Gardelegen l Mit der elektrischen Haarschneidemaschine könne er schon prima umgehen, versichert Khalil selbstbewusst. Und auch mit der Schere – quasi die Hohe Schule des Friseurhandwerkes – klappe es schon ganz gut. Natürlich nicht so flüssig, wie beim Chef, schließlich hat Fritz Schröder ein paar Jährchen mehr Erfahrung, als sein neuer Mitarbeiter, „aber ich übe täglich“. Das allerdings fordert der Gardeleger Friseurmeister von seinem derzeitigen Praktikanten auch ein. Denn dass der 19-jährige Syrer seinem Traumberuf in Deutschland derzeit ein großes Stück näher kommt, verdankt Khalil nur ihm. Schröder hat sich bereit erklärt, es mit dem jungen Mann zu versuchen. Sein Motto: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, und Khalil ist willig.“

Aber das hat vielleicht auch ein bisschen mit dessen Genen zu tun. Denn das Frisieren liegt sozusagen in der Familie. Auch der Vater sei Friseurmeister, erzählt der Junior, der Opa ebenfalls. In Papas Geschäft, in der syrischen Stadt Kamishli, hat er schon als Kind zugeschaut, später sogar mal mitgeholfen.

Zwei Jahre lebte er im Libanon

Dann allerdings holt der Krieg sie ein. Die Familie muss flüchten. Zwei Jahre lebt Khalil mit Eltern und seinem jüngerem Bruder im Libanon. Dort sind sie zwar in Sicherheit, allerdings ohne Aussicht auf eine Zukunft. Über die Hilfsorganisation UNICEF bekam die Familie schließlich die Chance, nach Deutschland zu gehen, erzählt Khalil. Mit dem Flugzeug landen sie am 7. Januar 2014 in Köln, werden dem Altmarkkreis zugeteilt und bekommen eine vorläufige Aufenthaltsgenehmigung. Seither versuchen sie sich hier zu integrieren. Der Vater beende demnächst seinen Deutschkurs und wolle dann auch versuchen, eine Stelle als Friseur zu finden. Jomard, der 14-jährige Bruder gehe noch zur Schule. „Er hat es gut“, sagt Khalil, denn er sei jünger, könne leichter Deutsch lernen und sich einleben.

Tatsächlich sei es für junge Menschen in Khalils Alter nicht leicht, bestätigt Yvonne Papke, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit in Stendal. Zwar hätten Jugendliche ihre Schulpflicht erfüllt, allerdings in ihrem Land und nicht in Deutschland. Khalil ging in Gardelegen zwar noch kurz zur Schule, sein Deutsch ist deshalb gar nicht schlecht. Ob es aber für den Besuch der Berufsschule mit umfangreichen theoretischen Anforderungen reicht, ist unsicher. Ihm sei deshalb zunächst ein Berufsvorbereitungsjahr angeboten worden, erläutert Papke. Das ermögliche ihm unter anderem sogar die Anerkennung eines Schulabschlusses.

Schulpraktikum im Friseurhandwerk

Im Rahmen eines Schulpraktikums darf sich der 19-Jährige, der vom Gardeleger Jobcenter betreut wird, auf eigenen Wunsch nun bei Friseurmeister Fritz Schröder versuchen. Und wenn alles gut geht, wechselt Khalil am 7. Januar aus dem Praktikum in eine Einstiegsqualifizierung und bekommt nach einem Jahr die Chance auf eine richtige Ausbildung zum Friseur. „Und mit der dualen Ausbildung steht ihm dann ja alles offen.“

Wie kompliziert zuweilen die Bürokratie in Deutschland ist, darüber kann Khalil nur staunen. „In Syrien geht man zu einem Friseurmeister, der bildet einen aus, und wenn er meint, dass man alles kann, schreibt er ein Zeugnis“, erzählt er. Berufsschule sei nicht unbedingt Pflicht. Alles funktioniere auf dem Prinzip „Learning by doing“ (Lernen beim Anwenden). In seinem Fall hätte er also sogar beim Papa lernen können. Nun lernt er bei Fritz Schröder. „Und er ist auch fast wie ein Vater“, sagt Khalil lächelnd. Also auch streng? „Manchmal“ sagt der 19-Jährige. Aber das ist wohl auch wichtig. „Schließlich müssen wir ihn ja dann irgendwann durch die Prüfung kriegen“, sagt der Chef und lässt ihn gleich beim nächsten Kunden wieder ran und mit der Schere üben.

Auch Frauen müssen frisiert werden

Ach ja: Bei dem deutschen Frieseurmeister werden natürlich auch keine Unterschiede gemacht: Khalil muss auch Frauen frisieren. Einigen Kundinnen durfte er schon die Haare waschen. So etwas ist in Syrien im Normalfall eigentlich nicht üblich, bestätigt Khalil. Aber er akzeptiere das, auch als Moslem, denn die Deutschen akzeptierten schließlich auch seine Religion. „Wenn es möglich ist, möchte ich gern hierbleiben“, sagt er ganz zum Schluss. Sein Ziel sei die unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. Mit seiner Ausbildung ebnet er sich – unterstützt vom Jobcenter, der Arbeitsagentur und vor allem von Fritz Schröder – vielleicht gerade selbst den Weg dorthin.