Gardelegen l Er erzählt aus seiner Vergangenheit. Schließlich hat die auch mit Gardelegen zu tun. Zumindest ein kleiner Teil. Und so beginnt Gert Hoffmann am Freitagabend seine Lesung mit jenem 28. November 1989, als er im Privatauto über die geöffnete Grenze auf „holprigem Kopfsteinpflaster“ Richtung Gardelegen rumpelt, durch Dörfer, die ihn „an die Nachkriegszeit erinnern“. Am Ziel seiner Fahrt erwarten ihn „richtiger“ Kaffee und Kuchen und eine sehr gastfreundliche Familie in einer Neubauwohnung. Peter Kwandt, Gardelegens Bürgermeister, hat ihn eingeladen. Es sind die ersten Kontakte des Gifhorner Stadtdirektors in die „Zone“.

Lebhaft und sehr detailliert schildert Hoffmann die Begegnung zwischen Ost und West. Im Publikum – gekommen sind etliche Stadträte, Vertreter aus Lokalpolitik und Mitglieder des örtlichen Rotary-Clubs – ist wahrzunehmen, wie der eine oder andere Zuhörer gedanklich wohl immer mal wieder ein bisschen abschweift. Denn jeder erinnert sich an eigene Erlebnisse in dieser Zeit des Umbruchs. Die Mehrzahl im Raum allerdings mit umgekehrter Blickrichtung.

Klischee vom überlegenen Wessi

Denn Hofmann schaut in seinen Erinnerungen natürlich von West nach Ost. Die Unterschiede werden schnell deutlich. Während die Jahre nach dem Mauerfall für ihn einer „der interessantesten und spannendsten Teile“ seines beruflichen Lebens werden, wie er betont, geht es im Osten nach der Wiedervereinigung wirtschaftlich den Bach runter. Hoffmann macht zu jener Zeit mit dem Aufstieg vom Verwaltungsdirektor im kleinen Gifhorn zum Regierungspräsidenten in Dessau den Karrieresprung seines Lebens, während gleichzeitig große DDR-Betriebe wie die Chemiewerke in Bitterfeld oder Orwo in Wolfen von der Treuhand abgewickelt werden. Das weckt bei manchem im Publikum zwiespältige Gefühle. Und er bestätigt auch immer gern das Klischee vom überlegenen Wessi. Da wohnt der ostdeutsche Gastgeber „in einem äußerst schlichten, öden und tristen Wohnblock“, ein andermal ist ein DDR-Büro „schon nach Weststandard“ eingerichtet. Da steht der „unsichere“ Ex-DDR-Betriebsleiter dem „unbefangenen und sachlichen“ Hoffmann gegenüber.

Aber der kann zugegebenermaßen gut erzählen. Und er ist ein guter Beobachter, holt die Zeit der Wende an diesem Abend zuweilen mit sehr amüsanten Erinnerungen an damalige Politiker und skurrile Situationen zurück. Zudem verurteilt er nicht, hält sich – wohl auch angesichts seiner eigenen politischen Vergangenheit (Hoffmann war zwei Jahre lang Mitglied der NPD) – mit Kritik an der SED-Mitgliedschaft vieler seiner einstigen Mitstreiter aus dem Osten zurück: „Ich habe wirklich viel gelernt über die DDR“, gibt er zu. Und deshalb gibt es nach der Lesung auch Applaus.

Komplimente von Mitstreiterin

Danach beantwortet Hoffmann zudem ganz entspannt noch Fragen – und genießt sichtlich die Komplimente von Gardelegens Ex-Bürgermeisterin Hannelore von Baehr, die die Unterstützung der Gifhorner in der Verwaltungsarbeit nach der Wende nicht vergessen hat: „Ich kann nur immer wieder Danke, Danke sagen!“ Die Antwort auf eine Frage bleibt der Autor einer politischen Autobiografie und jahrzehntelange Politiker allerdings schuldig: Wie er zu den derzeitigen Umfragewerten von CDU und SPD stehe, will Alt-Bürgermeister Konrad Fuchs von ihm wissen. „Wissen Sie“, sagt Hoffmann daraufhin, „ich bin wirklich froh, dass ich mit aktueller Politik nichts mehr zu tun habe.“ Und das lässt einige in der Runde dann doch etwas verwundert zurück.