und Sandstein sowie die 90 Bier- und Weinstuben zeigen, weigerte sich aber am Ende, über Gardelegen zu schreiben.

„Weil Gardelegen ein Drecknest ist“, war seine Begründung. Fontane war nämlich, wie Beck alias Kaiser erklärte, allein im Bereich der heutigen Wallanlage unterwegs. Dort, wo die Kinder mit Totenschädeln spielten, die Frauen die Wäsche wuschen und bleichten und sich der Unrat der Stadt sammelte. „Er hat gerochen, dass dort die Kloake der Stadt war.“ Das allerdings wollte Beck damals nicht auf sich sitzen lassen. Deshalb gründete er einen Verschönerungsverein mit dem Ziel, einen Bürgerpark anzulegen. Dafür legte er persönlich Hand an und pflanzte die ersten elf Linden am Stendaler Tor. Aus ihnen wurde mit den Jahrzehnten rund um die Altstadt eine Lindenallee mit Gärten, Tiergehege und Stadtgraben.

Die Führung am Sonntag gab den Startschuss für weitere Angebote der Tourist-Information in den nachfolgenden Wochen. Bereits am kommenden Sonntag, 1. August, steht die nächste Führung an.

Nächste Führung am Sonntag, 1. August

Um das Kräutlein „Nies mit Lust“ und andere Gewächse dreht sich dann ein unterhaltsamer Wallspaziergang mit Kräuterfee Maria Hellge. Unter dem Motto „Rund ums Kraut“ gibt die ausgewiesene Expertin verblüffende, spannende und geheimnisvolle Informationen über die kleine Welt am Wegesrand. Die Teilnehmer werden erstaunt sein, was man alles mit den verschiedenen Pflanzen anfangen kann, denn gegen alles ist ein Kraut gewachsen.

Los geht es um 14 Uhr. Treffpunkt ist das Salzwedeler Tor. Für den Wallspaziergang, der im Rahmen der Gartenträume-Aktion „Wissen, das wandert“ stattfindet, wird ein Unkostenbeitrag in Höhe von sechs Euro erhoben, der bei dieser Gelegenheit zu entrichten ist. Da die Teilnehmerzahl auf 30 Personen begrenzt ist, sind Voranmeldungen in der Tourist-Information der Einheitsgemeinde Hansestadt Gardelegen am Rathausplatz 10, Telefon 03907/422 66, erbeten. Kurzentschlossene können sich am Veranstaltungstag am Salzwedeler Tor einfinden und beim Spaziergang dabei sein, sofern die maximale Teilnehmerzahl nicht überschritten wird.